Bericht

Hörtipp: „Lucia und das Drachenhalsband“ von Rudolf Herfurtner

31.07.2007

CD-Empfehlung des Instituts für angewandte Kindermedienforschung



Die kleine verwaiste Lucia lebt auf einem verlassenen Gutshof. Dort ernährt sie sich von Mais und Hafer und dem, was die Besitzer des Hofes bei ihrem fluchtartigen Weggang zurück gelassen haben. Ach ja, Lucia ist übrigens eine Maus und sie lebt nicht allein.
Eine ganze Mäusekolonie bewohnt die Räume der Hofbauten, vom Keller bis zum Dach. Eigentlich nicht ganz bis zum Dach, denn wo Mäuse hausen, sind auch Katzen nicht weit. Also halten sich die meisten Mäuse lieber in den unteren und dunkleren Etagen der Gebäude auf, um „dem Schrecken“, wie die Katzen genannt werden, aus dem Weg zu gehen. Doch das lässt sich nicht immer so einfach bewerkstelligen, will man sich auf die Suche nach Nahrung machen. So kommt es, dass ab und an die Katzen eine arme kleine Maus fangen und die Kolonie damit dezimieren. Dann wird es Zeit für Diodorus, das weise, langbärtige Mäuseoberhaupt, eine Zeremonie für die Angehörigen im Kreise der Mäusegemeinde zu vollziehen. Dort wird man auf eine weiche Liege aus Stoffbändern gebettet und erhält die „Blüten des Vergessens“, die den Schmerz und die Trauer lindern. Anschließend erzählt Diodorus für alle eine Geschichte vom großen Gil Gamáus, der tapferen Maus mit den grünen Hosen. Solche Zeremonien finden auch dann statt, wenn ein Mäuschen „dem Schrecken“ begegnet ist und mit dem Schrecken davonkam.
Die Geschichte beginnt mit einer solchen Begegnung Lucias mit einer Katze. Lucia überlebt, weil der wagemutige Mäuserich Orlando ihr das Leben rettet. Orlando ist in Lucia verliebt, denn sie stellt mit ihrem silbrig schimmernden Fell etwas Besonderes in der Gruppe ansonsten grauer Mäuse dar. Viele andere Mäuse lieben Lucia nicht, sie sind neidisch auf ihre Erscheinung und dulden sie nur am Rande ihrer Gemeinschaft. Da ist es auch keine Hilfe, dass ausgerechnet der Rebell Orlando und seine Freunde die Zeremonien Diodorus’ meiden, verspotten und ihren eigenen Methoden nachgehen, mit dem „Schrecken“ fertig zu werden. Trotzdem erhält Lucia nach ihrem Zusammentreffen mit der Katze eine Zeremonie, in der der Mäusehäuptling Lucia und der Kolonie die Geschichte von Gil und der Aspis, der furchtbaren Drachenschlange, erzählt. In dieser besiegt Gil mit den grünen Hosen die gemeine Aspis und die begeistert zuhörenden Mäuse rufen: „Groß ist Gil! Groß ist die Maus!“. Lucia fühlt sich danach erst einmal besser und glaubt fest an die Kraft der Zeremonie. Doch mit dieser Überzeugung geraten sie und Orlando im weiteren Verlauf der Geschichte immer wieder aneinander. Die Situation spitzt sich zu, als die beiden Mäuse einer Katzenverschwörung auf die Spur kommen. Der „Schrecken“ plant für die nächste Katzenfeier eine siebenstöckige „Mäuse in Aspik“-Torte, für die noch fleißig Zutaten gesammelt werden. Als Orlando und Lucia die Mäusegemeinschaft davon in Kenntnis setzen, erfahren sie zunächst Zweifel und Skepsis. Doch als sich der Verdacht erhärtet, spaltet sich die Kolonie in zwei Lager. Diodorus, Herr Hempel, Orlandos Mutter und viele andere Mäuse wollen sich weiterhin vor den Katzen verstecken, bei Bedarf Zeremonien veranstalten und daran glauben, dass der Schmerz und die Furcht vorübergehen. Orlando, seine Freunde und Lucia, die sich von Orlandos Ansichten überzeugen lässt, wollen den Katzen mutig und keineswegs planlos entgegentreten. Der Plan sieht vor, ein Furcht erregendes Drachenkostüm zu schneidern und die Katzen damit in die Flucht zu schlagen. Das Kostüm bietet Platz für 30 Mäuse – damit der „Drache“ eindrucksvoll erscheint – und so muss die ganze Mäusegemeinschaft ihre Differenzen beiseite legen, ihre Missgunst vergessen und zusammenarbeiten. Der Zusammenhalt gelingt Schritt für Schritt, dass Drachengewand wird rechtzeitig zur Feier fertig. Doch die Ausführung des Plans zur Befreiung der in Aspik gefangenen Mäuse scheitert, als sich die Drachenverkleidung in ihre Bestandteile auflöst. Wer jetzt allerdings denkt, damit hat das letzte Stündlein aller Mäuschen auf dem Hof geschlagen, der irrt sich. Hier enthüllt die Geschichte nun endlich ihren Bezug zum Titel und aus dem von Lucia getragenen Halsband entsteht ein Monster – geboren aus der Verzweiflung, getragen durch den Glauben der Mäuse –, das den „Schrecken“ ein für allemal in die Flucht schlägt und so die Kolonie wieder vereint. Oder konnte die Einigkeit der Mäuse Lucias Halsbanddrache überhaupt erst erschaffen?

Die Antwort auf diese Frage überlässt Rudolf Herfurtner, der Autor der Geschichte, seinen Zuhörern. Vielschichtig beschreibt er den Umgang der Mäuse mit der Gefahr und stellt dabei zwei auf den ersten Blick gegensätzliche Positionen heraus: Glaube und Pragmatismus. Diodorus, der Prediger und Zeremonienmeister der Mäusekolonie bildet den Gegenpol zum jungen, rebellischen Mäuserich Orlando, der sein Schicksal (und das seiner Freunde) selbst bestimmen will. Doch Herfurtner schafft die anfangs unmöglich erscheinende Synthese durch seine kleine und schwach wirkende Protagonistin Lucia, das Mäuschen, die an die Geschichten vom großen Gil ebenso glaubt, wie an den Mut und an die Kraft ihrer Freunde. „Gott hilft denen, die sich selbst helfen“ sagt man, und diese Aussage manifestiert sich am Ende der Geschichte. Dazu bewegt sich der Autor stilistisch in der Tradition des „Magischen Realismus“ und es gelingt ihm, uns zu überzeugen, dass die Erscheinung von Lucias Drachen die Begründung des Geschehenen als Reaktion auf die Unterdrückung durch die Katzen darstellt.
Darüber hinaus gibt Herfurtners Erzählung kleinen und großen Zuhörern einen Einblick in die Welt der Mythen, Sagen und Fabeltiere. Egal ob z.B. aus der griechischen Mythologie oder der britischen Sagenlandschaft, sie sind alle dabei und Gil Gamáus, die Maus mit den grünen Hosen, hat sie alle auf seine spezielle Mäuseart besiegt: den Basilisk, das Glatisant, die Sphinx, die Chimäre, den Mantikor… Durch die wiederkehrende Abfolge von Lucias Gegenwartswahrnehmung, zeitgenössische neue Musikstücke für Kinder und die Sagen von Gil entsteht ein Muster in der Geschichte, das den erzeugten Spannungsbogen konsequent hält und gleichzeitig dazu verleitet, die CD anzuhalten und sofort mehr Informationen über die Fabelwesen zu suchen. Somit bewältigt „Lucia und das Drachenhalsband“ den schwierigen Spagat zwischen Unterhaltung und Wissensvermittlung.

Die Schauspielerin und Regisseurin Hannelore Hoger vollbringt mit ihrer gewaltigen Stimmvarianz die Aufgabe, viele Figuren auf die Bühne zu holen. Sie hat keinerlei Probleme damit, zwischen dem jungen Orlando, dem betagten Diodorus, der schüchternen Lucia, dem großen Gil, dem spießigen Herr Hempel und allen anderen Charakteren zu wechseln und sie authentisch klingen zu lassen. Damit erschafft sie aus dem als Hörbuch konzipierten Stück in unseren Köpfen ein fantastisches Hörspiel.

Die von zwölf Ensembles bayerischer Musikschulen unter der Leitung von Helga Pogatschar eingespielten Stücke wurden eigens für die Erzählung um die kleine Lucia komponiert und so auf dem Tonträger platziert, dass sie zu jeder Zeit die Entwicklung der Geschichte widerspiegeln, betonen, sie sogar akustisch weiterführen. Dabei handelt es sich nicht um leicht zu rezipierende Kinderlieder oder um die den Gewohnheiten entsprechende „Radiomusik“. Diese zeitgenössischen neuen Musikstücke fordern und fördern die Konzentration und die musikalische Intelligenz von Kindern und bieten ihnen tonale Abwechslung.
Das Hörbuch „Lucia und das Drachenhalsband“ erhielt für die von Kindern für Kinder eingespielte Musik eine Empfehlung vom Verband deutscher Musikschulen.

Nicht nur deswegen, sondern auch aufgrund der tiefsinnigen, eindringlichen Geschichte und der herausragenden Sprecherin sind die drei CDs das Anhören wert – am besten gemeinsam mit den Kindern und gleich mehrmals hintereinander.

Rezension: Peter Marus, Institut für angewandte Kindermedienforschung (IfaK)

Verlag: Igel-Records, Dortmund

Erscheinungsjahr: 2006

Empfohlenes Alter: 7-9 Jahre

Bibliographische Angaben:
Herfurtner, Rudolf: Lucia und das Drachenhalsband. 3 CDs. 192 Min. ISBN: 978-3-89353-122-6, € 19,95.

Informationen zur CD/MC des Monats
Einen besonderen Stellenwert hat für die Arbeit des IfaK die Beschäftigung mit den Kindertonträgern, da diese nach wie vor als zentrales Medium im Kinderalltag genutzt werden. IfaK-Projektgruppensichten deshalb in langfristiger Projektarbeit die Programme aller Kindertonträgerhersteller werten diese aus und veröffentlichen die Arbeitsergebnisse. Zudem ist zwischen der Redaktion des „Bulletin Jugend & Literatur“ (Eulenhof-Verlag, Hamburg) und der Institutsleitung eine kontinuierliche Zusammenarbeit vereinbart worden. Seit Heft 1, 1998 empfiehlt das IfaK in einer regelmäßigen Kolumne im „Bulletin“ die CD/MC des Monats. Neben der eigenen Sichtung des aktuellen Marktangebotes (unter besonderer Berücksichtigung literarisch ambitionierter, auch kleinerer Anbieter) sowie neben eigenen, praxisnahen Evaluationen von aktuellen Produktionen fließen in die Auswahl die praktischen Erfahrungen von MedienpädagogInnen und BibliothekarInnen mit ein, mit denen das IfaK regional und überregional kooperiert. Als CD/MC des Monats werden Hörspiele, Lesungen, Liedersammlungen oder musikalische Produktionen ausgewählt, die durch ihre künstlerische Qualität, durch inhaltliche oder ästhetische Originalität aus der Masse des Angebots herausragen, die Kindern Impulse geben, zur Erweiterung der Weltsicht wie der Hörerfahrungen beitragen können. Dabei sollen vor allem die Bedürfnisse der Hauptzielgruppe, nämlich der Kinder im Alter von drei bis acht Jahren Berücksichtigung finden. Im Archiv sind die zurückliegenden Besprechungen zur CD/MC des Monats nachzulesen. Die Koordination der Projektarbeit liegt seit April 2007 bei Prof. Dr. Richard Stang. Davor wurde sie von Dr. Ulrike Bischof und (bis Januar 2005) von Prof. Dr. Horst Heidtmann, dem Gründer des IfaK, durchgeführt.


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