Bericht

Nicht gut - böse? Moralische Gegenhorizonte in der Kinder- und Jugendliteratur

24.11.2021

kjl&m - forschung.schule.bibliothek - Heft 21.4


Dem Bösen kommt im literarischen Kontext eine wichtige Rolle zu. Es dient als Gradmesser und Beispiel für die menschliche Fehlbarkeit, es bietet Orientierung, fordert zu differenzierteren Welterklärungen heraus – und es fasziniert uns einfach auch wegen seiner grenzüberschreitenden Autonomie. Das vorliegende Themenheft spürt diesen Funktionen des Bösen in den verschiedenen Spielarten der Kinderliteratur nach. Im Beitrag des Spektrums sind diesmal zudem fundierte Einblicke in Befunde zur Profilierung von Kindertagesstätten mit einem Schwerpunkt in der Leseförderung zu finden. Hier ist zu lesen, dass viele Kitas zwar ein breites Spektrum an anspruchsvoller Kinderliteratur vorhalten, dass konzeptionelle Überlegungen zur Leseförderung dabei aber eher selten eine herausgehobene Rolle spielen.

Editorial
Sie sind aus unserer Kultur kaum wegzudenken. Von der bösen Hexe über Long John Silver bis hin zu Darth Vader sind es immer wieder besonders die Bösewichte und Antagonist*innen, die Geschichten nachhaltigen Eindruck verleihen und eine große Faszination auf die Lesenden ausüben. Das liegt auch daran, dass die vermeintlich eindeutige Grenzlinie von Gut und Böse oft bei genauerem Hinsehen gar nicht mehr so eindeutig zu ziehen ist. Und während die Hexe tatsächlich einfach und eindimensional böse daherkommt – ihr wird wenigstens in der traditionellen Märchenliteratur keine vielschichtige Persönlichkeit zugestanden – stellen sich der Pirat und der Tyrann im Verlauf ihrer Geschichte durchaus als ambivalente Figuren heraus, deren Schicksal und Motive bei genauerem Hinsehen eine Neubewertung ihrer literarischen Rolle und eine Auseinandersetzung mit moralischen und ethischen Fragen einfordern.

Dem Bösen kommt im literarischen Kontext eine wichtige Rolle zu. Es dient als Gradmesser und Beispiel für die menschliche Fehlbarkeit, es bietet Orientierung, fordert zu differenzierteren Welterklärungen heraus – und es fasziniert uns einfach auch wegen seiner grenzüberschreitenden Autonomie.

Das vorliegende Themenheft spürt diesen Funktionen des Bösen in der Kinderliteratur nach. Im Basisbeitrag verortet Ulf Abraham das Böse in der KJL in verschiedenen kulturgeschichtlich bedeutsamen Bezugshorizonten. Arne Moritz analysiert sodann die logische Struktur der Rede vom Bösen im Kontext des Erzählens und entwickelt daraus moralpädagogische Ableitungen für eine Didaktik der Ethik. Bei Ulrike Witten wird das Böse im Kontext biblischer Geschichten in den Blick genommen und nach der kinderliterarischen Inszenierung dieser auch religionspädagogisch so bedeutsamen Kategorie gefragt.

Im Beitrag von Ulrike Kristina Köhler geraten zwei historische englische Kinderbücher in den Blick, die mit ihren normüberschreitenden Protagonisten Identifikationsangebote für Kinder bieten, sich mit dem abweichenden Verhalten intensiv und lustvoll auseinanderzusetzen. Lisa Ingermann betrachtet die Inszenierung des Bösen im Comic zum NS, während Anna Braun das Motiv des Teufelspaktes in zwei Kinderbüchern beschreibt. Bei Christine Knödler gerät die politische Dimension des Bösen in aktuellen Jugendbüchern in den Blick.

Jan Standke zeigt schließlich, wie technologische Entwicklungen im dystopischen Roman auch zum Gegenstand literarischen Lernens werden können. Astrid Henning-Mohr beschreibt die Bibliothek in den Harry-Potter-Romanen als Ort eines autonomen Lernens und Claudia Weiß führt in ihrem Text ein in die Debatte um Schund und Schmutz in der Literatur für Heranwachsende in den Bildungseinrichtungen der Franckeschen Stiftungen zu Halle am Beginn des 20. Jahrhunderts. In der Rubrik „kurz gefragt“ kommt diesmal Susanne Blumesberger zu Wort.

Im Beitrag des Spektrums bieten Stephanie Jentgens und Alexandra Ritter empirisch fundierte Einblicke in Befunde zur Profilierung von Kindertagesstätten mit einem Schwerpunkt in der Leseförderung. Sie zeigen dabei, dass viele Kitas zwar ein breites Spektrum an anspruchsvoller Kinderliteratur vorhalten, dass konzeptionelle Überlegungen zur Leseförderung dabei aber eher selten eine herausgehobene Rolle spielen.

Michael Ritter

Inhaltsverzeichnis kjl&m 21.4

Editorial
Nicht gut – böse? Moralische Gegenhorizonte in der Kinder- und Jugendliteratur

Ulf Abraham
Nichts Gutes ohne das Böse. Moralische Gegenhorizonte in der Kinder- und Jugendliteratur

Arne Moritz
Sich vom Bösen erzählen. Begriffliche und moralpädagogische Überlegungen

Ulrike Witten
Das Böse in der Bibel. Seine narrative Funktion aus theologischer Perspektive und die Verarbeitung in biblischen Geschichten für Kinder

Ulrike Kristina Köhler
Eine Maus und ein Kaninchen als Identifikationsfiguren für das Ausleben des Verbotenen. Dorothy Kilners „The Life and Perambulations of a Mouse“ (1783) und Beatrix Potters „Peter Rabbit“ (1902)

Lisa Ingermann
Banale Böse? Darstellung des Bösen in Comics zum Nationalsozialismus

Anna Braun
Die Versuchung durch den Bund mit dem Bösen. Teufelspakte in „Timm Thaler“ von James Krüss und in „F.A.U.S.T.“ von Paul Maar und Christian Schidlowsky

Christine Knödler
Böse Bücher? Ein Streifzug durch die Jugendliteratur

Jan Standke
Böse Technologien. Technologische Singularität in Karl Olsbergs dystopischem Jugendroman „Boy in a White Room“ (2017)

Astrid Henning-Mohr
Das Böse als Initiator des Guten in der verbotenen Bibliothek „Harry Potters“

Claudia Weiß
Diskussionen über Schmutz und Schund in der Kinder- und Jugendliteratur im Deutschen Kaiserreich

KURZ GEFRAGT

Interview mit Susanne Blumesberger über Moral und Gut und Böse in der österreichischen Kinder- und Jugendliteratur

SPEKTRUM

Stephanie Jentgens / Alexandra Ritter
Literacy im Kindergartenalltag. Empirische Befunde zum Gütesiegel Buchkindergarten

FACHLITERATUR

AKTUELL

Aus der AJuM


Themen der folgenden Ausgaben: Sexuelle Vielfalt (22.1), Theater (22.2), Essen & Trinken (22.3)

Verantwortlich für den Themenschwerpunkt dieser Ausgabe: Michael Ritter

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kjl&m forschung.schule.bibliothek
Die Zeitschrift „kjl&m forschung.schule.bibliothek“, bis 2007 „Beiträge Jugendliteratur und Medien“, wird herausgegeben von der AG Jugendliteratur und Medien (AJuM) der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) und erscheint im kopäd Verlag. Die Redaktion bilden die KJL-Expertinnen und -Experten Prof. Dr. Petra Josting (Bielefeld), Prof. Dr. Julia Benner (Berlin), Prof. Dr. Michael Ritter (Halle) und Dr. Sebastian Schmideler (Leipzig).
Inhaltliche Schwerpunkte von kjl&m sind:
  • Kinder- und Jugendliteratur in Schule und Bibliothek
  • Forschung zur Kinder- und Jugendliteratur
  • Medienpädagogische und literaturdidaktische Ansätze
  • Arbeit in Schulbibliotheken und Zusammenarbeit von öffentlichen Bibliotheken und Schulen
Jede der vierteljährlich erscheinenden Ausgaben hat einen Themenschwerpunkt und bietet darüber hinaus in der Rubrik „Spektrum“ Beiträge zu weiteren Themen an. Eine Sammelrezension von Kinder- und Jugendliteratur, Rezensionen von Fachliteratur und Beiträge zum Thema Unterricht sowie Berichte und Hinweise rund um KJL bieten allen, die sich professionell mit Kinder- und Jugendliteratur beschäftigen, umfassende Information und Anregungen für die Praxis.
Zusätzlich zu den 4 Ausgaben erscheint jährlich eine umfangreichere Sonderausgabe kjl&m extra. Diese wird den AbonnentInnen außerhalb des Abos zu einem ermäßigten Preis mit Rückgaberecht geliefert.
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