Schülertext

Jule wiegt 35 Kilo – präpariert

16.07.2008

ZEUS-Award 2008 in der Kategorie "Bester Text / Beste Recherche"


Zum vierten Mal wurden im April 2008 die ZEUS-Awards für die besten Schülerbeiträge des medienpädagogischen Projekts der Journalistenschule Ruhr vergeben. Die Jury prämierte die Sieger in den Kategorien „Bester Text“, „Bestes Bild“, „Beste ZEUS-Aktion“ und „Bester Beitrag der teilnehmenden Förderschulen“. Wir veröffentlichen den Text von Martyna Lubaska aus der Klasse 8a der Goethe-Schule in Bochum, die den ZEUS-Award in der Kategorie "Bester Text / beste Recherche" mit einem Artikel über die Sorgen und Nöte eines magersüchtigen Mädchens gewann.

Jule wiegt 35 Kilo – präpariert
Eine normale Diät ist die Einstiegsdroge, dann setzt sich eine fatale Abstiegsspirale in Gang. Die Stimme im Kopf sagt: „Ich bin zu fett. Ich bin nicht gut genug.” – Eine Anleitung zum Sterben

Jule steht vor dem Spiegel, sie ist verzweifelt, denn sie sieht nur Fett. Fett. Überall dieses Fett! „Fette Wangen und dieser Mega-Po. Ich muss abnehmen", denkt sie, „fett, faul und unnütz bin ich." Im Spiegel sieht Jule ein übergewichtiges Mädchen, mit einem dicken Bauch, O-Beinen und Doppelkinn. Doch in Wirklichkeit steht da ein hungerndes Kind.

Es fängt ganz harmlos an. Mit einer Diät. Hüften und Bauch sind ja zu dick und die Schenkel zu schlaff. Doch wenn da ein normalgewichtiges Mädchen steht, kann man diese Diät auch als Einstiegsdroge bezeichnen. Wenn die Stimme im Kopf lauter, böser und dominanter wird, wenn im Spiegel ein Sumoringer und davor ein hungerndes Kind steht, dann ist der Wille, nichts zu essen und die Angst vorm Zunehmen stärker als der Wille zu leben. Denn es gehört ein viel stärkerer Wille dazu, eine Essstörung aufzugeben, als sie aufrecht zu erhalten - ein Machtspiel gegen sich selbst.

Auch Jule machte Erfahrungen, die sie keinem wünscht. Sie wiegt knapp 35 kg, präpariert. Also in Wirklichkeit weniger. Sie ist mit Wasser gefüllt. Jule ist therapieresistent, d.h., dass sie sich nicht helfen lassen kann. Noch vor zwei Jahren, mit 14, wog Jule 57 kg. Damals wollte sie noch Model werden. Ihre Freunde ermutigten sie. Doch auf Bewerbungen kamen nur Absagen.

Perfektionismus machte Druck
Für alle Welt war das Mädchen innen und außen perfekt. Doch niemand nahm seine Seele wahr. Dieser Perfektionismus machte Druck. „Ich bin nicht gut genug, muss besser werden", dachte sie. Sie nahm ab - 50 kg, ihr Ziel. Doch sie konnte mit dem Hungern nicht mehr aufhören.

Mittlerweile hörte sie eine Stimme in ihrem Kopf, die sie zwang, wenig zu essen, zu joggen, sich zu bewegen, absichtlich Muskeln anzuspannen. Die Stimme zwang sie auch, sich gegen Essen zu wehren: zu kauen und auszuspucken, das Essen vorzutäuschen und Essen verschwinden zu lassen. Sie magerte auf 45 kg ab. Wenn sie sich wog und die Waage zu wenig anzeigte, drohten die Ärzte mit Klinikaufenthalt und Jule war stolz auf sich.

Doch zeigte die Waage zu viel, sprachen die Ärzte von „ordentlichem Gewicht" und in Jules Kopf meldete sich wieder die Stimme: „Zu fett!" Jule war gefangen. Sie hasste sich, wenn sie aß und sie hasste sich, wenn sie nicht aß. Was sie aß? Light-Getränke, Obst, zuckerfreie Bonbons, Reiswaffeln, Babynahrung.

„Anorexia nervosa", diagnostizierten die Ärzte. Nervöse Appetitlosigkeit? Jule wollte doch essen, sie hatte sogar schrecklichen Hunger! Aber sie durfte nicht. Ihr Körper war der Spiegel ihrer Seele. Sie wollte demonstrieren, dass sie Macht hatte und Stärke. Ihre Geschichte ist eine Anleitung zum Sterben.

„Manchmal weiß ich nicht weiter und sehe nur ein tiefes, schwarzes Loch. Wozu noch leben?", erklärte sie manchmal verzweifelt einem Arzt. „Das wird schon. Du musst nur essen", bekam sie dann zur Antwort.

Mittlerweile litt sie an körperlichen Folgen von „Anorexia nervosa": Herzrhythmus-, Nieren- und Durchblutungsstörungen. Ihre Tage blieben aus ... wozu Kinder bekommen, wenn sie doch nicht mal die Kraft zum Leben hatte? Sie hatte Sodbrennen, ihre Speiseröhre war entzündet. Das viele Wassertrinken bereitete ihr schneidende Bauchschmerzen und Magenkrämpfe. Und von der ganzen Light-Cola bekam sie Osteoporose. Was war das nur für ein Leben ...

Jule - gefangen im Teufelskreis
Ihre Körperfunktionen hatte sie schon längst nicht mehr unter Kontrolle. Während Jule - auf 38 kg gehungert - im Krankenhaus durch eine Magensonde ernährt wird - Igitt! 1300 Kilokalorien, dabei bin ich schon so fett - gehen ihre Freundinnen shoppen, auf Parties und verlieben sich. Während bei uns „alles klar" ist, spielen sich in Jules Kopf wilde Kämpfe ab: Sie stemmt sich gegen die Stimme und verliert. Sie versucht zu essen und betrügt. Sie findet sich immer noch fett, faul und wertlos. Dass sie längst gefangen ist in einem Teufelskreis aus Wut, Trauer, essen, nicht essen und Angst, nimmt sie nicht wahr.

Autorin:
Martyna Lubaska
Klasse 8a
Goethe-Schule Bochum

Juryurteil
Essstörungen sind ein Problem, mit dem junge Menschen häufig konfrontiert sind: Während diejenigen, die an Adipositas leiden, immer mehr zunehmen, magern Patienten mit Anorexia nervosa immer weiter ab; nicht selten so weit, dass lebensbedrohliche Situationen entstehen, die mit dem Tod enden können. Außenstehende können oft nicht nachvollziehen, warum Magersüchtige nicht einfach wieder anfangen, mehr zu essen. Die ZEUS-Autorin Martyna Lubaska beantwortet diese Frage, indem sie die Leser in das Seelenleben von Jule blicken lässt, die seit knapp zwei Jahren an Magersucht leidet.
Ungeschminkt und stilistisch höchst eindrucksvoll beschreibt sie die Sorgen und Nöte sowie die seelischen Kämpfe von Jule. Sie bildet dabei nicht nur die Differenzen zwischen Selbst- und Fremdwahrnehmung ab, sondern zeichnet auch die Widersprüche nach, die Jules Alltag bestimmen. Martyna Lubaska lässt den Leser hautnah die grausame Spirale spüren, aus der Magersüchtige nur so schwer entkommen können.

Das Projekt ZEUS Zeitung und Schule
Die Journalistenschule Ruhr, Aus- und Weiterbildungseinrichtung der WAZ-Mediengruppe, entwickelte 1997 das medienpädagogische Projekt ZEUS Zeitung und Schule. Es richtet sich an die Klassen 8 bis 13 aller Schulformen, von der Förderschule bis zum Gymnasium. Seitdem lesen allein in NRW jedes Jahr 50.000 Schülerinnen und Schüler sieben Wochen lang ihre eigene Tageszeitung. Sie recherchieren, führen Interviews und schreiben über ihre Themen auf den ZEUS-Seiten in den Lokalteilen. Betreut von Redakteuren blicken sie hinter die Kulissen des Redaktionsalltags und erfahren, was Journalismus bewirken kann.
Einmal im Jahr werden die besten Beiträge der jungen Reporter von einer Jury in den Kategorien „Bester Text“, „Bestes Bild“, „Beste ZEUS-Aktion“ und „Bester Beitrag der teilnehmenden Förderschulen“ mit dem ZEUS-Award prämiert.
Das ZEUS-Team der Journalistenschule Ruhr arbeitet in NRW mit der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung (WAZ), der Neuen Rhein/Ruhr-Zeitung (NRZ), der Westfälischen Rundschau (WR), der Westfalenpost (WP) und dem Iserlohner Kreisanzeiger (IKZ) zusammen.

Kontakt:
Harald Heuer
ZEUS Zeitung und Schule
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