Bericht

Bücher aus den Flammen!

10.05.2005

Der 10. Mai ist der 72. Gedenktag gegen das Vergessen der Bücherverbrennungen.


Am 10. Mai 1933, vor 72 Jahren, verbrannten die Nationalsozialisten an zahlreichen Orten in Deutschland Bücher, um den „jüdischen und undeutschen Geist“ zu vernichten. Schulen, Vereine, Kultureinrichtungen möchten in der zweiten Maihälfte mit Lesungen und Veranstaltungen ein Zeichen gegen das Vergessen setzen. Sie würdigen so nicht nur die gebrandmarkten Schriftstellerinnen und Schriftsteller, sondern rücken die Literatur als solche in den Mittelpunkt und vermitteln auf diese Art Jugendlichen auch die politische Bedeutung von literarischen Werken.

HipHop, Kunstaktionen und Lesungen gegen das Vergessen
Gegen das Vergessen dieses Verbrechens an Mensch und Kultur finden ab 10. Mai zahlreiche Aktionen statt. In Schulen, Universitäten, in Theatern und Opern, Rathäusern, Buchhandlungen, Bibliotheken, Museen, Buchhandlungen, Restaurants und vielen anderen Orten hören, lesen, diskutieren junge wie alte Menschen über die verbrannten Werke.

„Bücher aus dem Feuer“ ist ein bundesweites Projekt, das der Berufsverband Deutscher Schauspieler, das Paul-Klinger-Künstlersozialwerk und die Initiatoren der „Aktion Patenschaften für verbrannte Bücher“ ins Leben gerufen haben: „Wenn unsere Idee sich "im Schneeballsystem" ausbreitet und Schulen, Universitäten und weitere Institutionen am 10. Mai dieses Jahres in Eigeninitiative solche Lesungen veranstalten, dann haben wir ein unübersehbares Signal gesetzt!" Bereits jetzt beteiligen sich viele Akteure an diesem Projekt und auch die Präsidentin der Kultusministerkonferenz, Prof. Johanna Wanka unterstützt die Aktion. Auf der Internetseite des Projektes „Bücher aus dem Feuer“ finden Interessierte den bundesweiten Veranstaltungskalender.

Die Weltstadt Hamburg zeigt sich vom 10. bis zum 15. Mai mit Marathon-Lesungen besonders rege. Zur Auftaktveranstaltung am 25. April lasen Teilnehmer der Veranstaltung aus den Werken des jüdischen Schriftstellers Paul Celan und am Pfingstsonntag eröffnen Überlebende der Konzentrationslager Auschwitz und Ravensbrück eine weitere Veranstaltung der Reihe. Anschließend lesen Schülerinnen und Schüler, Schauspielerinnen und Schauspieler aus verbrannten Büchern vor und Freestyle-HipHopper sorgen für das musikalische Rahmenprogramm. Für Kurzentschlossene liegen ausgewählte Lesetexte bereit. Veranstalter der Hamburger Veranstaltungsreihe ist der „Arbeitskreis Bücherverbrennung - Nie wieder!“ mit Unterstützung der Hamburger Öffentlichen Bücherhallen, des Auschwitz-Komitees, von ver.di, des Verbandes deutscher Schriftsteller, des Einwohnervereins St. Georg von 1987 sowie der Geschichtswerkstatt St. Georg.

„Wider den undeutschen Geist“ – verboten und verbrannt
Die Verbrennung von Büchern war einer der ersten massiven Übergriffe nach der Machtergreifung Hitlers. An öffentlichen Plätzen verbrannten Parteisoldaten Bücher ausländischer und deutscher Schriftsteller, deren Inhalt die Nationalsozialisten als „undeutsch“ einstuften. Alleine auf dem Berliner Opernplatz verbrannten am 10. Mai 1933 rund 20 000 Bücher, unter anderem die Werke von Erich Kästner, Heinrich Mann oder Kurt Tucholsky. In vielen weiteren Orten, auch auf dem Bonner Markt, loderten Scheiterhaufen. Walter Schlevogt, der Führer der Bonner Studentenschaft, nannte es „die vornehmste Aufgabe“ der Studenten, Literatur und Kunst „zu säubern“. Und auch Professoren stellten „die Stimme des Bluts“ über „die Stimme des Intellekts“.

Nationalsozialisten bezeichneten die Scheiterhaufen als „Symbol der Revolution“ und das Feuer als „reinigende Kraft“, welches „den unreinen Geist vernichten“ und vom „Anbruch der neuen Zeit“ künden würden, so war es in den nationalsozialistischen Schriften zur Rechtfertigung nachzulesen. Unter anderem beschwor Goebbels das Bild vom „Phönix eines neuen Geistes“, der aus der Asche steige. Besonders pazifistische und marxistische Schriften wurden verbrannt. Das Hauptargument war der Hinweis auf „den jüdischen Geist“, der am „alles zersetzenden Schmutz“ schuld sei. So ist es den zwölf Thesen „Wider den undeutschen Geist“, die auf Plakaten verbreitet wurden, zu entnehmen. “Der Jude kann nur jüdisch denken. Schreibt er deutsch, dann lügt er. Der Deutsche, der deutsch schreibt, aber undeutsch denkt, ist ein Verräter!“ - Menschenverachtende Sätze, die heute geradezu dazu auffordern, mindestens an einer der zahlreichen Veranstaltungen gegen das Vergessen teilzunehmen.

Autorin: Katja Haug
Redaktionskontakt: redaktion@lesen-in-deutschland.de