interview

Wie lässt sich barrierefreie Leseförderung gestalten?

20.06.2022

Empfehlungen digitaler Tools aus dem Angebot "barrierefrei kommunizieren!"


Heterogene Kinder- und Jugendgruppen verfügen sehr häufig über unterschiedliche Lernerfahrungen und Lesekompetenzen. Für pädagogische Fachkräfte ist es deshalb nicht immer einfach, allen Bedarfen gerecht zu werden. Carola Werning von barrierefrei kommunizieren! berichtet im Interview von ihrer Arbeit zum Thema Inklusion und barrierefreies Lernen und stellt verschiedene Apps, assistive Tools und kreative Methoden vor, die eine inklusive und bedarfsgerechte Leseförderung unterstützen. Dabei weiß sie, dass junge Menschen sich vor allem professionelle Ergebnisse und Spaß bei der Leseförderung wünschen.

Redaktion: Frau Werning, bei dem Thema Leseförderung denken die meisten Leser*innen sicher nicht zuerst an Inklusion und Barrierefreiheit. Was ist das Besondere an einer inklusiven und barrierefreien Leseförderung?

C. Werning: Lese- und Textkompetenz sind DIE Schlüsselkompetenzen für Teilhabe in allen Bereichen des Lebens. Dabei sollte berücksichtigt werden, dass es viele Kinder und Jugendliche gibt, bei denen der Weg zum erfolgreichen Lesen aus den verschiedensten Gründen nicht geradlinig verläuft, so dass Benachteiligungen sich verstärken. Das kann daran liegen, dass das Kind eine andere Muttersprache hat, als die, die im Unterricht gesprochen wird oder aufgrund von z.B. Legasthenie. Und natürlich können Behinderungen dazu führen, dass der Leselernprozess erschwert ist: Neben kognitiven Beeinträchtigungen gilt das z.B. auch für gehörlose Kinder oder Kinder mit Wahrnehmungsstörungen. Bei einer inklusiven und barrierefreien Leseförderung sollte man das im Blick haben und sich überlegen: Wie und mit welchen Medien kann ich die Lesekompetenz von langsamer Lesen lernenden Kindern fördern? Wie kann ich den Zugang zu Text barrierefrei gestalten - auch wenn ein Kind (noch) nicht lesen kann? Kann ich Textkompetenz auch auf andere Weise fördern – und zwar so, dass der Spaß nicht verloren geht?

Redaktion: Wie sieht Ihre Arbeit genau aus und an welche Zielgruppen richten sich Ihre Angebote?

C. Werning: Ich arbeite für barrierefrei kommunizieren!, einem Angebot der Technischen Jugendfreizeit- und Bildungsgesellschaft (tjfbg) gGmbH. Die tjfbg ist ein freier Träger der Jugendhilfe mit deutschlandweiten Angeboten und Schwerpunkt in Berlin. Bei barrierefrei kommunizieren! bin ich als Redakteurin und Dozentin für die Themen digitale Barrierefreiheit und Inklusion tätig. Als Dozentin führe ich Workshops rund um Apps für inklusives Lernen und assistive Tools durch. Dabei geht es zum Beispiel um Vorlesetools, die digitalen oder gedruckten Text vorlesen, optisch an verschiedene Bedarfe anpassen und teilweise auch übersetzen können. Es geht um Texteingabetools, wenn man nicht schreiben kann - z. B. weil man motorische Probleme oder Schreibschwierigkeiten hat. Und es geht um Lernapps für die Bereiche Lesen und Schreiben, die mit Blick auf die Lernbedarfe von Lernenden mit Behinderung und Förderbedarf entwickelt wurden. Außerdem stelle ich in Workshops Tools für die inklusive Medienarbeit vor, z.B. den Book Creator, mit dem man digitale Bücher bunt, kreativ und barrierefrei erstellen kann. Generell sensibilisiere ich zu den Themen Behinderung und barrierefreie Kommunikation, vor Ort mit unserem Erlebnisparcours und online mit dem Barriere-Bingo.
Als Redakteurin bin ich für die Publikationen von barrierefrei kommunizieren!, den Blog inklusive-medienarbeit.de und die neue nimm!-Akademie vom Netzwerk Inklusion mit Medien (nimm!) zuständig, die zusammen mit unserem Kooperationspartner, der LAG Lokale Medienarbeit NRW e.V. betrieben wird. Mit den Workshops und den Publikationen möchten wir ein möglichst großes Publikum erreichen, unsere Hauptzielgruppe sind pädagogische Fachkräfte.

Redaktion: Welche digitalen Tools und technische Unterstützungen haben sich in Ihrer Arbeit als besonders geeignet für die barrierefreie Förderung des Lesens herauskristallisiert?

C. Werning: Das lässt sich vielleicht am besten an Beispielen darstellen: Bei der App Lilalolle gibt es z.B. vier Bereiche: In den Bereichen 1 und 2 sollen Muster und Buchstaben nachgespurt werden - wichtige grafomotorische Übungen, um die Buchstaben zu „erfahren“. In den Bereichen 3 und 4 werden Buchstaben zu Silben und Silben zu einfachen Hauptwörtern (wie „Pirat“, „Apfel“, „Sonne“, „Gans“) zusammengezogen. Dabei können verschiedene Hilfen ein- und ausgeschaltet werden, z.B. das Lautieren der Buchstaben und eine Farbunterstützung – damit lassen sich Wörter auch ganz ohne Lesekenntnisse anhand von Farben legen und sich so als Ganzwort einprägen. Diese App wurde speziell für Kinder mit Down Syndrom im Zusammenhang mit der Methode Frühes Lesen entwickelt, sie eignet sich aber auch für alle anderen Kinder. Mit der App Lilalolle kann man ganz gezielt und intensiv den Prozess des Zusammenschleifens von Buchstaben zu Silben üben – etwas, was bei anderen Leselern-Apps oft zu kurz kommt, aber sehr wichtig ist für Kinder, die sich beim Lesenlernen schwertun. Zusammengefasst geht es bei inklusiven Apps also darum, dass diese sich differenzieren lassen und auch Hilfen für noch nicht lesende Kinder bereithalten.
Neben inklusiven Lern-Apps gibt es assistive Apps und Software, die einen barrierefreien Zugang zu digitalen und gedruckten Informationen ermöglichen. Digitaler und gedruckter Text kann vorgelesen werden, die Vorlesegeschwindigkeit und die Stimme sind anpassbar. Der vorgelesene Bereich wird farblich hervorgehoben. Bei einem gedruckten Text macht man ein Foto mit der Geräte-Kamera. Eine OCR-Funktion erkennt, dass es sich beim gedruckten Text-Bild um Text handelt und wandelt diesen in – vorlesbaren – digitalen Text um. Eine weitere wichtige Funktion ist die optische Anpassbarkeit von Texten an die Bedarfe der Lesenden. Für bestimmte Zielgruppen – z. B. mit Sehbehinderung oder Legasthenie – ist es wichtig, dass Dinge wie Textgröße, Zeilen- und Zeichenabstand, Schriftart sowie Hintergrundfarbe eines Textes individuell definiert werden können. Einige assistive Tools beinhalten außerdem noch eine Übersetzungsfunktion.
Leseförderung sollte auch Spaß machen! Mit Apps lassen sich z.B. Textkompetenz fördern und digitale Bücher erstellen – das können die Comic-Versionen von bekannten Geschichten sein oder ganz kreativ selbst ausgedachte Stories, deren Inhalt man mit Storytelling-Methoden entwickelt hat. Wichtig ist, dass diese Apps auch die Bedarfe von Kindern mit Leseschwierigkeiten berücksichtigen und barrierefrei bedienbar sind, auch wenn sie eine Behinderung haben. Das kostenpflichtige Tool Book Creator erfüllt all diese Kriterien.

Redaktion: Können Sie mir mehr zum Tool „Book Creator“ erzählen? Das Erstellen eines gemeinsamen barrierefreien E-Books klingt für mich nach einer sehr kreativen und individuellen Auseinandersetzung sowohl mit dem Buch als auch mit der eigenen Lese- und Schreibkompetenz.

C. Werning: Mit Book Creator lassen sich sehr einfach und niedrigschwellig multimediale Inhalte zu digitalen Büchern kombinieren, z.B. geschriebene Texte, Bilder, Audios, Sprachaufnahmen sowie Videos. Allein das ist schon inklusiv: Nicht lesende Kinder können über Sprachaufnahmen Inhalte erstellen bzw. sich Inhalte erschließen, gehörlose Kinder über Gebärdensprachvideos. Eigene Zeichnungen und Selbstgebasteltes können als Foto integriert werden. Darüber hinaus beinhaltet Book Creator noch einige assistive Funktionen: z.B. eine Vorlese- sowie eine Spracheingabefunktion, mit deren Hilfe Inhalte vorgelesen und diktiert werden können. Bilder können mit Alternativtexten beschrieben werden, die blinden Lesenden eine Vorstellung der visuellen Inhalte bieten. Book Creator ist auch mit einem Screenreader bedienbar, einer Software für blinde Menschen. Book Creator gibt es als kostenpflichtige App für iOS-Tablets sowie als Online-Version – die Online-Version bietet zudem noch eine automatische Transkript- und Untertitelfunktion. Das bedeutet, dass gesprochener Text in Audios und Videos automatisch in schriftlichen Text umgewandelt und so barrierefrei für hörbehinderte Menschen wird. Mit der Comic-Funktion oder den Vorlagen muss man auch keine Ahnung von Gestaltung und Layout haben und hat quasi im Handumdrehen toll aussehende Bücher gezaubert. Mehr Infos zu den Barrierefrei-Funktionen sowie zur Online-Version von Book Creator findet man auch in unseren Publikationen Entscheidungsbücher barrierefrei und Book Creator online.

Redaktion: Gemeinsam mit Ihren Kolleg*innen haben Sie viele praktische Projekte mit Jugendgruppen umgesetzt. Was wünschen sich die jungen Menschen im Umgang mit Medien am meisten?

C. Werning: Die Ergebnisse sollten möglichst „professionell“ wirken – viele junge Menschen orientieren sich da am Output von YouTube-Stars und Instagram-Influencer*innen. Gleichzeitig sollten die Medientools möglichst einfach bedienbar sein und ohne lange komplizierte Anleitungen auskommen. Einfach bedienbare, barrierefrei Tools bieten also letztlich die größte Schnittmenge für alle Zielgruppen.

Redaktion: Welche(n) Tipp(s) haben Sie für pädagogische Fachkräfte, die eine inklusive Medienarbeit angehen wollen?

C.Werning: Offenheit und Flexibilität sind schon mal super - inklusive Medienprojekte sind erstmal Projekte wie alle anderen auch! Natürlich ist es gut, wenn man sich mit behinderungsbedingten Bedarfen etwas auskennt und eine Vorstellung davon hat, wie man diesen gerecht werden kann (und auch: wo nicht – und wo ich Assistenz und Expertise benötige!). In Medienprojekten gibt es in der Regel aber immer so eine große Aufgabenvielfalt, dass man sich auf ganz unterschiedliche Art einbringen kann. Und es gibt keinen Notenstress und nicht unbedingt einen Produktzwang. Was auch super ist, dass die (assistive) Medientechnik mittlerweile so einfach bedienbar ist und oft kostengünstig auf mobilen Geräten zur Verfügung steht. Einen Einstieg in die Themen der inklusiven Medienarbeit findet man übrigens in unserer neuen nimm! Akademie.

Zur Person
Carola Werning arbeitet für barrierefrei kommunizieren!, einem Angebot der Technischen Jugendfreizeit- und Bildungsgesellschaft (tjfbg) gGmbH, ein freier Träger der Jugendhilfe mit deutschlandweiten Angeboten und Schwerpunkt in Berlin. Dort ist sie als Dozentin und Redakteurin für die Themen Digitale Barrierefreiheit und Inklusion zuständig. Redaktionell ist sie für die Publikationen von barrierefrei kommunizieren!, den Blog inklusive-medienarbeit.de und die neue nimm!-Akademie vom Netzwerk Inklusion mit Medien (nimm!) zuständig, die kooperativ mit der LAG Lokale Medienarbeit NRW e.V. betrieben wird. In Workshops und durch praktische Angebote sensibilisiert sie Teilnehmende für eine barrierefreie Kommunikation, die mit Hilfe von Apps für inklusives Lernen und assistive Tools gestaltet werden kann.

Redaktionskontakt: anda@dipf.de