Schülertext

„So sehen wir das!“

31.03.2011

Jugendliche schreiben Gedichte und Raps über Gewalt


„Die Jugend ist schlecht??? Ich glaub das nicht recht. Die Medien haben euch belogen. Ihr müsstet es besser wissen, ihr habt sie erzogen“. Eindringliche Appelle wie dieser finden sich hier ebenso wie lakonische, aber nicht weniger unter die Haut gehende Beschreibungen von Mobbing und Ausgrenzung: Das jetzt bei Beltz & Gelberg erschienene GULLIVER-Taschenbuch „So sehen wir das!“ präsentiert die besten Texte eines außergewöhnlichen bundesweiten Schulprojektes zum Thema Gewaltprävention, das die Verlagsgruppe Beltz und die Stiftung Lesen 2010 gemeinsam initiierten – und das von der Pop Akademie Baden-Württemberg unterstützt wurde: Neben vielen Informationsangeboten zu diesem Thema inspirierte ein bundesweiter Lyrics-Wettbewerb Schülerinnen und Schüler, sich kreativ mit dem Thema zu befassen. Unter dem Motto „Wir können auch anders!“ waren Jugendliche aufgerufen, von ihren Erlebnissen mit Gewalt in poetischer Form zu berichten – oder ihre Meinung zu artikulieren.
Die Resonanz war überwältigend: Über 300 Gedichte, Songtexte und Raps – von Gymnasien und Realschulen bis hin zu Beiträgen aus einer Jugendstrafanstalt – wurden eingesandt. Die besten 50 von ihnen, ausgewählt von einer Fachjury, enthält das jetzt veröffentlichte Buch.
Es sei „beeindruckend“, wie vielfältig, virtuos und mit welchen originellen Bildern sich die Texte mit dem Thema auseinandersetzen, heißt es im Nachwort der Herausgeber: „Dabei zeigt sich vielfach der genaue Blick der Jugendlichen für die Ursachen von Gewalt und für Lösungsmöglichkeiten, wie man Hass und Streit begegnen kann.“ Das Fazit der Herausgeber: „Alle Gedichte machen deutlich, dass die Jugendlichen nicht weg-, sondern hinschauen.“

Wir veröffentlichen nachfolgend die Siegerbeiträge des Wettbewerbs „Wir können auch anders“ von Paavo Hellwich, „Warum dich ihre Gesichter jagen“ von Verena Kohlbeck und „Das Opfer“ von Maximilian Seidler.


Wir können auch anders
Die Leute sagen: „Die Jugend kann nichts außer Schlagen!“
Doch zu diesem Thema gibt’s noch so einige Fragen.

Manche können nicht anders.
Sie sind wie sie sind.
Doch wir können auch anders,
Wir sind nicht so blind.

Die Jugend ist schlecht???
Ich glaub das nicht recht.
Die Medien haben euch belogen.
Ihr müsstet es besser wissen, ihr habt sie erzogen!

Manche können nicht anders.
Sie sind wie sie sind.
Doch wir können auch anders,
Wir sind nicht so blind.

Das Messer in der Tasche,
In der Hand ‘ne Wodkafl asche,
So stellt ihr euch uns vor
Und sagt das auch im Chor.

Manche können nicht anders.
Sie sind wie sie sind.
Doch wir können auch anders,
Wir sind nicht so blind.

Noch mehr Fragen bleiben off en,
Von denen sind wir sehr betroff en.
Kein Geld ist für die Jugend da,
Na toll, wie wunderbar.

Manche können nicht anders.
Sie sind wie sie sind.
Doch wir können auch anders,
Wir sind nicht so blind.

Die Welt verdreckt,
Die Zukunft zum Vergessen.
Bei McDonald’s gibt’s das beste Essen.
Ihr habt das so eingerichtet.
Davon wurde nichts berichtet.

Manche können nicht anders.
Sie sind wie sie sind.
Doch wir können auch anders,
Wir sind nicht so blind.

Autor: Paavo Hellwich


Warum dich ihre Gesichter jagen
Du hast den falschen Weg gewählt.
Sag, was ist es, das dich quält?
In deiner Welt ist kein Platz für Liebe & Vertrauen,
du kannst auf keinen anderen Menschen bauen.
Deine Wut, dein Hass
ist doch wirklich krass!
Unschuldige, die sind dein Ziel,
denn sie interessieren dich nicht viel.

Du musst dich doch fragen,
warum dich ihre Gesichter jagen
und dich sogar im Schlaf noch plagen?

Deinen Zorn lässt du an anderen aus.
Für sie ist dein Anblick ein einziger Graus!
Du sehnst dich nach Anerkennung & Respekt,
was jedoch keiner richtig checkt.
Alles, was du kannst,
aber aus deinem Kopf verbannst,
ist ganz einfach zuzuschlagen,
während dich ihre Blicke anklagen.
Du bewegst dich in einem Teufelskreis!
Ist die Einsamkeit dein Preis?

Du musst dich doch fragen,
warum dich ihre Gesichter jagen
und dich sogar im Schlaf noch plagen?

Ohne Hilfe schaffst du’s nicht,
wenn die alte Wunde aufbricht!
Schon viel zu lang
hast du den Drang,
dich jemandem mitzuteilen,
um deine Seele zu heilen.
Schon lange hast du aufgegeben,
ein friedliches Leben anzustreben.

Du musst dich doch fragen,
warum dich ihre Gesichter jagen
und dich sogar im Schlaf noch plagen?
Wie lang kannst du das denn noch ertragen?

Autorin: Verena Kohlbeck



Das Opfer
Ach so, der!
Wie lustig!
Lass mal ärgern!
Der stinkt!
Jo, lass machen!
Macht irre Spaß, oder?
Ja klar, Mann!
Ey, hört auf!
Das ist mein Freund!
Ich hol sonst meine Gang!
Wollt ihr das?
Nein! Lass mal verduften, oder?

Autor: Maximilian Seidler



Aus folgenden Schulen wurden Beiträge in das Buch aufgenommen:
Rhein-Maas-Gymnasium Aachen
Christophorus-Gymnasium Altensteig
Clemens-Winkler-Gymnasium Aue
Christian-Hülsmeyer-Schule Barnstorf
Wilma-Rudolph-Oberschule Berlin
Dollinger Realschule Biberach an der Riss
Schulzentrum an der Lehmhorster Straße Bremen
Staudinger-Gesamtschule Freiburg
Albert-Schweitzer-Gymnasium Gernsbach
Harkort-Förderschule Hamm
Realschule Herzogenaurach
Dietrich-Bonhoeff er-Schule Immenhausen
Gymnasium Karlsbad
Lessing-Gymnasium Lampertheim
Hannah-Arendt-Gymnasium Lengerich
Friedrich-Schleiermacher-Gymnasium Niesky
Werner-Heisenberg-Realschule Ratingen
Max-Planck-Gymnasium Saarlouis
Hauptschulabschlusskurs in der Jugendstraf -
anstalt Schiff erstadt
Alexander-von-Humboldt-Gymnasium Schweinfurt
Ludwigsgymnasium Straubing
Staatliche Realschule Zirndorf

So sehen wir das - Nachwort der Herausgeber
„Verprügelt“, „Gewaltkampf“, „Am Ende“, „Außenseiter“, „Schmerzliche Einsamkeit“, „Die ewige Angst“, „Engelstränen“ … harte Überschriften für Gedichte zu einem harten Thema. Mobbing, Schlägereien, Hass – aggressive, kriminelle Jugendliche hier, jugendliche Opfer von Abzocke und Gewalt da. Auge um Auge, Zahn um Zahn. Sieht so der Alltag von Jugendlichen an den Schulen, auf der Straße, zu Hause aus?

Welche Erfahrungen mit Gewalt haben Jugendliche? Finden sie eine Sprache, Worte, um ihren Gefühlen, ihren Ängsten und Erlebnissen Ausdruck zu verleihen? Das war die Herausforderung beim Lyrics-Schreibwettbewerb, den die Stiftung Lesen zusammen mit Beltz & Gelberg veranstaltete. Unter dem Motto „Wir können auch anders!“ waren Jugendliche aufgerufen, von ihren Erlebnissen mit Gewalt in poetischer Form zu berichten. Die Resonanz war überwältigend. Über 300 Gedichte, Songtexte und Raps – von Gymnasien und Realschulen bis zu Beiträgen aus einer Jugendstrafanstalt – wurden eingesandt. Die besten 50 davon sind in diesem Buch versammelt.

Die Songtexte, Gedichte und Raps sprechen also von Gewalt, Angst und Wut. Sie erzählen von Tätern und Opfern, von Außenseitern und Verlierern. Aber sie sagen noch viel mehr. Texte wie „Hoffnung im Dunkel“, „Wehr dich!“, „Liebe statt Gewalt“, „Opferhilfe“ und „Einer ist immer da“ handeln von Vertrauen, Mut, Toleranz und Zusammenhalt. Sie zeigen, wie Jugendliche Gewalt und sich selbst dabei sehen. Wie sie Konflikte erleben und damit umgehen.
Es ist beeindruckend, wie vielfältig, virtuos und mit welchen originellen Bildern und Gedanken sich die Gedichte, Raps und Songtexte mit dem Thema auseinandersetzen, wie sie den Formen von Gewalt und der Gewalterfahrung eine Sprache verleihen. Dabei zeigt sich vielfach der genaue Blick der Jugendlichen für die Ursachen von Gewalt und für Lösungsmöglichkeiten, wie man Hass und Streit begegnen kann.

Alle Gedichte machen deutlich, dass die Jugendlichen nicht weg-, sondern hinschauen. Sie sehen und erleben die Gewalt und sie haben offene Augen für die Dinge, die falsch laufen. Die wollen und können sie verändern. Ohne Gewalt, aber mit gewaltigen Worten.

Publikation:
So sehen wir das!
Jugendliche schreiben Gedichte und Raps über Gewalt
Beltz & Gelberg, Weinheim 2011
ISBN 3-407-74234-7
128 S., € 6,95

Kontakt:
Christoph Schäfer
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