Bericht

Die Erinnerungen sprudelten

19.07.2010

Über Vorlesebücher für die Altenpflege


Wie schafft man eine Verständigung mit alten, pflegebedürftigen, demenzkranken Menschen, die in einer scheinbar anderen Welt leben?
Können Angehörige die bestehenden Barrieren überwinden und einen Zugang zu Inhalten des Bewusstseins ihres erkrankten Familienmitglieds finden, die längst verloren zu sein scheinen?
Immer wieder werden diese Fragen von Pflegepersonal und Angehörigen gestellt. Bei den Betroffenen geht es um Menschen, deren Alltag häufig vom Erleben eines Sinnverlustes und von innerer Leere charakterisiert scheint. Die geäußerten Lebenserinnerungen reduzieren sich oft auf wenige Inhalte, die fortwährend wiederholt werden. Daraus kann bei den Betreuenden eine große Hilflosigkeit in der Begegnung mit den Erkrankten entstehen.

Aus meiner langjährigen Erfahrung in der Altenpflege weiß ich: Gelingt es, die durchaus noch vorhandenen positiven Erinnerungen aus dem Langzeitgedächtnis wachzurufen, kann ein ungeahnt breites Spektrum von lebensgeschichtlichen Erfahrungen aktiviert werden. Es können Gefühle von Glück und Zufriedenheit, ja sogar Stolz auf die eigene Lebensleistung auftauchen, die längst verloren schienen. So kann einem schleichenden Identitätsverlust entgegengewirkt werden.

Wenn dies geschieht, ist das nicht nur für den betroffenen Menschen selbst eine durchweg positive Erfahrung, es verändert sich auch die Situation der betreuenden Person. Sie muss nicht mehr auf die immer gleichen Sätze reagieren, sondern hat neue Kommunikationsmöglichkeiten. Sie kann dem pflegebedürftigen Menschen viel lebendiger begegnen, echte Anteilnahme zeigen und einfühlsam auf seine Erlebnisse eingehen, selbst wenn diese möglicherweise nur zum Teil verständlich und manchmal eher bruchstückhaft, aber mit großer emotionaler Beteiligung, vorgebracht werden.

Eine Möglichkeit, dieses Stadium zu erreichen, ist das Vorlesen besonderer biografischer Erinnerungen, mit denen eine unmittelbar sicht- und greifbare Wirkung erzielt werden kann. Leider gibt es nur wenige Texte, die für diesen Zweck wirklich geeignet sind, und mit denen speziell diese, bisher vollkommen vernachlässigte Zielgruppe erreicht werden kann. Diese Texte müssen Voraussetzungen erfüllen, die in ihrer Kombination in der Literatur nur selten vorkommen.

Bei demenzkranken Menschen leidet zuerst das Kurzzeitgedächtnis, während das Langzeitgedächtnis noch lange erhalten bleibt. Am besten präsent ist die Zeit des jungen Erwachsenenalters. Die Geschichten müssen sich also auf Erinnerungen von früher beziehen, am besten aus der Zeit der Kindheit bis in das junge Erwachsenenalter der heute etwa 80-Jährigen.

Diese Generation hat ihre Jugendzeit im und nach dem Krieg erlebt, und es gibt viele traumatische Erlebnisse aus dieser Zeit (Bombennächte, Hungersnot, Vertreibung, Flucht). Beim Vorlesen von Erinnerungsgeschichten für unsere Zielgruppe kann es nicht darum gehen, die Schrecken dieser Zeit zu verarbeiten. Dies ist für gebrechliche alte Menschen, vor allem für demenzkranke Menschen, nicht mehr möglich. Ziel ist vielmehr, den Stolz auf die oft genialen, phantasievollen Überlebensstrategien, die diese Generation in der schwierigen Nachkriegszeit entwickelt hat, wieder aufleben zu lassen, den Mut, das Durchhaltevermögen, die Tapferkeit und die trotz aller Schwierigkeiten lebensfrohe Haltung lebendig werden zu lassen. Da können die Jungen, die die Geschichten vorlesen, nur staunen und Anerkennung zollen.

Vorlese-Geschichten für diese Zielgruppe sollten nicht pädagogisierend sein. Demenzkranke Menschen sind keine Schulkinder. Auch geht es nicht um ein Training kognitiver Kompetenzen oder eine Verbesserung der intellektuellen Leistungsfähigkeit, sondern um eine identitätsstärkende Wirkung durch das Wachrufen von positiven Bildern der eigenen Vergangenheit.

Es sollten authentische Schilderungen von Erlebtem sein, keine konstruierten Geschichten. Letztere sind nach meiner Beobachtung wenig dazu geeignet, lebendige Erinnerungen wachzurufen. Die Erzählungen sollten von Alltags- oder Bewährungs-Situationen handeln, nicht von Ereignissen, die dem Zuhörenden kaum hätten begegnen können. Die Zuhörenden verlieren ihre Aufmerksamkeit sehr schnell, wenn sie die Geschichten nicht in der Nähe ihrer eigenen Biografie verankern können.

Wegen der geringen Aufmerksamkeitspanne dieser Zuhörergruppe müssen die Geschichten kurz sein. Zwei bis drei Seiten reichen oft. Geeignete längere Texte, besonders wenn es sich nicht um eine zusammenhängende Geschichte handelt, können auch mit Unterbrechungen vorgelesen werden. Bücher mit der Schilderung eines ganzen Lebens sind nicht geeignet.

Die Erzählungen sollen lebendig und spannend geschrieben sein. Alte, gebrechliche Menschen und vor allem demenzkranke Menschen können sich nur bei prägnanten Inhalten für kurze Zeit konzentrieren. Auch ist es wichtig, dass die Geschichten in einer einfachen, aber zugleich guten Sprache formuliert sind, also keine Schachtelsätze, kaum Fremdwörter, keine abstrakten Gedankengänge und keine komplizierten Personenzuordnungen enthalten, sondern konkrete, klare, einfach aufzunehmende, anregende Schilderungen von Erlebnissen.

Wo findet man solche Texte?
Vor etwa einem Jahr stieß ich auf Sammelbände der Reihe Zeitgut mit vielen kurzen, abgeschlossenen Zeitzeugen-Erinnerungen aus dem 20. Jahrhundert. Mir schienen davon einige Kindheits- und Jugenderinnerungen auf Anhieb reizvoll. Wir haben diese Texte dann in unserem Tageszentrum für Alzheimer Kranke in Wetzlar ausprobiert und bei unseren Tagesgästen ein erstaunlich starkes positives Echo damit hervorgerufen. Bei etlichen demenzkranken Tagesgästen sprudelten die eigenen Erinnerungen nur so und alle, die überhaupt noch Sprache verstehen und zudem ausreichend gut hören können, hörten aufmerksam zu.

Aus diesen Erlebnissen und Beobachtungen entstand die Idee der Vorlesebücher für die Altenpflege auf der Grundlage von Zeitzeugen-Erinnerungen. Heute, nach einem Jahr Auswahlarbeit und wiederholten Vorlesetests, hat sich bei mir ein sicheres Gefühl für die „richtigen“ Texte entwickelt, aus dem ein Bewertungskatalog entstand. Danach habe ich Material für vorerst zwei Vorlesebücher ausgewählt. Und weil der Zeitgut Verlag bereits seit mehr als zwölf Jahren auf das Sammeln und Veröffentlichen von Zeitzeugen-Erinnerungen in Sammelbänden spezialisiert ist, steht dort ein beachtlicher Fundus an weiteren geeigneten Texten zur Verfügung. Die vierzig Geschichten für die ersten beiden Bände unter dem Titel „Momente des Erinnerns“ erfüllen durchweg die oben genannten Kriterien. Die Bücher sind im Juni dieses Jahres erschienen. Damit ist eine ganz neue, einmalige Buchreihe ins Leben gerufen, in der etwa gleichaltrige Zeitzeugen in kurzen, sehr lebendigen und authentischen Schilderungen die Erinnerung an Erlebnisse ihrer Jugend wachrufen.

Die meisten pflegebedürftigen Menschen können nicht mehr selbst lesen. Die Vorlesebücher richten sich deshalb an all jene, die sie pflegen und betreuen. Zwar sind die Geschichten speziell für pflegebedürftige und demenzkranke alte Menschen ausgesucht, sie können aber genauso gut für körperlich oder geistig gesunde Menschen gelesen werden und sie sind ebenso für jüngere Menschen interessant. Deshalb sind sie auch bestens geeignet für den Einsatz in Gruppen, die in Bezug auf die Fähigkeiten ihrer Mitglieder heterogen sind. Selbst bei schwerstkranken Menschen, die den Inhalt der Texte kaum erfassen, kann durch die Sprachmelodie und die lebendige Stimme der Vorlesenden eine beruhigende Wirkung erzielt werden. Zudem ist es für die Vorlesenden selbst befriedigender, interessante und gute Texte zu lesen, die ihnen auch persönlich Erkenntnisgewinn und Unterhaltung bieten.

Autorin:
Bettina Rath

Über die Autorin:
Bettina Rath, geboren 1946 in Glehn am Niederrhein, 1965 Abitur in Köln, 1968 bis 1973 Psychologie-Studium mit Diplom-Abschluß, 1973 bis 1985 Lehrtätigkeit für Berufe im Gesundheitswesen am Berufsfortbildungswerk des DGB in Frankfurt, 1985 bis 1987 Ausbildung als Altenpflegerin in Frankfurt mit Diplom, 1987 bis 1989 Leitung eines Altenpflegeheims der Arbeiterwohlfahrt, 1989 bis 1999 Leitung einer Beratungsstelle des Diakonischen Werks in Wetzlar für ältere, behinderte und kranke Menschen. Seit 1999 Tätigkeit als gesetzliche Betreuerin im Diakonischen Werk in Wetzlar. Lebt in Hungen in Hessen.
Ehrenamtliche Tätigkeiten:
1990 Gründung der Alzheimer Gesellschaft Mittelhessen e.V. in Wetzlar, Vorsitzende bis heute.
Zeitweilig Mitglied des Vorstands der Deutschen Alzheimer Gesellschaft Berlin.
Seit 1990 Vortragstätigkeit, Unterricht an einer Altenpflegeschule, umfangreiche ehrenamtliche Beratungstätigkeit und Schulungskurse für Angehörige von demenzkranken Menschen.
1993 Gründung des Tageszentrum für Alzheimer Kranke am Geiersberg, Wetzlar, Geschäftsführung bis heute.
1996 Bundesverdienstkreuz für den Einsatz für demenzkranke Menschen und ihre Angehörigen.
2001 Start des Liederbuchprojekts der Alzheimer Gesellschaft Mittelhessen e.V.
2008 Aufbau eines Helferinnenkreises für die Betreuung demenzkranker Menschen in Hungen bis heute.
E-Mail: bettina.rath@zeitgut.de


VorLesebücher für die Altenpflege

Momente des Erinnerns
Band 1
Vorlesebücher für die Altenpflege
128 Seiten mit Abbildungen, gebunden, Ortsregister
Zeitgut-Auswahl
Zeitgut Verlag, Berlin
ISBN 978-3-86614-177-3, Euro 12,90

Momente des Erinnerns
Band 2
Vorlesebücher für die Altenpflege
128 Seiten mit Abbildungen, gebunden, Ortsregister,
Zeitgut-Auswahl
Zeitgut Verlag, Berlin
ISBN 978-3-86614-178-0, Euro 12,90

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