Leseempfehlung

HUCKEPACK Bilderbuchpreis 2021

04.06.2021

Von der Bedeutsamkeit der „Kuscheltyperei“


Der in diesem Jahr zum sechsten Mal verliehene HUCKEPACK Bilderbuchpreis geht an das 2020 im österreichischen Verlag TYROLIA erschienene Bilderbuch „Ein eiskalter Fisch“ der Bilderbuchkünstlerinnen Frauke Angel und Elisabeth Kihßl. Dieser von der Phantastischen Bibliothek Wetzlar und dem Bremer Institut für Bilderbuchforschung gemeinsam ausgerufene und mit 1000,- € dotierte Preis würdigt vorrangig Bilderbücher, die das Potenzial haben, Kinder seelisch zu stärken. Die Jury, die sich aus Mitarbeitern beider Institutionen sowie Vertretern aus Buchhandel, Pädagogik und Journalismus zusammensetzt, prüft somit nicht nur literarische und bildästhetische Qualität, sondern legt auch großen Wert auf die erzählerische Kraft, die Text und Bildern innewohnt. Dieser auch die Adressaten mit einbeziehende Ansatz ist im deutschsprachigen Raum nach wie vor einzigartig. Gestiftet wird der Preis von Anfang an vom pädagogischen Verlag „das netz“ aus Weimar, der sich sehr für Kinder und ihre Belange einsetzt.

Ein eiskalter Fisch
Von Frauke Angel (Text) & Elisabeth Kihßl (Illustration)
Innsbruck/Wien: Tyrolia, 2020

Der Verlag Tyrolia stellt für einen begrenzten Zeitraum ein von Cornelia Tillmanns eingelesenes und von Marcel Hallenslebens von SoundSquirrel Braunschweig gemastertes Bilderbuchkino zur Verfügung.



Eine konsequent aus kindlicher Perspektive vermittelte Geschichte
Der Tod seines geliebten Fisches wird für das erzählende Kind zum Auslöser für den schönsten Tag in seinem Leben. Mit diesem eröffnenden Satz gewannt Frauke Angel sofort die Aufmerksamkeit der Jury. Die konsequent aus der kindlichen Perspektive vermittelte Geschichte berichtet von einer kleinen Familie, in der anscheinend nicht alles ganz glatt verläuft. Die Mutter ist gegangen und hat nur eine Nachricht auf dem Tisch zurückgelassen: „Ich liebe dich, auch wenn du ein eiskalter Fisch bist“. Das Kind malt den Brief ab, um etwas für die Beerdigung zu haben, und der Vater bricht beim Anblick des leeren Aquariums unvermittelt in Tränen aus. Ob er in diesem Moment um den Fisch, seine Ehe, sein Kind oder sich selbst weint, bleibt dabei offen. Viel wichtiger ist: Er nimmt sein Kind in den Arm und hält es ganz fest. Diese ungewohnte Situation ist so schön, dass das Kind ein wenig länger weint, um den Moment hinauszuzögern. Und als die Mutter zurückkehrt – „Mama kommt immer wieder“ – bereiten sie gemeinsam die Bestattung des Fisches vor.

Die Begründung der Jury
Hier werden gleich mehrere eigentlich schwere Themen aufgegriffen: Tod, Streit, emotionale Vernachlässigung. Trotzdem gelingt es Frauke Angel, ihre Leserinnen und Leser mit einem leisen Lächeln getröstet und gestärkt aus der Lektüre gehen zu lassen. Sie findet berührende und poetische Worte, die ihre Wirkung auch beim wiederholten Lesen nicht verlieren. In ihren zarten überwiegend blaugrauen Aquarellen stellt Elisabeth Kihßl das hier von allen so unterschiedlich verspürte Bedürfnis nach Nähe und Distanz dar, fängt den Moment der Innigkeit von Vater und Kind ein und nimmt der Geschichte durch ihren federleichten Strich alle Schwere.
Hier wird ein aus verschiedenen Gründen trauerndes Kind von seinen Eltern HUCKEPACK genommen – im unmittelbare Sinne, denn das Cover zeigt den Vater, wie er das Kind auf seinen Schultern trägt. Für die Jury ist „Ein eiskalter Fisch“ somit unbestrittener Preisträger, der sich gegen die übrigen 443 eingehend geprüften Bilderbücher durchsetzte.

Podcast und Materialien für den Unterricht
Schon zum zweiten Mal in Folge muss die Verleihung des HUCKEPACK Bilderbuchpreises, die üblicherweise im Rahmen eines fachpädagogischen Tages rund um die Bilderbücher der Bestenliste stattfindet, in diesem Jahr wegen Corona virtuell erfolgen. Der Verlag stellt aus diesem Anlass für einen begrenzten Zeitraum ein von Cornelia Tillmanns eingelesenes und von Marcel Hallenslebens von SoundSquirrel Braunschweig gemastertes Bilderbuchkino zur Verfügung. Auf der Website des Bremer Instituts für Bilderbuchforschung stehen außerdem von Dr. Elisabeth Hollerweger erstellte Materialien für den schulischen Einsatz zum kostenfreien Download bereit. Das Bremer Institut für Bilderbuchforschung hat darüber hinaus einen Podcast mit den Preisträgerinnen vorbereitet, abrufbar unter: https://anchor.fm/bremerbibugespraeche


Die Nominierungsliste 2021
Aus den insgesamt 444 im Jahr 2020 gesichteten Bilderbüchern hat die Jury die folgenden elf Titel auf die Nominierungsliste gesetzt. Es sind Bücher, die Kinder in verschiedenen Lebenssituationen abholen und auffangen oder zeigen, wie stark Kinder sein können.

Unsichtbar in der großen Stadt
Von Sydney Smith
Aus dem Englischen von Bernadette Ott
Stuttgart: Aladin, 2020

Obwohl es sich klein und unscheinbar in der riesigen Stadt fühlt, bewegt sich das Kind beinahe trotzig im aufziehenden Schneesturm durch die großen Häuserschluchten. Der begleitende Text in der Du-Form ist eine einzige große Ermutigung – doch wer hier zu wem spricht, stellt sich erst nach und nach heraus. Fürsorge und tiefes Vertrauen machen dieses berührende Bilderbuch aus, dessen wunderbare Illustrationen sehr genau betrachtet werden müssen, will man den Ausgang der Geschichte erfahren.


Keine Angst, großer Wolf
Von Jan de Kinder
Aus dem Niederländischen von Eva Schweikart
Frankfurt a.M.: Fischer Sauerländer, 2020

Unheimlich ist so ein Spaziergang durch den dunklen Wald, findet der große Wolf, doch der kleine geht unerschrocken und gut gelaunt vorweg, will er doch endlich seinem Vater die Angst vor seiner Freundin und deren Mutter nehmen. Wie tief verwurzelt diese ist, wird wenig später klar. Doch nicht minder klar ist, dass der kleine Wolf es wieder und wieder versuchen und mit seinem stillen Vertrauen den Vater Huckepack nehmen wird.


Alfie und der Clownfisch
Von Davina Bell (Text) & Allison Colpoys (Illustration)
Aus dem Englischen von Salah Naoura
Berlin: Insel, 2020

Obwohl er sich auf das Kostümfest gefreut hat, schreckt Alfie dann doch wieder davor zurück. Behutsam bietet ihm seine Mutter einen anderen schönen Tag und lässt ihn wissen, dass sie zu ihm steht. Ermutigend für Kinder, die ein bisschen länger brauchen und sich am besten entwickeln, wenn man sie nicht unter Druck setzt – ein wunderbar zartes Buch mit einer sehr starken Botschaft!


Hier kommt Harry!
Von Simon Philip (Text) & Kate Hindley (Illustration)
Aus dem Englischen von Uwe-Michael Gutzschhahn
Hildesheim: Gerstenberg, 2020

Hoppeln, wenn alle hoppeln? Von Karotten träumen, weil das alle tun? Nein! Harry hat eigene Vorstellungen vom Leben! Als er endlich den anderen Hasen davon erzählt, erlebt er eine gewaltige Überraschung. Ein pfiffiges Buch, das alle, die es lesen, mit der Botschaft „Glaub an Dich!“ HUCKEPACK nimmt.


Mein Papa, der Alleskönner
Von Barroux
Aus dem Französischen von Andreas Illmann
Berlin: Schaltzeit, 2020


Ist hier wirklich allein der Papa der Alleskönner? Nein! Schnell stellt sich heraus, dass er ohne seine kleine Superhelferin viel weniger gut zurechtkäme. Ein großartiges Bilderbuch, das in vielen kleinen Kapiteln liebevolle Alltagsszenen schildert, die ein Kind gestärkt aufwachsen lassen.


Der Koffer
Von Chris Naylor-Ballesteros
Aus dem Englischen von Uwe-Michael Gutzschhahn
Frankfurt a.M.: Fischer Sauerländer, 2020


Wenn einer fremd ist und neu ankommt, was hat er dann wohl in seinem Koffer dabei, fragen sich die drei Tiere. Als der Neue von all den großen Dingen erzählt, die er angeblich dabei hat, werden sie misstrauisch. Doch dann beginnen sie zu verstehen ... Auf ihre eigene, ganz einfache Weise nehmen sie den Fremden bei sich auf.


Ein eiskalter Fisch
Von Frauke Angel (Text) & Elisabeth Kihßl (Illustration)
Innsbruck/Wien: Tyrolia, 2020

Ein toter Fisch, ein trauriger Junge – und ein Vater, der plötzlich merkt, wie mit großer Macht Gefühle über ihn hereinbrechen, die er sonst erfolgreich kontrolliert. Erst als er sie zulässt, kann er ganz für seinen Sohn da sein, der in der ungewohnten Umarmung des Vaters die Traurigkeit vergisst. Ein zutiefst berührendes Buch mit einer geschickt gesponnenen Geschichte, die viel Raum gibt, sich selbst darin wiederzufinden.


Mina entdeckt eine neue Welt
Von Sandra Niebuhr-Siebert (Text) & Lars Baus (Illustration)
Hamburg: Carlsen, 2020

So lange Mina sich in ihrem neuen Kindergarten und ihrer neuen Sprache fremd fühlt, ist alles um sie herum grau und trist. Doch mit zunehmendem Sprachvermögen wird ihre Welt immer bunter, ihr Zutrauen in sich selbst immer größer. So groß, dass sie schließlich die Ermutigung, die sie selbst von anderen erfahren hat, an ein Kind weitergeben kann, das wie sie neu und fremd und ohne Worte hier ankommt.


Kleiner Streuner
Von Marla Frazee
Aus dem Amerikanischen von Ebi Naumann
Stuttgart: Aladin, 2020.

Kleiner Streuner ist allein im Gehege. Als einziger Hund spielt er nicht mit, hält sich stets abseits. Dabei wäre er gern dabei! Ob er etwas ändern kann, wenn er den anderen alles wegnimmt und sich richtig wichtig macht? Hier sind kleine Leserinnen und Leser gefragt, den Hund HUCKEPACK zu nehmen, denn anscheinend findet das Buch zu keiner Lösung. Oder vielleicht doch? Tolle Geschichte mit hohem Aufforderungscharakter!


Julian ist eine Meerjungfrau
Von Jessica Love
Aus dem Englischen von Tatjana Kröll
München: Knesebeck, 2020

Julian liebt Meerjungfrauen! Als er sich phantasievoll in den Vorhang seiner Großmutter hüllt, phantastisch als Meerjungfrau geschmückt, lässt ihr Blick zunächst nichts Gutes ahnen. Aber dann überrascht sie ihren Enkel mit einer besonderen Idee ... Ein großartiges Bilderbuch über Phantasie, Toleranz und Diversität – und nicht zuletzt ein herausragendes Beispiel für vorbehaltloses Angenommensein, das alle Kinder so erleben sollten.


Eine Wiese für alle
Von Hans-Christian Schmidt (Text) & Andreas Német (Illustration)
Leipzig: Klett Kinderbuch, 2020

Alle Schafe stehen auf einer Wiese, ein weiteres kommt von weit unterhalb der Steilküste in einem Boot daher. Alle können sehen, dass es dringend Hilfe braucht. Aber dazu müssten die anderen auf der Wiese ein bisschen zusammenrücken und ein wenig von ihrem Gras abgeben ... Stell dir vor, du bist ein Schaf, und du stehst dort mit den anderen. Was kannst du tun, um dem Schaf im Boot zu helfen? Ein aufrüttelndes Bilderbuch jenseits jeder Schonraumpädagogik, das in klaren und einfachen Szenen zeigt, wie jeder von uns zu einem guten Ende beitragen kann. Diese Geschichte macht nicht nur nachdenklich, sie nimmt uns alle Huckepack!


Der Bilderbuchpreis HUCKEPACK
Kinder mit Hilfe von Bilderbüchern zu stärken, sie mit ermutigenden Geschichten und Bildern zu tragen und ihnen über das Vorlesen zu mehr Weitsicht zu verhelfen – das sind die Ziele des 2016 gemeinsam von der Phantastischen Bibliothek Wetzlar und dem Bremer Institut für Bilderbuchforschung ins Leben gerufenen Bilderbuchpreises HUCKEPACK. Er entstand im Rahmen des sozialpräventiven Projekts „Vorlesen in Familien“ in der Phantastischen Bibliothek Wetzlar. Hier gehen ehrenamtlich Vorleserinnen und Vorleser regelmäßig zu Kindern nach Hause, um ihnen vorzulesen. Indem sie den Kindern ihre Zeit schenken, stärken sie die ganze Familie – und nehmen die Kinder HUCKEPACK.
Weitere Informationen: www.huckepack-bilderbuchpreis.de


Kontakt:
Maren Bonacker
Phantastische Bibliothek Wetzlar
Turmstraße 20
35578 Wetzlar
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