Bericht

Lesen in der Grundschule

03.11.2005

Das „Bürgernetzwerk Bildung“ setzt sich für Lesepatenschaften ein


„Bitte wiederholen Sie die Stelle mit dem Drachen noch einmal“, bedrängt Jasmin aufgeregt ihre Vorleserin, die geduldig auf den Wunsch des Kindes eingeht. Jasmin und viele andere Grundschüler in Berlin haben Glück: Sie haben ganz private Lesepatinnen oder Lesepaten, die wöchentlich zu ihnen in die Schule kommen und ihnen vorlesen und ihnen beim Lesen zuhören.

Das „Bürgernetzwerk Bildung“
Eigens zu diesem Zweck hat der Verein Berliner Kaufleute und Industrieller (VBKI), einer der ältesten Wirtschaftsclubs in Deutschland, im Januar 2005 auf Initiative der ehemaligen Berliner Schulsenatorin Sybille Volkholz das „Bürgernetzwerk Bildung“ gegründet. Ehrenamtliche Rentner, Studenten, Arbeitssuchende oder auch Abiturienten sollen den Unterricht in den etwa 100 Grundschulen mit hohem Migrationsanteil in sozialen Brennpunkten begleiten, um Kindern aus bildungsfernen Familien altersgerechte Literatur vorzulesen oder ihnen beim Lesen zuzuhören. Mit dieser Initiative will der VBKI das bürgerschaftliche Engagement in Berlin stärken und die Berliner Schulen unterstützen. Er trägt damit dazu bei, dass Berliner Schülerinnen und Schüler bessere Leistungen erzielen. „Gerade Kinder aus bildungsfernen Schichten brauchen Unterstützung, damit sie bessere Chancen in der Schule und im Leben haben. Der VBKI will sie vor allem darin unterstützen, gerne und gut zu lesen und ihnen damit auch neue Lebensperspektiven erschließen“, betont Projektleiterin Sybille Volkholz. Der Schwerpunkt des Projektes liegt auf dem „Lesen in der Grundschule“ und fordert gezielt Schulen in schwierigen Lagen auf, sich für eine ehrenamtliche Unterstützung ihrer Schülerinnen und Schüler zu öffnen. Viele dieser Kinder, die meisten von ihnen sind Kinder von Migranten, haben noch nie ein Buch in der Hand gehabt.

Projektstart an fünf Pilotschulen
Schon bevor die Initiatoren mit dem Projekt an die Öffentlichkeit gegangenen sind, hatten sie 50 freiwillige Helfer, mit denen sie im Februar die ersten Patenschaften an fünf Schulen in den Stadtbezirken Schöneberg, Kreuzberg, Neukölln, Moabit und Wedding starten konnten. Durch Presseveröffentlichungen aufmerksam geworden, haben sich innerhalb weniger Wochen rund 30 weitere Schulen beim „Bürgernetzwerk Bildung“ gemeldet und um Unterstützung durch Lesepaten gebeten. Auf der anderen Seite erklärten sich über 400 Personen dazu bereit, sich als Vorleser an Grundschulen zu engagieren. Innerhalb kurzer Zeit konnten so an jede Schule zwischen zehn und 20 Ehrenamtliche vermittelt werden.

Inzwischen sind mehr als 500 Lesepaten an 35 Schulen aktiv, jetzt auch in Charlottenburg, Reinickendorf, Tiergarten und in Spandau. Und gesucht werden laufend neue – um dem Bedarf an den Schulen zu entsprechen und um neue Schulen zu bedienen. Allerdings passen Angebot und Bedarf räumlich nicht immer zusammen, erklärt Sybille Volkholz. Die Wohnbezirke vieler Ehrenamtlicher haben oft keinen hohen Migrantenanteil. Die Initiative braucht also Lesehelfer, die bereit sind, sich in anderen als ihren Wohnbezirken einsetzen zu lassen.

Die Arbeit der Lesepaten
Die ehrenamtlichen Lesepaten sind zu 70 Prozent Rentner und überwiegend Frauen. Sie sind in der Regel sehr kompetent, gut qualifiziert und hoch motiviert, etwa 50 Prozent sind Akademiker. Die Lesepaten verpflichten sich für ein Jahr, regelmäßig mit den Schülern in den Schulen zu lesen. In den meisten Schulen werden sie zunächst den unteren Klassen zugeteilt. Zwischen ein bis drei Paten pro Klasse arbeiten einmal pro Woche drei bis vier Stunden oder zweimal zwei Stunden mit den Kindern. Sie sitzen mit im Unterricht und lesen mit einzelnen Kindern oder Kleingruppen in den Differenzierungsphasen des Unterrichts. Viele lesen den Kindern auch im Anschluss an den Unterricht vor. Den kleineren Kindern, die noch nicht lesen können, wird vorgelesen. Den älteren Kindern hören die Lesepatinnen und –paten beim Lesen zu und sprechen mit ihnen über den Text.

Sinnvoll: Kooperation mit den Lehrkräften
Bisherige Erfahrungen zeigen, dass es sinnvoll ist, den Einsatz der Ehrenamtlichen in enger Kooperation mit den unterrichtenden Lehrern zu planen. So empfinden die Lehrkräfte die Lesepaten nicht als Konkurrenz, sondern als nützliche Helfer, die die fehlende Unterstützung in den Familien ausgleichen. Seit Projektbeginn ist die Resonanz von beiden Seiten positiv. Der meisten Lehrkräfte begrüßen die Unterstützung und erleben den Einsatz der Lesepaten als Anregung und zusätzliche Hilfe. Sie versprechen sich durch die Ehrenamtlichen eine deutliche Leistungsverbesserung der Schüler.
Auch die Lesehelferinnen und -helfer erleben ihren Einsatz positiv, weil sie sich von den Kindern akzeptiert fühlen und spüren, dass die Kinder sich auf sie freuen. „Ich habe jetzt meine Aufgabe gefunden“, sagt eine Lesepatin. „Die Kinder sind so dankbar dafür, dass ihnen jemand beim Lesen zuhört.“ Und die Lehrerinnen in den Kreuzberger Schulen freuen sich, weil endlich jemand kommt und sagt: „Wir wollen mit euren Kindern arbeiten und nicht: eure Kinder sind ein Problem“, berichtet Sybille Volkholz.
Schwierigkeiten gab es bisher nur, wenn Ehrenamtliche im Unterricht nicht mit festen Terminen eingeplant oder ihre Aufgabenstellung unklar gestellt wurde oder wenn sie eigene pädagogische Konzepte entwickeln, die mit denen der unterrichtenden Lehrkraft nicht kompatibel sind. So kommt es auch immer wieder vor, dass Lesepaten abspringen. „Wenn Zweidrittel dabei bleiben, ist das gut“, findet Sybille Volkholz.

Koordination des Projekts
Organisiert wird das Bürgernetzwerk Bildung dezentral. In jeder Schule fungieren zwei Ehrenamtliche als Koordinatoren. Sie halten den Kontakt zur Schulleitung und den Lesehelfern und sind Ansprechpartner für Probleme vor Ort. Auch die Schule stellt ihrerseits einen Ansprechpartner für die Lesepaten. Der VBKI lädt die Koordinatoren regelmäßig zum Informations- und Erfahrungsaustausch ein. So stellt er sicher, dass Probleme frühzeitig erkannt werden und bearbeitet werden können.

Fortbildungsangebote für die Ehrenamtlichen
Damit die Lesepaten für ihre Arbeit richtig fit werden, können sie ein Fortbildungsangebot der FU Berlin für ehrenamtliche Lesehelfer und Lesehelferinnen wahrnehmen. Eine Vereinbarung zwischen dem VBKI und der FU ermöglicht den Ehrenamtlichen des Bürgernetzwerks eine gebührenfreie Teilnahme. Das Weiterbildungszentrum der freien Universität Berlin bietet in Kooperation mit Organisationen, die sich in Berlin um die Leseförderung durch Ehrenamtliche bemühen, darunter die Stiftung Lesen, die Bürgerstiftung Berlin, Lesewelt e.V., LesArt e.V. und das Bildungsnetzwerk des VBKI, Seminare an, in denen verschiedene Methoden der Arbeit mit Kindern, des Vorlesens und des freien Erzählens vorgestellt werden. Darüber hinaus werden Erfahrungen aus unterschiedlichen Bereichen vermittelt und ein Stimm- und Sprechtraining durchgeführt, das helfen soll, das eigene Tun zu verbessern und attraktiver zu machen.

Eine wesentliche Qualifizierung besteht natürlich in dem Einsatz selbst. Dadurch dass die Lesepaten mit im Unterricht sitzen, können sie den Lehrkräften über die Schulter schauen und ihr Wissen darüber aktualisieren, wie und was Kinder im Grundschulalter lernen.

„Ausgezeichnet Schule gemacht!"
Doch nicht nur Schulen und potenzielle Lesehelfer sind auf das erfolgreiche Projekt aufmerksam geworden. Im Juni 2005 hat die Deutsche Kinder- und Jugendstiftung (DKJS) dem „Bürgernetzwerk Bildung“ das Gütesiegel „Ausgezeichnet Schule gemacht!“ verliehen und ihm einen Spendenscheck in Höhe von 500 Euro überreicht. Die Deutsche Kinder- und Jugendstiftung fördert und unterstützt mit dem „Bündnis für Bildung“ bundesweit Bürgerinnen und Bürger, die sich aktiv für Schulen einsetzen.

Und der ehrenamtliche Einsatz der Lesepatinnen und Lesepaten ist auf jeden Fall einen Preis wert.

Autorin: Petra Schraml


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