interview

25 Jahre Kinder- und Jugendliteraturpreis LUCHS

11.01.2012

Interview mit Prof. Birgit Dankert


Seit 1986 stellen Radio Bremen und die ZEIT jeden Monat ein Buch vor, das aus dem Gros der Neuerscheinungen herausfällt. Eines der zwölf prämierten Bücher wird seit 1997 mit dem „LUCHS des Jahres“ ausgezeichnet. Die Bibliotheks- und Literaturwissenschaftlerin Prof. Birgit Dankert, Mitbegründerin des LUCHS und Mitglied der LUCHS-Jury, hat die 25-jährige Geschichte des inzwischen viel beachteten und einflussreichen Kinder- und Jugendliteraturpreises in einem umfassenden und informativen Kompendium dokumentiert. „Lesen in Deutschland“ wollte von Frau Prof. Dankert wissen, wie alles begann und welche besonderen Merkmale Bücher haben müssen, um mit dem LUCHS ausgezeichnet zu werden.

Lesen in Deutschland (LiD):
Sehr geehrte Frau Prof. Dankert, Sie gehörten 1986 zu den Erfinderinnen des LUCHS. Wer hatte die Idee, einen Kinder- und Jugendliteraturpreis zu gründen und warum heißt er eigentlich LUCHS?

Prof. Birgit Dankert:
Ute Blaich, die verantwortliche Redakteurin der ZEIT-Kinder- und Jugendliteraturseite suchte ab 1984 nach neuen Möglichkeiten, Kinder- und Jugendliteratur zu fördern. Das hieß damals noch nicht Leseförderung und besaß auch eine etwas andere Orientierung. Es ging darum, qualitätsvollen Kinder- und Jugendbüchern zu Anerkennung, Öffentlichkeit und Verbreitung zu verhelfen und damit auch Qualität stiftend zu wirken. Ute Blaich und ich arbeiteten schon eine Weile zusammen und entwickelten die Idee einer die Buch-Produktion begleitenden Auszeichnung. Wir haben in langen gemeinsamen Gesprächen nach einem Weg gesucht, der auf der Höhe des jugendliterarischen Diskurses ansetzt und gleichzeitig die Möglichkeiten der Wochenzeitung DIE ZEIT optimal für diese Zielsetzung einbringen konnte. Dabei sollte den Erwartungen der Zielgruppen unter den ZEIT-Lesern entsprochen werden und die Form der Auszeichnung unter Marketing-Gesichtspunkten auch zur Attraktivität des Presse-Produktes DIE ZEIT beitragen. Hinzu kam, dass Ute Blaich seinerzeit für Radio Bremen arbeitete und so eine Verbindung zu diesem Medium herstellen konnte. Ute Blaich ist mit diesem Entwurf zunächst zum Herausgeber Buccerius gegangen, der erst einmal nicht begeistert war, weil seinerzeit – gemessen an den Redaktionsteilen Politik und Wirtschaft – die Kinder- und Jugendbuchseite einen deutlich geringeren Aufmerksamkeitsgrad besaß und Investitionen ihm nicht sinnvoll erschienen. Aber es gelang dann doch, sein Einverständnis zu erhalten. Die Suche nach dem Namen war ein schönes, zielgerichtetes Spiel. Ich erinnere mich daran, dass es viel Zeit in Anspruch nahm. Ausgehend von Ute Blaichs Engagement für Natur- und Tierschutz sollte es ein Tier sein – aber eben kein Kuscheltier, keine Trophäe, sondern ein nicht abgegriffenes Symbol der Schönheit, Rebellion, Freiheit, Schärfe und Gefährdung. Ich glaube, es war Jo Pestum, der schließlich das richtige Tier fand. Sicher bin ich mir nicht. Es war ein Glücksfall, dass Friedrich K. Waechter sich sofort bereit erklärte, ein „Logo“ dafür zu entwerfen und zu einem zumutbaren Preis der ZEIT das Copyright zu verkaufen, das ja in 25 Jahren tatsächlich zu einer Qualitätsmarke geworden ist.

LiD: In Deutschland gibt es mehr als 30 Kinder- und Jugendliteraturpreise mit unterschiedlichen Ausrichtungen. Was ist das Besondere am LUCHS?

Prof. Birgit Dankert:
Es ist die Kombination folgender Faktoren, die sich teilweise, nicht gemeinsam, auch in anderen Jugendliteraturpreisen finden:

  • kontinuierlich Produktion begleitend, mit rascher Reaktionsmöglichkeit;
  • monatliche Auszeichnung oder Empfehlung, aus der seit 1997/98 auch ein „Jahres-LUCHS“ mit Preisverleihung (Preisgeld) gewählt wird;
  • verbunden mit ausführlicher Rezension in zwei Medientypen;
  • eindeutig definierbare, dabei sehr große primäre Zielgruppe: Leser der Wochenzeitung DIE ZEIT und die Hörer von Radio Bremen;
  • bekannte, qualifizierte Jury-Mitglieder;
  • direktes Feed-back in Leserbriefen, u.Ä.;
  • gewachsene Strukturen und Netzwerke;
  • Qualitätskontrolle und Nachhaltigkeit durch Archivierung in Presse-Datenbanken und Archiven von der ZEIT und Radio Bremen.

LiD: Nach welchen Kriterien werden die LUCHS-verdächtigen Bücher aus den Neuerscheinungen eines Monats ausgewählt?

Prof. Birgit Dankert:
Im Folgenden gehe ich auf die gegenwärtige Praxis ein. Die vier Jury-Mitglieder (zwei Männer, zwei Frauen, zwei Delegierte von ZEIT und Radio Bremen, zwei freie Experten) machen in bestimmten Zeitabschnitten eine vorher bestimmte Anzahl an Vorschlägen, möglichst aus den Sparten Bilderbuch, Kinderbuch, Jugendbuch, Sachbuch. Dieser Pool an möglichen LÜCHSEN wird von allen gelesen. Dann erfolgt eine Sitzung, auf der einige LÜCHSE im gemeinsamen Gespräch festgelegt werden. Es kommt nicht selten vor, dass durch ein inzwischen „frisch“ erschienenes oder vielleicht auch nur übersehenes Buch der Entscheidungsprozess in E-Mails oder Telefon-Gesprächen noch einmal neu aufgerollt wird. Jedes Jury-Mitglied hat ein eigenes Kriterien-Gerüst. Als Gemeinsamkeiten können vielleicht genannt werden:

  • Sprachliche, künstlerische Qualität;
  • kind- oder jugendgerechte Literarisierung eines Themas, einer Handlung mit Identifikationsmöglichkeiten für den Leser;
  • Welthaltigkeit;
  • programmatisch für Literatur, die Kinder und Jugendliche lesen können und sollen;
  • wegweisend für Autoren, Illustratoren, Literatur-Produzenten und –vermittler.

LiD: Wie viele Bücher muss ein Jury-Mitglied monatlich lesen, um ein Buch zu finden, das aus dem Gros der Neuerscheinungen herausragt?

Prof. Birgit Dankert:
Da gibt es – auch in anderen Jurys – unterschiedliche Wege, die unter anderem etwas mit den beruflichen Rahmenbedingungen des Jury-Mitglieds zu tun haben: es existiert das kontinuierliche Lesen eines bestimmten Qualitätssegmentes der aktuellen Kinder- und Jugendliteratur („jeden Tag ein Buch“), unverlangt oder verlangt geliefert als Rezensionsexemplar von den Verlagen oder eingesehen in Buchhandlungen. Möglich ist auch die qualitätsbewusste Beschränkung auf bestimmte Namen, Programme und Themen, entweder, weil man sehr erfahren ist oder Mechanismen der Vorauswahl entwickelt hat. Zur Zeit gibt es im Jahr 7.000 neue Kinder- und Jugendbücher und damit mindestens 7.000 potentielle LÜCHSE, von denen 12 ausgewählt werden. Eine sinnvolle Arbeit besteht also nicht in umfassender Lektüre aller Neuerscheinungen, sondern in kenntnisreicher, zielgerechter Beobachtung eines bestimmten Qualitätssegmentes – Irrtümer, Fehlgriffe und Versäumnisse eingeschlossen.

LiD: Was passiert, wenn die Jury-Mitglieder unterschiedliche Titel favorisieren?

Prof. Birgit Dankert:
Dann wird lange diskutiert und abgestimmt, wobei die Möglichkeit des „ultimativen Veto“ für jedes Jury-Mitglied bei jedem Buch offen steht. Dann muss neu entschieden werden.

LiD: Gibt es Erkenntnisse darüber, ob die mit dem LUCHS ausgezeichneten Bücher ihre Zielgruppe erreichen und gern von Kindern gelesen werden?

Prof. Birgit Dankert:
Fragt man Verleger und Buchhändler, zeigt ausschließlich eine Nennung in der Frauenzeitschrift „Brigitte“ an Verkaufszahlen nachvollziehbare Wirkung. Im Netz der Literaturvermittler, des literarischen Diskurses, des Marktes Kinder- und Jugend ist der LUCHS ein „Qualitätsknoten“ von dem viele Fäden, d.h. Wirkungen ausgehen. Denken Sie zum Beispiel an die Entwicklung der Literaturkritik für Bilder-, Kinder- und Jugendbücher. Hier haben die ZEIT-Rezensionen über 25 Jahre eine große Wirkung entfaltet.

LiD: In welchem Rahmen wird der „LUCHS des Jahres“ verliehen?

Prof. Birgit Dankert:
Bisher fand die Verleihung durch Vertreter von ZEIT und Radio Bremen im Literaturhaus Hamburg statt, zu dem DIE ZEIT oder genauer die ZEIT-Stiftung eine enge Beziehung besitzt. Natürlich gehört eine Laudatio und Lesung dazu. Dabei hat sich der Vorabend des bundesweiten Vorlesetages als Termin eingebürgert. Das war voriges Jahr der 17. November. Auf diese Weise ergab es sich, dass die Verleihung 2011, also zum 25-jährigen Bestehen des LUCHS, zur gleichen Zeit stattfand wie die Verleihung des Corine-Preises in München, an dem DIE ZEIT ja auch beteiligt ist. Vielleicht ist diese Erfahrung ein Anlass, neu nachzudenken. Die Verleihung 2012 findet wieder am Vorabend des Vorlesetages, also am 15. November 2012 statt.

LiD: Der „LUCHS des Monats“ wird bei Radio Bremen im Gespräch vorgestellt. Gibt es einen festen Sendetermin bzw. wann wird der „LUCHS des Monats Januar“ vorgestellt?

Prof. Birgit Dankert:
Am 19.01.2012. Radio Bremen und DIE ZEIT veröffentlichen bzw. senden die LUCHS-Entscheidung gleichzeitig.

LiD: Wir danken Ihnen für das Interview und wünschen Ihnen weiterhin viel Freude bei der Arbeit in der LUCHS-Jury.

Das Interview führte Christine Schuster.


Prof. Birgit Dankert arbeitete nach dem Studium der Germanistik, Philosophie, Kunstgeschichte und Bibliothekswissenschaft als Lektorin und Projektleiterin im Zentrallektorat Schleswig-Holstein. Von 1981 bis zu ihrer Emeritierung im Jahr 2007 lehrte sie als Professorin für Bibliothekswissenschaft am Fachbereich Bibliothek und Information der Fachhochschule Hamburg (Heute: Hochschule für angewandte Wissenschaften Hamburg). Neben ihrer Lehrtätigkeit engagierte sich Frau Prof. Dankert in zahlreichen Vereinen, Beiräten und Expertengremien, z.T. als Vorsitzende oder Sprecherin, für die Belange Öffentlicher Bibliotheken und des Bibliothekswesens. Von 1978 bis 1982 war Frau Prof. Dankert Vorsitzende des Arbeitskreises für Jugendliteratur und Präsidentin der IBBY-Sektion (International Board of Books for Young People) der Bundesrepublik Deutschland und West-Berlin. Neben ihrer Tätigkeit in der LUCHS-Jury engagiert sich Frau Prof. Dankert als Beirätin für das Kinderbuchhaus Hamburg und das Branchen-Netzwerk BücherFrauen e.V. Seit 2009 ist sie Vorsitzende der Gesellschaft der Freunde der Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg Carl von Ossietzky e.V.
Weitere Informationen unter www.birgitdankert.de.


Publikation:
Der Literaturpreis Luchs
25 Jahre Kinder- und Jugendliteratur in der ZEIT - eine Dokumentation
Herausgegeben von Birgit Dankert
BibSpider Verlag, Berlin 2012, 244 Seiten, 29,90 Euro
ISBN 978-3-936960-59-4

25 Jahre Literaturpreis LUCHS – 25 Jahre Kinder- und Jugendliteratur in Deutschland werden in diesem Buch lebendig.
1986 begann DIE ZEIT mit monatlichen Empfehlungen qualitätsvoller, wegweisender Literatur für junge Leser: der „LUCHS“ begann seine Arbeit. 1997 kam ein „LUCHS des Jahres“ hinzu. Inzwischen ist daraus ein viel beachteter und einflussreicher Kinder- und Jugendliteraturpreis geworden. Was bisher nur getrennt in Bibliothekskatalogen, Pressedatenbanken und Verlagsarchiven zur Verfügung stand, wird in dieser Dokumentation zusammengefasst zu einem umfassenden und informativen Kompendium der prämierten Bücher, der Cover und der ZEIT-Rezensionen. Die Bewertungen bekannter Experten laden zum Nachlesen und zu neuer Vermittlung der prämierten Bücher ein, sie bieten zusätzlich solides Material für Untersuchungen und Analysen. Mehr als 300 Bilderbücher, Kinderbücher, Jugendbücher und Sachbücher werden vorgestellt. Zu Beginn des Bandes berichten LUCHS-Jurymitglieder, Autoren, Illustratoren, Redakteure, Verleger und Rezensenten – u.a. Per Olov Enquist, Paula Fox, Susanne Rotraut Berner und Susanne Gaschke – über ihre Arbeit und die Bedeutung des LUCHS-Literaturpreises.



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