Schülertext

„Was geht mich eigentlich Selma an?“

08.07.2008

Schreibwettbewerb über das Schicksal eines jüdischen Mädchens




„Was geht mich eigentlich Selma an?“ fragten sich über 500 Jugendliche zwischen 10 und 21 Jahren aus Deutschland, Österreich, Luxemburg, der Schweiz und Italien, die sich am Schreibwettbewerb der Initiative step21 beteiligt haben. In Briefen, Gedichten und Kurzgeschichten setzten sie sich mit dem Schicksal der jüdischen Autorin Selma Meerbaum-Eisinger auseinander. Selma starb 1942 im Alter von 18 Jahren in einem SS-Arbeitslager in Michailowska. In tief bewegenden Gedichten schrieb sie bis zuletzt über Liebe, Sehnsucht, Träume und Angst.

Die Siegertexte
Am 5. Mai 2008 wurden im Literaturhaus Hamburg die Gewinner des Schreibwettbewerbs prämiert. Den 1. Platz belegte Baris Öztürk (21) aus Aachen. In „Briefe an Selma“ schildert er die Erfahrung von Diskriminierung, als Zuschauer und als Opfer.
Amelia Umuhire (16) aus Duisburg und Hilke Effinghausen (18) aus Schwarmstedt teilen sich den 2. Platz. Amelia Umuhire nähert sich in ihrem Essay „Amahoro/Frieden“ sensibel Selmas Gedicht „Tragik“. Hilke Effinghausen beschreibt bildhaft das Schicksal junger Edelweißpiraten zur NS-Zeit.
Den 3. Platz erreichten Jessica Goos (15) aus Weinheim und Filiz Wetterau (13) aus Honigsee.

Wir veröffentlichen den Text von Amelia Umuhire (16) aus Duisburg:

Amahoro/Frieden

Tragik
Das ist das Schwerste: sich verschenken
und wissen, dass man überflüssig ist,
sich ganz zu geben und zu denken,
dass man wie Rauch ins Nichts verfließt.

(von Selma Meerbaum-Eisinger)

Als ich das erste Mal auf diese Zeilen stoße, halte ich sie für ein Liebesgedicht.
Ich sitze wieder schlaflos in der Küche und habe so viel geweint, dass ich es nicht mehr kann. So viel an dich gedacht und doch zu wenig. "Warum ist die Liebe so schwierig?" frage ich mich und erinnere mich an Momente, in der sie das Einfachste war und das Schönste.
Mein Blick fällt auf das Todesdatum des Mädchens, das die Zeilen verfasste und darauf, dass sie einen grausamen Tod fand, einen Tod außerhalb unserer Vorstellung und meiner kleinen Welt, in der sich alles im Moment nur um dich zu drehen scheint.
Ich habe ein schlechtes Gewissen, weil ich glaubte, diese Worte passten auf mein seichtes Problem, das mir nun wie keins erscheint.
Ich glaubte, das Schwerste sei es, mich dir zu verschenken und doch überflüssig zu sein, mich dir ganz zu geben und zu denken, dass ich wie Rauch ins Nichts verfließe. Ich verstand nicht, dass das Mädchen mit noch vielen anderen als Rauch ins Nichts verfloss.
Plötzlich kommen mir die Tränen, auf die ich seit Stunden warte. Ich verstehe plötzlich, was dieses Mädchen namens Selma ausdrücken wollte. Ich begreife die wirkliche Trauer hinter diesem Gedicht und begreife, dass es keins ist.
Es geht nicht um einen Menschen, dem sie sich verschenkt, sondern um das Leben. Es ist kein Mensch, der ihre Existenz für überflüssig hält, sondern eine ganze Menschheit. Es ist auch kein Mensch, dem sie sich ganz gibt, sondern ein System, das sie nur als weitere Zahl wahrnimmt, die es zu vernichten gilt.
Mit einem Mal ist der Schmerz über dich und mich von einem viel größeren ersetzt worden. Dieser Schmerz erscheint mir so unglaublich groß, dass ich mich nach dem früheren sehne.
Ich denke an meinen Vater, der sich ganz für seine Familie gab. Der alles tat, um uns das Beste zu ermöglichen, der sich verschenkte, um uns die Möglichkeit zu geben, auch einmal schenken zu können. Der an sein Land geglaubt hatte, seinem letzten Kind sogar den Namen des Friedens geben wollte, als Zeichen für die neue Ära. Für die Ära, die bald kommen sollte und die seinen Töchtern ein Leben ohne Ungerechtigkeit und ohne Wörter wie "ethnische Säuberung" bieten sollte. Ich denke an meinen Vater, der ebenfalls wie einer von vielen ins Nichts verfloss.
Der Gedanke, zu wissen, dass all seine Taten, Gedanken und Vorhaben nach und nach wie Schlieren des Rauchs im Raum umherziehen, sich schwächer werdend verteilen und irgendwann bis ins Unerkennbare verfließen, tut so unglaublich weh.
Die Verzweiflung hinter dem Gedicht, das Aufgeben des Glaubens an die Gerechtigkeit und das anschließende Kapitulieren vor dem kommenden, unaufhaltbaren Ende. Als Selma diese Zeilen verfasste, muss ihr bewusst gewesen sein, dass es keinen anderen Ausweg geben würde, dass der Tod sie finden würde, bevor sie bereit war, ihm entgegenzulaufen.
Genauso muss es meinem Vater ergangen sein, als er kurz vor meiner Geburt beschloss, mich nicht Amahoro* zu nennen. Und nach sechs Monaten umkam.

*Amahoro: Kinyarwanda für Frieden

Autorin:
Amelia Umuhire, 16 Jahre
Duisburg

Projekt [SELMA] – drei Schritte auf dem Weg zu mehr Toleranz
Der europaweite Schreibwettbewerb „Was geht mich eigentlich Selma an?“, das Unterrichtspaket Chasak –Sei stark. Selma und die anschließende Bustour STEP on TOUR schaffen einen gegenwartsbezogenen Zugang zu Antisemitismus und Rassismus. Jeder Projektbaustein motiviert Jugendliche dazu, selbst gegen Diskriminierung aktiv zu werden. Förderer des step21-Projekts SELMA sind das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, der Hoffmann und Campe Verlag, der Schweizer Musiker David Klein, SONY BMG Music Entertainment (Germany) GmbH, die Salzgeber & Co. Medien GmbH und die MAGIX AG. Die Abschlusspräsentation wurde vom Literaturhaus Hamburg und dem Hamburger Thalia Theater unterstützt.

Über step21
Seit 10 Jahren bestärkt step21 Kinder und Jugendliche darin, Toleranz, Selbstvertrauen und Zivilcourage zu entwickeln: Denn nur mit dem nötigen Rückgrat können sie aktiv gegen Unrecht, Diskriminierung und Gewalt aufstehen und als Vorbild in unserer Gesellschaft wirken. Bis zum Jubiläumsjahr 2008 hat step21 dabei mit medienpädagogischen Programmen mehr als 10.000 Schulen und über 500.000 Jugendliche erreicht. Unterstützt wird step21 von Stiftungen, Paten und Unternehmen, sowie von Bild hilft e. V. „Ein Herz für Kinder“. Schirmherr ist seit Gründung der amtierende Bundespräsident.

STEP on TOUR: Selma in Schulen und Jugendeinrichtungen
Im Juni tourten step21 Medienpädagogen mit dem multimedialen Unterrichtspaket "Chasak – Sei stark. Selma" durch Schulen und Jugendeinrichtungen in Berlin, Brandenburg und Hamburg. Die erfolgreiche Tour wird mit Unterstützung des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend im September in Nordrhein-Westfalen fortgesetzt. Interessierte Schulen und Jugendeinrichtungen können sich dafür anmelden unter www.step21.de/DABEI-SEIN.199.0.html.

Kontakt:
Melitta Töller
step21 – Initiative für Toleranz und Verantwortung
Tel.: (040) 37 85 96 19
E-Mail: toeller.melitta@step21.de


Redaktionskontakt: schuster@dipf.de