Landesporträt

Berlin: Haupt(stadt)sache Lesen

Projekte und Initiativen zur Leseförderung


„Wenn die Welt der Kinder- und Jugendliteratur einen Himmel hat, dann befindet sich dieser Himmel für einige Tage im Jahr in Berlin.“ So preist Edward van de Vendel, einer der teilnehmenden Autoren, das internationale literaturfestival berlin (ilb), das alljährlich im September Autorinnen und Autoren sowie Illustratorinnen und Illustratoren aus aller Welt mit ihren Bilderbüchern, Gedichten und Romanen präsentiert. Doch auch vor und nach dem ilb gibt es viele Höhepunkte für Berliner Leseratten: im Frühjahr die Lange Buchnacht in der Kreuzberger Oranienstraße, im Mai die Berliner Bücherinseln, im Juni das poesiefestival berlin und im November die Berliner Märchentage und das Steglitzer Literaturfest.

Literaturhäuser und Ort der Leseförderung
Das Berliner Zentrum für Kinder- und Jugendliteratur LesArt erarbeitet seit 1993 unter Einbeziehung aller Künste und Medien kreative Modelle zur literarisch-ästhetischen Bildung. LesArt präsentiert Ausstellungen, Workshops und Fortbildungen rund ums Lesen. Der Jugendleseclub „Die Lesartigen“ gehörte von 2019 bis 2022 zur Jugendjury des Deutschen Jugendliteraturpreises.

Im Jungen Literaturhaus in der Fasanenstraße finden neben klassischen Buchpremieren, Bilderbuchkinos, Diskussionen und interaktiven Workshops für Kinder und Jugendliche auch regelmäßig Veranstaltungen für Familien statt, z.B. die „Erlesenen Sonntage“ in Kooperation mit LesArt.

Mit dem Projekt LeseAbenteuer öffnet die Kampagne „Kinder beflügeln“ sozial benachteiligten Kindern das Tor zur spannenden Welt des Lesens und der Bücher. Auf dem Gelände des Johannesstift in Berlin Spandau tauchen Kinder, die nur wenig oder keine Berührung mit Büchern zu Hause haben, in ein Leseabenteuer mit Übernachtung, Verkleidung und spannenden Geschichten. Das ehrenamtliche Projekt ist bei der Johannesstift Diakonie angesiedelt.

Darüber hinaus bietet die Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften mit dem Schülerlabor Geisteswissenschaften ein interdisziplinäres Kursangebot für Leistungskurse der Sekundarstufe II an. Teilnehmende können aktuelle Forschung rezipieren und sich mit ergebnisoffenen, aktuellen Forschungsthemen auseinandersetzen.
Die Berliner Jugendkunstschulen machen ebenfalls Angebote im Bereich der Leseförderung und organisieren Angebote für Kinder und Jugendliche im Freizeitbereich und Workshops für Schulklassen.

Leseförderung von Anfang an
Berlin beteiligt sich mit fünf Verbünden an dem bundesweiten Forschungs- und Entwicklungsprogramm „Bildung durch Sprache und Schrift“ (BiSS). Ausgewählte Verbundschulen an Grundschulen und weiterführenden Schulen arbeiten in Kooperation mit regionalen Bildungs- und Forschungseinrichtungen zu Themen wie „Förderung der Lesekompetenz durch Leseflüssigkeitstrainings“, „Förderung der Schreibflüssigkeit“, „Sprachliche Bildung in fachlichen und alltäglichen Kontexten“, „Schreiben im Fachunterricht“ zusammen. Ziel des BiSS-Transfer-Programms ist es, sprachliche Bildung in bis zu 2700 Schulen und Kitas bundesweit zu implementieren. Die positiven Ergebnisse aus dem BiSS-Programm (2013 bis 2019), die Methoden und Instrumente der Sprachförderung, Sprachdiagnostik und Leseförderung kommen dabei zur Anwendung. Aus den jahrelangen Erfahrungen der Berliner Schulberaterinnen und -berater u. a. im Projekt „Bildung in Sprache und Schrift“ (BiSS) bietet das Zentrum für Sprachbildung(ZeS) auf Nachhaltigkeit ausgelegte 1- bis 2-jährige Schulbegleitprogramme an. Schulen werden durch das ZeS in ihrem Schulentwicklungsprozess intensiv begleitet.

Systematische und anschlussfähige Förderung der Lesekompetenz in allen Fächern und Schulstufen
Lesekompetenz spielt im Alltag, aber auch in der Schule eine bedeutsame Rolle. In nahezu allen Fächern wird den Schülerinnen und Schülern neues Wissen anhand verschiedener Texte in medial unterschiedlicher Form zugänglich gemacht und von ihnen verarbeitet. Deshalb ist die Ausbildung von Lesekompetenz eine Aufgabe von Lehrkräften aller Fächer. Der Rahmenlehrplan für die Jahrgangsstufen 1 bis 10 für Berlin und Brandenburg (unterrichtswirksam ab dem Schuljahr 2017/2018) trägt diesem Ziel Rechnung. Dort werden in einem Basiscurriculum Sprachbildung Standards im Kompetenzbereich Rezeption/Lesen am Ende der Primarstufe sowie am Ende der Sekundarstufe I als Grundlage für die Arbeit in allen Fächern beschrieben.
Lesekompetenzentwicklung ist ein kontinuierlicher, langfristiger Prozess. Im Fachteil Deutsch des Rahmenlehrplans 1 bis 10 verdeutlichen Standards auf acht Niveaustufen, wie sich Lesefertigkeiten und Lesestrategien sowie der Umgang mit literarischen Texten, Sachtexten und Texten in anderer medialer Form von der Schulanfangsphase bis zum Ende der Sekundarstufe I entwickeln sollen. So wird eine langfristig und anschlussfähig angelegte Lernbegleitung der Schülerinnen und Schüler ermöglicht.
Im Landesinstitut für Schule und Medien Berlin-Brandenburg (LISUM) wurde ein Lesecurriculum erarbeitet, das unter dem Leitmotiv „Lesen ist der Schlüssel“ Angebote für ein Konzept der systematischen Entwicklung der Lesekompetenz bereitstellt. Dabei sind drei Bereiche berücksichtigt: Lesen im Unterricht, Lesen in der Schule und Kooperationen mit (über-)regionalen Partnern der Leseförderung. Für diese Bereiche finden interessierte Pädagoginnen und Pädagogen, Fachkonferenzen und Kollegien Informationen, Materialien und Handreichungen, die zur Entwicklung eines gesamtschulischen Lesekonzepts genutzt werden können.
Zur Förderung der basalen Lesefähigkeiten wurde das Fach Deutsch in den Jahrgangsstufen 1 bis 4 um eine Wochenstunde erhöht. Es werden Leseflüssigkeitstrainings „3 x 15 Minuten fürs Lesen“ implementiert.

Im Rahmen der Lehrkräftefortbildung bieten die Regionale Fortbildung Berlin und das Zentrum für Sprachbildung (ZeS) Fortbildungsreihen zum Thema Leseflüssigkeitstraining und zum Thema „Deutsch besser können“ an. Unterrichts-praktische Materialien werden durch das LISUM entwickelt. Diese Materialien sind frei zugänglich auf den Seiten des Bildungsservers Berlin Brandenburg hinterlegt. In der Regionalen Fortbildung Berlin arbeiten Schulberaterinnen und Schulberater, die z. B. in den Bereichen Schulanfangsphase/Schriftspracherwerb, Deutsch, Sprachbildung/Deutsch als Zweitsprache und Lese-Rechtschreib-Schwierigkeiten aktiv sind. Sie bilden Lehrkräfte fort, führen schulinterne Fortbildungen durch und beraten Fachkonferenzen und Schulen.

Im Zentrum für Sprachbildung (ZeS) sind unterschiedliche Projekte im Bereich „Durchgängige Sprachbildung in Berlin“ verortet, wie z. B. die Leseprofis und das Deutsche Sprachdiplom I der KMK. Darüber hinaus besteht eine enge Zusammenarbeit mit Poetry-Slamer*innen und dem Literaturhaus Berlin sowie Kooperationen mit dem Interdisziplinären Verbund für Mehrsprachigkeit (BiVEM) des Zentrums für Angewandte Sprachen (ZAS) am Leibnitz Institut, der Serviceagentur Ganztag, der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung (DKJS) u.v.m.

Diagnostische und digitale Tools für die Leseförderung
Seit dem Schuljahr 2020/21 steht Berliner Schulen für die Jahrgangsstufen 2 bis 6 im Fach Deutsch über das Portal des Instituts für Schulqualität der Länder Berlin und Brandenburg (ISQ) das Online-Diagnose-Tool ILeAplus zur Verfügung. ILeAplus bietet eine individuelle Diagnose und Förderhinweise mit Bezug auf den Rahmenlehrplan. Im Fach Deutsch bearbeiten die Schülerinnen und Schüler speziell auf die Standards des Rahmenlehrplans abgestimmte Aufgaben aus den Bereichen Leseflüssigkeit, Leseverständnis und Rechtschreibung. Ergänzende Fortbildungen zum Thema Diagnose und Förderung werden u. a. auch am Zentrum für Sprachbildung (ZeS) angeboten.
Darüber hinaus entwickelt das LISUM diagnostische Aufgaben zum Rahmenlehrplan 1 bis 10. Für das Fach Deutsch wird eine Sammlung von Diagnoseaufgaben zu allen Kompetenzbereichen im Fach Deutsch auf den Niveaustufen A bis D entwickelt. Diagnostische Aufgaben für die Kompetenzbereiche „Schreiben, Lesen, mit Texten und Medien umgehen“ und „Sprachwissen und Sprachbewusstheit“ liegen bereits vor und können auf den Seiten des Bildungsservers Berlin-Brandenburg heruntergeladen werden.

Der am LISUM entwickelte Lesepilot unterstützt Schülerinnen und Schüler mit basalen Lesefähigkeiten der Jahrgangsstufen 2 bis 4 beim Erwerb von Lesestrategien. Der „Leselotse“ erweitert die Schrittfolge des „Lesepiloten“. Er richtet sich an Schülerinnen und Schüler der Jahrgangsstufen 3 bis 9 und hilft bei der Erschließung schwierigerer Texte. Der „LeseNavigator“ wurde vom LISUM in Kooperation mit der Universität Potsdam und dem Thüringer Institut für Lehrerfortbildung, Lehrplanentwicklung und Medien (ThILLM) entwickelt. Die Varianten Starter-Set und Profi-Set ermöglichen eine Differenzierung in den Jahrgangsstufen 6 bis 10.

Schulbibliotheken: Wissens-, Kultur-, Lern- und Medienzentren
Schulbibliotheken haben in Berlin eine lange Tradition. In der Mitte des 19. Jahrhunderts sind die Öffentlichen Bibliotheken aus Schulbibliotheken hervorgegangen. Bis 2005 wurden viele Schulbibliotheken als Zweigstellen der Öffentlichen Bibliotheken geführt. Wegen angespannter Haushaltslage wurde diese Zusammenarbeit beendet. Zudem wurde seitdem die Zahl der Öffentlichen Bibliotheken stark reduziert. Schulen bauten den Ganztagsbetrieb auf. So entstanden seitdem in vielen Berliner Schulen selbständige Schulbibliotheken. Diese gut in den Schulalltag integrierten Schulbibliotheken leisten einen wirksamen Beitrag zur Ausbildung und Förderung von Lese-, Medien- und Informationskompetenz. Die Mitglieder der im Jahr 2010 gegründeten Arbeitsgemeinschaft Schulbibliotheken Berlin-Brandenburg e.V. (AGSBB) setzen sich ehrenamtlich für den Aufbau und den Erhalt von funktionierenden Schulbibliotheken in Berlin und Brandenburg ein, vermitteln Kontaktpersonen zu Themen der Schulbibliotheksarbeit, knüpfen Kontakte zu Bibliotheken im In- und Ausland und unterstützen die Qualifizierung der in Schulbibliotheken Beschäftigten. Seit Mai 2021 gibt es zudem eine Kompetenzstelle zur Koordination der Schulbibliotheken Berlins. In Kooperation mit dem LISUM Berlin-Brandenburg veranstaltet die AGSBB die Veranstaltungsreihe Lese(lern)ort Schulbibliothek.

Lehrkräfte und pädagogisches Personal erhalten im Medienforum der Berliner Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie digitale und analoge Unterrichtsmaterialien. Darüber hinaus bietet das Medienforum qualifizierte Beratung mit dem Ziel, Qualität in Schule und Unterricht zu sichern und zu verbessern.

Ehrenamtliches Engagement für die Leseförderung
Viele ehrenamtliche Lesepatinnen und –paten lesen regelmäßig in Schulen und anderen Bildungseinrichtungen vor, wecken die Freude am Lesen, helfen beim Lesenlernen und beim Verbessern der Sprachkenntnisse. Mehrere Vereine koordinieren den Einsatz der Ehrenamtlichen. Das Bürgernetz Bildung des Vereins Berliner Kaufleute und Industrieller qualifiziert Lesepatinnen und –paten und vermittelt sie insbesondere an Einrichtungen mit einem Anteil an Kindern mit Migrationshintergrund von über 40 Prozent oder einem entsprechenden Anteil von Eltern, die von der Lernmittelzuzahlung befreit sind. Im Projekt Leselust der Bürgerstiftung Berlin begleiten und unterstützen Lesepatinnen und -paten Kinder in Grundschulen und Kitas im Einsatz – vorrangig in den Stadtteilen Kreuzberg, Schöneberg und Wedding.
Der Verein Lesewelt Berlin e.V. organisiert kostenlose Vorlesestunden für Kinder im Alter von vier bis zwölf Jahren in öffentlichen Einrichtungen in ganz Berlin.
Das Weiterbildungszentrum der Freien Universität Berlin bietet für ehrenamtliche Lesepatinnen und -paten ein spezielles Weiterbildungsprogramm zur Förderung der Lese- und Sprachkompetenz von Kindern an. Die Seminare und Workshops geben eine fundierte Einführung in die ehrenamtliche Arbeit, stellen verschiedene Methoden der Arbeit mit Kindern, des Vorlesens, des Theaterspielens und des freien Erzählens vor, vermitteln pädagogische Kompetenzen und theoretische Grundlagen und ermöglichen den Austausch von Erfahrungen aus unterschiedlichen Bereichen.



Hinweis:
Das Landesporträt wurde in Zusammenarbeit mit dem Landesinstitut für Schule und Medien Berlin-Brandenburg (LISUM), der Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Wissenschaft und der Arbeitsgemeinschaft Schulbibliotheken Berlin-Brandenburg e.V. erarbeitet. Eine Aktualisierung erfolgte zuletzt im Januar 2022.


Redaktionskontakt: anda@dipf.de


Landesporträt erstellt am: 06.01.2016

Zuletzt aktualisiert am: Array