Schülertext

Märchenhaftes zwischen Emscher und Ruhr

07.12.2010

Kinder und Jugendliche aus dem Ruhrgebiet erzählen...


Das Märchen ist eine der ältesten und weit verbreitetsten Erzählformen. Welche Rollen spielen Märchen und Märchenhaftes in der heutigen Erlebniswelt von Kindern und Jugendlichen? Spielt das Märchenhafte in ihrem täglichen Leben zwischen Emscher und Ruhr noch eine Rolle oder haben sie damit abgeschlossen? Sehnen sie sich zurück nach einer heilen Märchenwelt oder entwickeln sie vor ihrem Hintergrund Zukunftsperspektiven? Wie verarbeiten sie ihre Schwierigkeiten und wie lösen sie ihre Probleme?
Mit diesen und anderen Fragen hat sich ein Buchprojekt im Kulturhauptstadtjahr 2010 beschäftigt, das vom Kulturzentrum Grend in Essen und dem GeestVerlag in Vechta initiiert worden ist. Es richtete sich an Kinder und Jugendliche zwischen 10 und 20 Jahren, die im Ruhrgebiet leben. Sie waren dazu eingeladen, sich aus ihrer eigenen Perspektive mit Märchen und Märchenhaftem in ihrem Alltag zu beschäftigen.
Das neue Projekt baut auf den Anthologien „Fremd und doch daheim?!“, „Dann kam ein neuer Morgen“, „Heute ist Zeit für deine Träume“, „Pfade ins Revier - Pfade im Revier“ sowie „Ruhrkulturen - Was ich dir aus meiner Welt erzählen möchte“ auf. Mit ihnen konnte bereits ein ganz besonderer Blick auf die Sichtweisen von Essener Jugendlichen geworfen werden. Sie sind international bekannt geworden. „Märchenhaftes zwischen Emscher und Ruhr“ setzt jedoch neue Akzente, weil sich das Projekt am traditionellen Genre aller Kulturen orientiert: dem Märchen.
Insgesamt sind fast 300 Texte eingereicht worden. Sie stammen von Kindern und Jugendlichen aus den Städten Arnsberg, Bedburg-Hau, Bergkamen, Bocholt, Bochum, Bönen, Castrop-Rauxel, Dortmund, Duisburg, Essen, Geldern, Gelsenkirchen, Gevelsberg, Gladbeck, Hagen, Haltern am See, Hamm, Hattingen, Herne, Herten, Kamp-Lintford, Marl, Moers, Much, Mülheim, Niukerk, Oberhausen, Recklinghausen, Sprockhövel, Unna, Wesel, Wetter und Witten. Etwa 80 dieser Texte wurden ausgewählt und sind nun in einem Sammelband abgedruckt.
Die Anthologie lässt Kinder und Jugendliche zu Wort kommen, die in dem riesigen Kulturraum Ruhr leben. Sie selbst gehen auf ihre ureigene Art mit dem Genre Märchen um: sie erfinden eigene neue Märchen, verändern bekannte Märchen oder lassen Märchenfiguren in ihrem Alltag erscheinen. Entstanden ist ein breit gefächertes Kaleidoskop an Texten, die illustrieren, was Märchen für junge Menschen in der heutigen Zeit bedeuten. Als Leseprobe veröffentlichen wir drei Texte aus der Anthologie „Märchenhaftes zwischen Emscher und Ruhr. Kinder und Jugendliche erzählen...“, (Hg.) Andreas Klink, Artur Nickel, Vechta 2010.

Das geheimnisvolle Märchenland
Es war einmal ein junges Mädchen namens Julia, das glücklich mit anderen Märchenfiguren im Märchenland lebte. Von der Märchenhaftigkeit ihrer Welt wusste sie allerdings nichts. Für sie war ihre Welt einfach ihre Welt. Eines Tages hatte Julia Langeweile und entdeckte in dem Haus ihrer Großmutter ein altes, verstaubtes, ledernes Buch. Sie wischte den Staub ab und konnte nun die Inschrift entziffern. In geschlungenen Buchstaben stand dort: „Das Ruhrgebiet, das geheimnisvolle Märchenland“. Davon hatte sie noch nie gehört. Sie konnte sich überhaupt nicht vorstellen, wo es lag und wie es dort aussah.
Neugierig schlug Julia die erste Seite auf und sah eine Landkarte. Diese war mit schwarzer Tinte von Hand gezeichnet. Sie strich über die Beschriftung, und plötzlich verschwamm ihre Umwelt. Für eine kurze Zeit wurde alles um sie herum schwarz, und als sie die Augen wieder aufschlug, befand sie sich nicht mehr in dem verbauten Haus ihrer Großmutter. Das, was sie jetzt sah, hatte sie noch nie gesehen. Julia stand vor einem breiten Fluss, auf dem große Schiffe fuhren. Am Ufer standen hohe Bäume dicht nebeneinander, und überall waren Menschen zu sehen.
Plötzlich wurde Julia von hinten angestoßen. Als sie sich umdrehte, blickte sie in die Augen eines Jungen. Er lächelte sie freundlich an und fragte sie nach ihrem Namen. Überrascht begrüßte sie ihn und stellte sich ihm vor. Darauf entgegnete er: „Hallo, Julia! Ich bin Marc. Ich glaube, du bist neu hier, oder? Vielleicht kann ich dir ein bisschen vom Ruhrgebiet zeigen! Einverstanden?“ Julia nickte, verschwieg ihm aber, dass sie aus einer anderen Welt kam, aus der realen Welt.
So zogen die beiden los, und Marc zeigte Julia die besten Plätze der Gegend. Als erstes gingen sie zu einer alten Zeche, und Marc erklärte ihr die Geschichte der Kohleförderung und die große Bedeutung der Zechen im Ruhrgebiet. Danach machten die beiden am Ufer der Ruhr einen kleinen Spaziergang und eine Tour mit einem Boot. Julia war total aufgeregt. Alles war so neu, so anders in dieser Welt. Ihr gefiel der lustige Dialekt der Menschen, die dort lebten, und ihr gefiel die Lebensart. Sie kannte nur die kleine gemütliche Stadt in ihrer Welt, in der sie, seit sie denken konnte, lebte. Dort war es nicht so hektisch, ja, es war manchmal sogar langweilig. Aber im Ruhrgebiet gab es viel zu sehen, und hier lebten so viele Menschen. Sie war begeistert. Marcs Familie veranstaltete an diesem Abend eine kleine Party in ihrem Schrebergarten. Nach einer Weile ging Julia in die kleine Hütte, die zu diesem Garten gehörte. Als sie sich dort umsah, entdeckte sie ein dickes Buch, das den Titel „Reise in das Land der Märchen“ trug. In dem Moment trat Marc ein, und Julia fragte ihn: „Was ist das für ein Buch? Ihr seid doch schon in der Märchenwelt!“
Marc guckte kurze Zeit etwas überrascht, aber dann lachte er: „Ich hatte schon von Anfang an das Gefühl, dass du nicht von dieser Welt bist und dass du nicht weißt, wo du bist.“ Darauf erklärte Julia ihm, wie sie in diese Welt gekommen war. Aber Marc glaubte es ihr nicht so richtig. Das Ruhrgebiet sollte eine Märchenwelt sein? Verunsichernd war es, und doch klang es irgendwie überzeugend, wie Julia es erzählte. Ob es nun die reale oder die Märchenwelt war, in der sie gerade waren, wussten sie beide nicht.
Julia schlug die erste Seite des Märchenbuches auf und sah dort eine vertraute Landkarte. Sie konnte dort den Namen der Stadt lesen, in der sie wohnte. Marc kam nun näher heran und strich über die Karte. Auf einmal sahen die beiden die Hütte nur noch verschwommen, und es wurde schwarz um sie herum. Plötzlich standen sie beide in dem Wohnzimmer von Julias Großmutter. „Glaubst du mir jetzt?“, fragte sie Marc spöttisch. Dieser nickte stumm. Wirklich wohl fühlte er sich nicht in dieser Welt, und es war noch ein wenig verwirrend. Aber nachdem Julia ihm versichert hatte, dass sie wisse, wie er in die andere Welt zurückkäme, war er beruhigter. Dann packte ihn die Neugier.
Julia zeigte Marc die Lieblingsplätze in ihrer Welt. Zuerst gingen die beiden zu dem alten Fachwerkhaus, in dem eine Hexe wohnte. Danach gingen sie zu der kleinen Lichtung im Wald mit dem Bach, wo sie eine Rast und ein Picknick machten. Und zu guter Letzt: das prachtvolle Schloss des Prinzen und seiner Gemahlin mit dem weitläufigen und gepflegten Park. Außerdem trafen sie noch die sieben Zwerge und unterhielten sich mit ihnen, Marc gefiel diese Welt. Sie war so friedlich, sie war einfach märchenhaft.
Als sich der Tag dem Ende zuneigte, musste Marc wieder zurück. Die beiden versprachen sich gegenseitig, dass sie einander wieder besuchen würden. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute. Aber in welcher Welt?

Autorin: Johanna Bendl (14 Jahre)

Die Essensschlacht
Es gab einmal vor langer Zeit zwei Länder namens McLand und Bioland. In McLand gab es nur Fettiges und Süßes, zum Beispiel Blumen aus Marzipan, Autos aus Schokolade, Wolken aus Zuckerwatte, Straßen aus Lakritz, Geld aus Schokoladen, Häuser aus Lebkuchen, Fenster aus Eiswürfeln, Steine aus Gummibärchen, Bällebäder aus Smarties und anderes mehr. Im Bioland hingegen gab es nur Gesundes, zum Beispiel Blumen aus Sternenfrucht, Autos aus Gemüse, Wolken aus Blumenkohl, Geld aus Käse, Häuser aus Vollkornbrot und mehr. Die beiden Länder trennte ein Fluss aus Milch namens Emscher. Eine Sage erzählt, dass der Milchfluss entstanden ist, weil sich zwei Zauberer gestritten haben und die beiden Länder trennen wollten. Aber sie wussten nicht, mit welcher Flüssigkeit sie den Fluss füllen sollten. Und weil Milch auf der einen Seite gesund und auf der anderen ungesund ist, weil sie mit Kakao und Zucker vermischt werden kann, machten sie ihn aus Milch.
Eines Tages wollten zehn Kinder aus McLand den Bewohnern aus Bioland einen Streich spielen, indem sie in der Nacht eine Tonne Kakaopulver in die Emscher schütteten. Die Leute aus Bioland konnten darüber gar nicht lachen, und so erschufen sie einen Obsttornado aus knackigen Äpfeln, abendroten Orangen, süßen Mandarinen, neongrünen Artischocken, wunderschönen Drachenfrüchten, gut schmeckenden Tomaten, traumhaft blauen Blaubären, schimmernden Kokosnüssen, großem linienförmigem Spargel und elefantenartigem Vollkornbrot. Als die Leute aus McLand das sahen, erzeugten sie sofort einen Spaghettitornado mit fettiger Bolognese-Sauce, kleinen und großen Gummibären, komethaften Fleischbällchen, süßem Ketchup, scharfen Kartoffelsticks, hochprozentigem Bier, dicken Burgern, zuckerverseuchten Donuts und schaumigen Megaküssen. Die beiden Tornados trafen sich in der Mitte. Jeder Bioländer hielt die Luft an. Plötzlich gab es einen lauten Knall, und alles, was in den Tornados war, lag zwischen und in den beiden Ländern. Als erstes war alles still, doch nach und nach fingen die Leute an, sich wieder normal aufzuführen. Ein Bioländer hatte keine Angst und ging zu den McLändern. Die waren erstaunt und gingen hinüber zu den Bioländern. Die Bioländer fanden die Stelle, an der die beiden Tornados zusammengestoßen waren. Dort war alles so gemischt, dass man es nicht mehr voneinander trennen konnte. Also nannten die McLänder und die Bioländer gemeinsam die Stelle Essen. Fünf Tage später hörten die Menschen in den beiden Ländern eine große, mächtige Stimme aus den Wolken: „Essen ist fertig!“

Autoren: Nicole Bernhard, Marvin Derksen, Liana Koop (12 Jahre)


Der unheimliche grüne Drache
Vor langer Zeit, als der Sultan noch lebte, gab es im fernen Türkenland einen Königspalast mit vielen Schätzen. In ihm lebten der Sultan und seine Tochter Nesihe ganz alleine. Dieser Königspalast war umgeben von einem Dorf.
Eines Tages musste der Sultan mit seinem fliegenden Teppich fort, denn er war zu einer Fete eingeladen worden. So musste seine Tochter alleine im Königspalast bleiben. Plötzlich drang ein großer und unheimlicher grüner Drache in den Palast ein, und die Bürger waren erschrocken. Denn der Drache nahm die Tochter des Sultans gefangen und ließ niemanden herein oder heraus.
Die Bürger waren ratlos und fragten sich, wie sie Nesihe befreien sollten. So beschlossen sie, dass ihre besten Musiker versuchen sollten, den Drachen abzulenken, während andere hineingingen, um Nesihe zu befreien. Also versammelte sich das ganze Dorf, und alle versuchten der Tochter des Sultans zu helfen: die Schlangenbeschwörer mit ihren Trommeln, die Tentakelbeschwörer, die Saz-Spieler und schließlich der Mann mit der Flöte. Jeder dieser Beschwörer spielte auf seinem Instrument die schönsten Melodien. Dem Drachen gefiel die Musik ausgezeichnet, er lachte und tanzte, ließ aber die Prinzessin nicht aus den Augen.
Da gab der kluge Ali Baba einen Rat: „Einzeln können wir es nicht, aber gemeinsam schaffen wir das!“ Alle zusammen überlegten, und plötzlich hatten sie begriffen, was Ali Baba sagen wollte. Sie spielten alle gleichzeitig und so laut sie konnten. Die Schlangenbeschwörer zischten laut und trommelten auf dem Davul, dass es nur so dröhnte. Die Tentakelbeschwörer warfen Steine und Äste in Richtung des Drachen und spielten dabei mit aller Kraft auf der Saz. Der Mann mit der Flöte spielte so laute Töne, dass sich alle die Ohren zuhalten mussten. Die Bürger schrien: „Drache heraus! Drache heraus!“ Der Drache hatte bald die Nase voll von dem ganzen Lärm und flog aus dem Königspalast. So kam Nesihe, die Tochter des Sultans, wieder frei. Am nächsten Tag gab es ein Festmahl zu Ehren der Sultanstochter Nesihe, und jeder war eingeladen.

Autorin: Ayse Celik (13 Jahre)

Publikation:
Andreas Klink/Artur Nickel (Hg.)
Märchenhaftes zwischen Emscher und Ruhr: Kinder und Jugendliche erzählen.
ISBN 9783866852617
12 Euro

Kontakt:
Dr. Andreas Klink
GREND Kulturzentrum
Westfalenstr. 311
45276 Essen
Tel.: (0201) 8513220
E-Mail: info@maerchenhaftes2010.de
Internet: www.maerchenhaftes2010.de


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