Bericht

Am Anfang ist das Bild

06.04.2005

Mit Bilderbüchern fördern Eltern die spätere Lesekompetenz ihrer Kinder


„Oh nein!!! Die Raupe ist immer noch nicht satt ...!“ Der fünfjährige Marwin wirbelt seine roten Locken hin und her. Es fällt gar nicht auf, dass Marwin noch nicht lesen kann, also im eigentlichen Sinne. Er versinkt in einem großen Sessel und erzählt seinem Opa wild gestikulierend den Inhalt des Bilderbuches „Die Raupe Nimmersatt“. Doch Marwin lernt beim Betrachten, Zuhören, und Erzählen vieles, was für das spätere, das „wirkliche Lesen“ wichtig ist. Heinz Schlinkert, der seit vielen Jahren in der Erzieherinnen- und Kinderpflegerinnenausbildung tätig ist, hat in einem Artikel „Zur Methodik der Bilderbuchbetrachtung“ im Online-Handbuch „Kindergartenpädagogik“ deutlich gemacht, was der Nachwuchs dabei alles lernt. 

Bilderbücher fördern Konzentrationsvermögen, Urteilskraft und Sprachverhalten
Auch das Sprachverhalten der Kinder wird durch spontane Äußerungen der Kinder wie Stellungnahmen, Wiedergabe und Austausch von Erfahrungen geschult. Kinder müssen in der Lage sein, sich auf eine Bilderbuchgeschichte einzulassen. Das setzt Konzentrationsfähigkeit und Durchhaltevermögen voraus. Fähigkeiten, die längst nicht mehr selbstverständlich sind, zumal ein Bilderbuch im Vergleich zu anderen Medien eher wenige Bilder hat. Darüber hinaus versuchen Kinder, die Geschichte nach zu vollziehen, sie gedanklich zu durchdringen, in ihre eigene Erlebniswelt zu übertragen und sich eine Meinung zu bilden. Das fördert ihre Denkfähigkeit und Urteilskraft. Ist es möglich diese Prozesse beim Betrachten von Bilderbüchern bei Kindern zu unterstützen? Und was muss man dabei beachten? Ja, es ist möglich ...

Körperkontakt gibt Sicherheit
Das Betrachten von Bilderbüchern stellt hohe Anforderungen an Ihr Kind. Daher  braucht es einen festen Rahmen, eine geschützte Situation und sollte nicht abgelenkt werden.  Natürlich sollte Ihr Kind die Bilder sehen können und der „Leseplatz“ ausreichend gut beleuchtet sein. Ideal ist ein Sofa, auf dem das Mädchen oder der Junge direkt neben Ihnen sitzen kann. Der Körperkontakt gibt Sicherheit, besonders wenn in der Geschichte Szenen auftauchen, die bedrohlich auf das Kind wirken.

Bilderbücher sind keine Lesebücher
„Kaum jemand scheint es aufzufallen, dass Bilderbücher hauptsächlich aus Bildern bestehen und Bilder sich nun mal nicht vorlesen lassen“, stellt Heinz Schlinkert, Lehrer am Berufskolleg für Erzieherinnen und Kinderpflegerinnen in dem Artikel „Zur Methodik der Bilderbuchbetrachtung“ fest. Erwachsene sind oft „textfixiert“, lesen beispielsweise den einen Satz, der unter dem Bild eines Bilderbuches steht und blättern um zum nächsten Bild. Das ist aber nicht Sinn der Sache, so verhindern Sie, dass das Kind die Bilder aus seiner eigenen Welt erschließt.

In manchen Bilderbüchern gibt es Seiten völlig ohne Text, so dass Kinder den Verlauf der Geschichte nur den Bildern entnehmen. Und auch wenn Sie den Text vorlesen, sollte Sie die Priorität auf das gemeinsame Betrachten der Bilder legen. Dabei gibt es einige Tipps und Methoden, um die Bilderbuch-Schmöker-Stunde intensiver zu gestalten.

Fragen, fragen und noch einmal fragen
Sind in einer Geschichte wichtige Handlungsabläufe im Bild nicht dargestellt, ist es wichtig, dass die Erwachsenen mit Vorlesen beziehungsweise Erzählen diese Brücke schlagen. Es sei denn, das Kind erschließt durch gezielte Fragen den weiteren Verlauf der Geschichte selbst. Durch Fragen können Sie ganz bewusst die Sprachentwicklung des Kindes fördern. Dabei ist es besser „offene Fragen“ zu stellen. Das heißt, Sie sollten keine Fragen stellen, die nur mit „ja“, „nein“ oder „der Hase“ beantwortet werden können. Diese geschlossenen Fragen engen das Kind zu sehr in seinen Antwortmöglichkeiten ein und lassen wenig Raum für Phantasie und den differenzierten Sprachausdruck. Fragen, die hingegen mit „warum“ oder „wieso“ beginnen, erfordern viel Denkvermögen und die Fähigkeit zur sprachlichen Umsetzung. Achten Sie außerdem darauf, dass die Fragen relativ kurz und verständlich formuliert sind und das Kind ausreichend Zeit hat, um in Ruhe zu antworten.

Eine Puppe Fragen stellen lassen
Die Fragen Ihres Kindes können sich auf den Inhalt, auf Personen, Tiere, Dinge und Sachverhalte beziehen. Ebenfalls können Gefühle und Einstellungen der Kinder zur Geschichte und deren eigene Erfahrungen mit den in der Geschichte auftauchenden Themen zum Ausdruck gebracht werden. Mit Verständnisfragen können Sie herausfinden, ob Ihr Kind Ablauf und Sinn der Geschichte verstanden hat. Achtung! Dabei soll nicht in schulischer Manier Wissen abgefragt werden, das ist eher eine Spaßbremse. Vielmehr bieten sich hier Fragen an, die den logischen Zusammenhang betreffen und so zum Denken anregen. „Geeignet sind in solchem Zusammenhang auch ´Unsinnsfragen`: Man stellt sich dumm, indem man einen absurden Zusammenhang herstellt, und tut dann so, als ob man auch noch stolz darauf ist“, erläutert der Pädagoge Schlinkert in seinem Text. Das Kind könne so gegen diese `Provokation´ hin argumentieren, sein Wissen zeigen und bestätigt werden. Eine weitere beliebte Idee ist es, ist eine Puppe in die Hand zu nehmen und sie die Fragen stellen zu lassen. Das sollte aber nicht zu oft geschehen, da sonst der Effekt verloren geht.

Huuch? Ohhh nein! Ja! Toll!! Guck mal!
Mehr noch als Fragen, geben Impulse, wie Zeigen, Ausrufe und Bemerkungen Kindern die Möglichkeit zur freien Äußerung. Dabei ist jede neu aufgeschlagene Seite mit Bild schon ein Impuls. Deshalb sollten Sie nach jedem Umblättern Ihrem Kind kurz Zeit zur Wahrnehmung des Bildes und zur Reaktion lassen. Sie können aber auch das Kind zu Äußerungen anregen, in dem Sie bestimme Aspekte hervorheben. Zum Beispiel durch Bemerkungen zum Bild, spontane Gefühlsäußerungen, wie Erschrecken, Staunen oder „böse gucken“.
Aber auch dadurch, dass Sie auf eine Stelle im Bild zeigen, zurückblättern und Vergleiche anregen oder Effekte des Buches nutzen (zum Beispiel die Folie beim „Regenbogenfisch“).        

Phasen der Bilderbuchschmökerei
Anfangs ist es gut, das Kind oder die Kinder zum Thema des Bilderbuches hinzuführen, wobei auch schon Grundkenntnisse zur Geschichte (zum Beispiel Namen von Personen oder Tieren) vermittelt werden können. Das kann über ein Gespräch geschehen, das sich auf kürzlich Erlebtes des Kindes beziehen sollte.  Hier kann ebenfalls eine Puppe zum Einsatz kommen. Allein die Titelseite kann als Ausgangspunkt dienen, zu der das Kind oder die Kinder Fragen stellen. Ein kurzes Spiel oder ein Lied, das zum Thema des Bilderbuches passt, eignet sich zur Einstimmung auf die Bilderbuchbetrachtung.

In der Phase der Betrachtung kommt es darauf an, für jede Buchseite die  Methode zu finden, die zum Bild passt. „Normalerweise würde man die Kinder bei jeder neu aufgeschlagenen Seite nicht gleich mit einem Wortschwall bombardieren, sondern ihnen genug Zeit zur Betrachtung und zu möglichen Äußerungen lassen“, schreibt Schlinkert. Ob darüber hinaus erzählt oder vorgelesen werde oder ob sich der Text allein über die Bilder erschließen lasse, hänge jeweils vom Buch und eventuell auch von besonderen Zielvorstellungen ab. Auf jeden Fall aber sollte genügend Zeit für Fragen, zum Betrachten und für Äußerungen des Kindes vorhanden sein.

Fiktion in die Realität übertragen
In der abschließenden Phase sollten Sie sich vergewissern, ob das Kind den Sinn und Ablauf der Geschichte verstanden hat. So kann man beispielsweise die Seiten noch einmal zurückblättern, das erste Bild mit dem letzten vergleichen, überlegen, wie es weitergehen könnte oder die Darstellungen im Einband ansehen. Besonders wertvoll ist es für das Kind, einen Transfer von der fiktionalen Geschichte zur realen Lebenswelt des Kindes zu wagen und es zum Erzählen zu animieren.

Zu guter Letzt, wenn man denn noch Zeit und Lust hat - so machen es oft beispielsweise Erzieherinnen und Erzieher - können Sie gemeinsam mit dem Kind die mit der Bildergeschichte gewonnenen Erfahrungen oder Einsichten mit einem Rollenspiel, einer Mal-, Knet-, oder Bastelaktion oder auch einem Lied oder einem Spiel umzusetzen. Hier sollte aber nicht wahllos drauflosgewerkelt werden, nach dem Motto „nun mal oder bastel schön“. Geben Sie Ihrem Kind stattdessen Hilfestellungen, damit es die aus seiner Sicht wesentlichen Aspekte der Bilderbuchbetrachtung umsetzt. Anschließend können Sie mit Ihrem Kind oder Ihren Kindern die Resultate bestaunen und sich auf ein weiteres Bilderbuchabenteuer freuen!


Internet: http://www.kindergartenpaedagogik.de/513.html

Autorin: Katja Haug


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