Bericht

Struwwelpeter und seine Geschwister

06.10.2009

Aufmüpfige Kinderbuchhelden sind Wunschbilder des Aufbegehrens


Wer sich wissenschaftlich, pädagogisch, als Verleger, Lektor oder Buchhändler mit Kinder- und Jugendliteratur beschäftigt, kommt nicht an ihm vorbei, muss zu ihm Stellung beziehen, ihn einordnen, Parodien sichten, Zitate erkennen und Nachfolger redigieren: Der Struwwelpeter. Er ist das Urbild des unartigen Kindes und seine Wirkungsgeschichte ist seit 150 Jahren fast ungebrochen und intensiv. 2009 jährt sich der Geburtstag seines Schöpfers, Heinrich Hoffmann, zum 200sten Mal. Sein Struwwelpeter ist bis heute einer der meist diskutierten Klassiker der Kinder- und Jugendliteratur. Literarische und bildnerische Adaptionen und Reaktionen gibt es in großer Zahl und sind bis heute nachweisbar. Dieses ungelenk gezeichnete Bilderbuch mit seinen holprigen Versen, das zunächst gar nicht für eine Publikation vorgesehen war, entwickelte sich von Anfang an zu einem Publikumsliebling. Gleichzeitig war die Kritik, der Hoffmann ausgesetzt war, heftig. So konnte man um 1850 im Pädagogischen Jahresbericht für Deutsche Volksschullehrer lesen:

„Statt daß nämlich eine vernünftige Erziehung die Fehler der Kinder ernst tadelt, belehrend verweist, werden hier Scherze über die Unarten derselben gemacht, das Tadelswerthe wird spaßhaft behandelt, und es versteht sich von selbst, dass die kleinen Leser sich nach Kräften bemühen, die Eigenheiten der interessanten Hauptpersonen alsbald nachzuahmen.“

Den Bildern von Hoffmann wird eine subversive Kraft attestiert, die die pädagogische Botschaft, welche auf der Oberfläche formuliert wird, untergräbt. In den unartigen Kindern dokumentieren sich Gegenbilder zu real erfahrenen gesellschaftlichen Zwängen und Einschränkungen. So sind Struwwelpeter und seine Geschwister nicht nur Bilder eines anarchischen, noch nicht zivilisierten Zustandes, sondern auch Wunschbilder des Aufbegehrens.

Die Formulierung „Das unartige Kind“ mutet heute altmodisch und anachronistisch an. Denn die Wörter „artig“ oder „unartig“ sind weitgehend aus unserem umgangssprachlichen Wortschatz verschwunden. Schlägt man im Synonymen-Wörterbuch nach, so wird man von „unartig“ gleich zu „frech“ verwiesen. Dort gibt es eine lange Liste verwandter Wörter, u.a. „keck, kess, ungezogen, ungesittet“ oder „unhöflich, schamlos, böse“. Die Wörter „keck“ und „kess“ deuten auf eine provokante, aber auch amüsante Art des unartigen Kindes hin. „Ungezogen, ungesittet, unhöflich“ verweisen darauf, dass das unartige Kind nicht erzogen sei. Begriffe wie „schamlos“ und „böse“ führen uns in eine Diskussion um Sitte und Moral.

Hans Christian Andersens Erzählung Der unartige Knabe ist ein Beispiel für diesen Aspekt des Unartigen. An einem regnerischen Abend sitzt ein alter Dichter vor dem warmen Ofen, als es an seine Tür klopft. Dort steht ein schöner, allerdings völlig durchnässter Knabe, der um Einlass bittet. Der Dichter nimmt ihn auf, gibt ihm heißen, süßen Wein zu trinken, einen Apfel zu essen und wärmt ihm die kalten Hände. Zum Dank für diese Wohltaten schießt der Knabe mit seinem Flitzbogen einen Pfeil mitten ins Herz des Dichters. Weinend liegt der Dichter am Boden und warnt alle Kinder, Studenten und Mädchen, sich vor dem Knaben in Acht zu nehmen.

Es geht um Amor, den Liebesgott in Knabengestalt – auch er ist ein „unartiges Kind“, das die Menschen dazu verlockt, ihren dunklen Trieben zu folgen. Für die Diskussion um das „unartige Kind“ eröffnet sich allerdings eine weitere Dimension: Es geht nicht nur um Fragen der Moral, sondern auch der Psychologie. Das unartige Kind zeigt uns Seiten des Menschseins, die nicht akzeptiert werden. Sowohl Hoffmann als auch Andersen fordern in den zitierten Erzählungen dazu auf, Lust, Bewegungsdrang, körperliche Autonomie und Experimentierfreude zu unterdrücken. Sie entsprechen damit dem Zeitgeist des 19. Jahrhunderts, den Vorstellungen einer bürgerlichen Gesellschaft und der von Freud später formulierten These, dass Kultur und Zivilisation auf der permanenten Unterjochung der menschlichen Triebe beruhen. Untergründig zeigen ihre literarischen und bildnerischen Werke aber die Freude am Regelverstoß. Die Funktionen dieser literarischen Beispiele des unartigen Kindes sind also mindestens drei: Abschreckung und Verhaltenskorrektur; Ausleben der unterdrückten Wünsche auf einer fiktionalen Ebene; Aufbegehren gegen die Domestizierung.

Plausibel ist, dass solange wir uns im Rahmen einer bürgerlichen Gesellschaft bewegen, auch der literarische Typus des „unartigen Kindes“ nicht aussterben wird. Im Laufe der Zeit hat er zahlreiche Wandlungen durchgemacht. Die Funktion als Abschreckungsbeispiel ist eher in den Hintergrund getreten. Spätestens mit Pippi Langstrumpf erhält das unartige Kind sogar Vorbildfunktion. Es wandelt sich zum idealen Kind, das die Erwachsenen entlarvt und dann in der Literatur der 70er Jahre gegen die reglementierte Welt der bürgerlichen Gesellschaft rebelliert. Die Ursache des Normverstoßes kann in kindlicher Naivität liegen, also einem Unwissen um gesellschaftliche Vorstellungen, oder sie liegt in einer bewussten Widerständigkeit gegen die Welt der Erwachsenen. Mit beiden Varianten spielt die Kinder- und Jugendliteratur.

Vergleicht man literarische Figuren wie Pippi Langstrumpf oder den Hirbel von Peter Härtling, dann sind die Motive für das Brechen der Normen ganz unterschiedliche: Bei der einen ist es eine naiv-kindliche Weltanschauung, die sich noch nicht um Regeln und Gesetze schert, bei dem anderen ist es bewusster Widerstand. „Der Behinderte muckt auf, weil er allein gelassen wird“, charakterisiert Klaus Doderer das Verhalten des Hirbel in seinem Aufsatz über „Die aufmüpfigen Kinder“. Während Pippis Norm-Brüche uns lachen lassen, lässt uns ihr realistischer Bruder erschaudern. Beide Varianten kennt die Kinderliteratur bis heute in vielen Facetten.

Nicht nur die Klassiker bieten Beispiele des „unartigen Kindes“, sondern auch aktuelle Produktionen. Auf der Liste des Deutschen Jugendliteraturpreises 2009 finden sich mindestens zwei Werke, die den Typus des unartigen Kindes ins Zentrum stellen: Mut für drei von Bart Moeyaert und Räuberkinder von Antje Damm. Der Belgier Bart Moeyaert erzählt drei kurze Geschichten für Erstleser: von Rosie, die einen fremden Brief öffnet, von Tom, der mitten im Salatbeet seiner Mutter eine große Grube gräbt und von Mona, die die anderen Kinder in ihrer Klasse quält. Bei Moeyart werden die Unarten der Kinder von Erwachsenen bestraft. Damms Räuberkinder steht dagegen eher in der Tradition der 70er Jahre. Sie zeigt in ihrem Bilderbuch die Lust daran, Wände zu bemalen, mit den Fingern zu essen, in der Nase zu bohren, Grimassen zu schneiden, gemein und egoistisch zu sein. Die erwachsene Reaktion am Ende des Bandes richtet sich an die kindlichen Betrachter: „Nein, du bist doch nicht etwa auch ein Räuberkind?“ An dieser Stelle weicht die Autorin von der Tradition der 70er Jahre ab. Der Erwachsene ist nicht das Gegenüber, bei dem das unerzogene Verhalten auf direkte Reglementierung stößt. Vielmehr versteckt sich die elterliche Verhaltenskritik in einer kaum zu entschlüsselnden rhetorischen Frage. Dieses Beispiel ist symptomatisch für eine neue Tendenz in der Darstellung von Eltern im aktuellen Kinderbuch: Sie reagieren kaum oder sogar verständnisvoll, wenn ihre Kinder die Wohnung verschmutzen, etwas kaputt machen oder frech sind. Solche Eltern bieten wenig Raum für Rebellion.

Ein gesellschaftlich aktuelles Thema
Nicht nur als literarischer Typus ist das „unartige Kind“ in seinen wechselnden Facetten ein fesselndes Thema, sondern auch in der derzeitigen gesellschaftlichen Diskussion um Erziehungsfragen spielt es wieder eine Rolle. Lob der Disziplin und Warum unsere Kinder Tyrannen werden sind die Titel von zwei Erziehungsbüchern, die 2008 erschienen sind. Beide gelangten auf die Spiegel-Bestsellerlisten. Bernhard Bueb, ehemaliger Leiter des Internats Salem, und Michael Winterhoff, ein Kinderpsychologe, sind die Autoren dieser Werke. Sie sind zwei Akteure einer neuen Erziehungsdebatte, in deren Zentrum das ungehorsame und rebellische Kind steht. Pädagogische Elternratgeber auf Bestsellerlisten und Supernannys, die im Fernsehen vorführen, wie man Kinder richtig erzieht, sind Symptome einer in Erziehungsfragen hochgradig verunsicherten Gesellschaft. Das antiautoritäre Modell der 70er Jahre scheint ausgedient zu haben. Der Kinder-Knigge erlebt auf dem Jugendbuchmarkt eine Renaissance. Begriffe wie Ordnung, Autorität, Pflicht und Disziplin sind wieder „en vogue“.

Das „unartige Kind“ eröffnet ein weites Feld unterschiedlicher Annäherungsmöglichkeiten: Man kann es unter pädagogischen, politischen, sozialwissenschaftlichen, historischen, komparatistischen und natürlich literaturwissenschaftlichen Blickwinkeln betrachten. Geschlechtsspezifische oder interkulturelle Aspekte spielen ebenso eine Rolle wie die Untersuchung der Rezeption.
Ausgangspunkt für die Tagung Das unartige Kind, veranstaltet vom Arbeitskreis für Jugendliteratur im Mai 2009 in Pforzheim, war die literaturwissenschaftliche Herangehensweise, ergänzt durch pädagogische und psychologische Betrachtungen. Durch die Tagung leiteten vierzentrale Fragen:

Wer ist das unartige Kind in der Kinderliteratur?
Welche Funktion hat das unartige Kind für den Leser?
Ist das unartige Kind in der gegenwärtigen Kinderliteratur „out“?
Welches Bild des „idealen“ Kindes wird in der gegenwärtigen Kinderliteratur vermittelt?

Die Jugendliteratur wurde im Verlauf der Tagung nur kurz gestreift, durch die Lesung von Karen Susan-Fessel. Um den großen Geschwistern der „unartigen Kinder“, man denke an Figuren aus Evil von Jan Guillou oder The Road of the Dead von Kevin Brooks, gerecht zu werden, bedarf es anderer Kategorien als der des Artigen oder Unartigen.

Resümierend wurde am Ende der Tagung der Fokus auf das ideale Kind gerichtet, das sich auf der Folie des unartigen Kindes in der gegenwärtigen Kinderliteratur abzeichnet. Es ist fürsorglich, warmherzig, moralisch und sozial kompetent, es ist ein Ratgeber – häufig auch für seine Buch-Eltern.

Autorin: Dr. Stephanie Jentgens

Quelle: JuLit - die Zeitschrift des Arbeitskreises für Jugendliteratur, Heft 3/2009

Über die Autorin:
Dr. Stephanie Jentgens ist Literaturwissenschaftlerin und Leiterin des Fachbereichs Literatur an der Akademie Remscheid für musische Bildung und Medienerziehung. Sie leitete die Tagung Das unartige Kind, veranstaltet vom Arbeitskreis für Jugendliteratur im Mai 2009 in Pforzheim.

Literatur:
Andersen, Hans Christian: Der unartige Knabe
online auf: www.zeno.org

Bredow, Wilfried von / Kuhl, Anke: Lola rast und andere schreckliche Geschichten
Leipzig: Klett Kinderbuch 2009

Doderer, Klaus: Die aufmüpfigen Kinder
In: Raecke, Renate / Baumann, Ute (Hrsg.): Zwischen Bullerbü und Schewenborn
München: Arbeitskreis für Jugendliteratur 1995, S. 154

Friese, Inka: Ein Klassiker am Ausgang seiner Epoche.  Heinrich Hoffmanns „Der Struwwelpeter“
In Hurrelmann, Bettina (Hrsg.).: Klassiker der Kinder- und Jugendliteratur
Frankfurt/Main: Fischer Taschenbuch 1995.

Konigorski, Monika: Müssen Kinder wieder Gehorsam lernen?
In: Publik-Forum Nr. 8 / 2009, S. 14f.

Larrondo, Valérie / Desmarteau, Claudine: Als Mama noch ein braves Mädchen war
Zürich: Bajazzo 2001

Macke, Karl (Hrsg.): Pädagogischer Jahresbericht für Deutsche Volksschullehrer. Bd. 1-6
Leipzig: Einhorn 1852


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