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Landesporträt

Schleswig-Holstein: Lesen macht stark

Projekte und Initiativen zur Leseförderung




© IQSH
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In Schleswig-Holstein bekommen Kinder und Jugendliche, die Probleme beim Schriftspracherwerb und bei der Ausbildung automatisierter Lese- und Schreibfertigkeiten haben, vielversprechende Unterstützung. Mit Hilfe des Projektes „Niemanden zurücklassen – Lesen macht stark“ wird die Leseförderung intensiviert, um benachteiligten Kindern und Jugendlichen bessere Chancen zu eröffnen, die Anforderungen der Gesellschaft und der Arbeitswelt zu erfüllen.

„Niemanden zurücklassen – Lesen macht stark“
Das Projekt „Lesen macht stark“ wird in den Schularten Grundschule und Gemeinschaftsschule im Bundesland Schleswig-Holstein durchgeführt. „Niemanden zurücklassen - Lesen macht stark“ ist ein Projekt der Sekundarstufe 1.
Im Schuljahr 2014/2015 startete das Projekt „Lesen macht stark – Grundschule“ zur Diagnose und Förderung schriftsprachlicher Kompetenzen im Anfangsunterricht an 100 Grundschulen in Schleswig-Holstein. Es wurde in enger Kooperation mit dem Mercator Institut für Sprachförderung und Deutsch als Zweitsprache in Köln und dem Leibniz-Institut für die Pädagogik der Naturwissenschaften und Mathematik in Kiel entwickelt. Inzwischen nehmen ca. 220 Schulen in Schleswig-Holstein teil. Die Projektmaterialien beinhalten Lehrhefte für die Jahrgangsstufen 1 bis 4. Sie leiten zu festgelegten Zeitpunkten, ab der ersten Schulwoche bis zum Ende des 4. Schuljahres, durch diagnostische Aufgaben. Diese Aufgaben werden mit der gesamten Lerngruppe durchgeführt und ausgewertet. Passgenaue Förderideen sowie ein kurzer wissenschaftlich aktueller, fachdidaktischer Input komplettieren das Programm. Zusätzlich zu den in den Materialien enthaltenden Förderideen sind Trainingsprogramme zur Automatisierung basaler Kompetenzen im Lesen und Schreiben entwickelt worden. Ziele des Projektes sind das frühzeitige Erkennen und Fördern der Kinder, die Schwierigkeiten beim Schriftspracherwerb haben. Die Schülerinnen und Schüler automatisieren das Lesen und Schreiben von Buchstaben, Silben und Wörtern und werden durch frühe Erfolgserlebnisse gestärkt. Für Lehrkräfte, die die Projektmaterialien in ihren Lerngruppen einsetzen, werden begleitende einjährige Zertifikatskurse zur Qualifizierung angeboten. Das Projekt wurde wissenschaftlich begleitet und evaluiert. Die Evaluation belegt die hohe Akzeptanz des Programms bei den Lehrkräften, gute Ergebnisse bei der Identifikation lese- und schreibschwacher Schülerinnen und Schüler sowie, bei Einsatz des Trainingsprogramms (Jahrgang 1 und 2), deutliche Leistungssteigerungen in der Rubrik „Wörter lesen“.

Das Projekt „Niemanden zurücklassen - Lesen macht stark Sekundarstufe I“ startete im Schuljahr 2006/07 an 50 Schulen in Schleswig-Holstein. Seit dem Schuljahr 2009/2010 wurde allen weiterführenden Schulen (außer Gymnasien) in Schleswig-Holstein eine Teilnahme mit ihren fünften bis zehnten Klassen ermöglicht. Seit 2019 wird das Projekt durch das Team „NZL-mit neuem Schwung“ unterstützt. Um das Projektziel, eine deutliche Reduzierung der sogenannten Risikogruppe der leseschwachen Schülerinnen und Schüler, zu erreichen, wurde ein Konzept aus 5 Bausteinen entwickelt. Baustein 1 besteht aus dem Erhalt von Lesemappen, die Schülerinnen und Schüler eine individualisierte und differenzierte Entwicklung ihrer Lesekompetenz ermöglichen. Baustein 2 stellt Lehrerinnen und Lehrern in Form von Materialordnern mit themenorientierten Lesetexten, Anregungen zur Förderung der Lesekompetenz sowie aktuelle und schülergemäß aufbereitete Texte zur Verfügung. Baustein 3 umfasst Fortbildungsveranstaltungen und Qualifizierungsmaßnahmen für Lehrkräfte. Baustein 4 bietet Schulleiterinnen, Schulleitern und schulinternen Lesecoaches in Form eines Projektmanagementordners Impulse. Baustein 5 umfasst Lernstanderhebungen, die Rückschlüsse auf die Lesekompetenz der Schülerinnen und Schüler zulassen und in den Klassenstufen 5 bis 8 durchgeführt werden. Das Projekt wird wissenschaftlich begleitet und evaluiert. Die Ergebnisse belegen u.a. eine hohe Akzeptanz des NZL-Projektes und eine deutliche Verbesserung des Stellenwertes der Leseförderung an den Schulen.


„Bildung durch Sprache und Schrift“ (BiSS)
Schleswig-Holstein beteiligt sich an dem bundesweiten Forschungs- und Entwicklungsprogramm „Bildung durch Sprache und Schrift“ (BiSS). Ausgewählte Verbundkitas und Projektschulen bearbeiten unter Leitung des Instituts für Qualitätsentwicklung an Schulen Schleswig-Holstein (IQHS) und in Kooperation mit weiteren Partnern die BiSS-Module „Intensive Förderung der phonologischen Bewusstheit“ und „Übergang vom Elementarbereich zum Primarbereich“ im Elementarbereich, „Diagnose und Förderung der Leseflüssigkeit und ihrer Voraussetzungen“ in der Primarstufe sowie „Sprachliche Bildung in fachlichen Kontexten“ in der Sekundarstufe. Ziel des BiSS-Programms ist es, herauszufinden, welche Methoden und Instrumente der Sprachförderung, Sprachdiagnostik und Leseförderung unter welchen Bedingungen funktionieren, und wie sie optimal für eine durchgängige wirksame Sprach- und Leseförderung vom Beginn institutioneller Betreuung bis zum Ende der Sekundarstufe I eingesetzt werden können. An BiSS knüpft eine gemeinsame Initiative von Bund und Ländern zum Transfer von Sprachbildung, Lese- und Schreibförderung in Schulen und Kitas an: BiSS-Transfer. Bis zu 90 Verbünde aus Schulen und Kitas arbeiten seit 2020 daran, wissenschaftlich fundierte Konzepte zur sprachlichen Bildung in der Praxis zu implementieren.


Fortbildung der Lehrkräfte
Interessierte Lehrkräfte können sich in Schleswig-Holstein zu Lesecoaches weiterbilden und an ihren Schulen das Projekt „Lesen macht stark“ initiieren. Viele weitere Fortbildungen aus dem Angebot des IQSH beinhalten die Themen Leseförderung, durchgängige Sprachbildung, Deutsch als Zweitsprache und viele andere mehr. Einmal im Jahr findet der bundesweite Landesfachtag Deutsch des Instituts für Qualitätsentwicklung an Schulen Schleswig-Holstein statt. Lesen ist hier immer ein Thema. Über 1200 Lehrkräfte nutzen die Chance, sich in zahlreichen Vorträgen und Workshops auf den aktuellen Stand der Fachdidaktik zu bringen. Alle namhaften Verlage stellen Fachbücher, Unterrichtsmaterialien und Schulbücher aus. Das Programm beinhaltet Lesungen mit bekannten Kinder- und Jugendbuchautorinnen und -autoren sowie literarischem Nachwuchs.


Kooperationen zwischen Bibliotheken und Schulen
Große Unterstützung erfährt die Leseförderung an Schulen durch die öffentlichen Bibliotheken. Das Bildungsministerium und die Büchereizentrale haben eine Rahmenvereinbarung abgeschlossen, damit beide Institutionen bei der Vermittlung von Lese-, Informations- und Medienkompetenz partnerschaftlich Hand in Hand gehen. Im Vertrag wird beispielsweise empfohlen, den Besuch von Bibliotheken in den Unterricht zu integrieren. Die als Reaktion auf diese Vereinbarung im Jahr 2005 gegründete Arbeitsstelle Bibliothek und Schule des Büchereivereins Schleswig-Holstein e.V. bietet Beratung und Fortbildungen an und stellt Informationsmaterialien, Arbeitshilfen und Publikationen zur Verfügung. Als Informations- und Kontaktstelle erleichtert sie damit den Bibliotheken vor Ort die Kooperation mit den Schulen und Lehrkräften.

Über ihre Bücherei vor Ort können Schulen zu ca. 80 Themen lehrplanorientierte und altersgerechte Medienboxen für vier Wochen bestellen. Diese sogenannten „Wissensboxen“ versorgen die Lehrkräfte mit thematischen Medien für den Unterricht. Die Medienboxen können unterrichtsbegleitend, fächerübergreifend und zur Leseförderung eingesetzt werden. Sie enthalten erzählende Literatur und Sachlektüren sowie AV-Medien, sollen Wissen vermitteln und Spaß machen. Jedes Jahr veranstaltet das IQSH in Kooperation mit öffentlichen Bibliotheken den Landesfachtag Schulbibliothek in Rendsburg. Außerdem werden regelmäßig Fortbildungen in diesem Bereich durchgeführt. Wie Schulbibliotheken in Kooperation mit den kommunalen Büchereien verwirklicht werden können, ist im Leitfaden „Schulbibliotheken in Schleswig-Holstein neu gestalten, erweitern, optimieren“ zu lesen.

Ein tolles Projekt, das die Büchereizentrale Schleswig-Holstein zur Vermittlung von Medienkritik und Informationskompetenz an Jugendliche ab der 8. Klasse entwickelt hat, ist das Planspiel „FakeHunter“. Spielerisch lernen die Schülerinnen und Schüler den Unterschied zwischen Fakten und Fakenews.
Der FerienLeseClub ist ein Leseförderprojekt, das während der Sommerferien in den schleswig-holsteinischen Bibliotheken stattfindet. Er motiviert die Schülerinnen und Schüler zum Lesen und belohnt sie für jedes gelesene Buch. Freude am Lesen und an den Inhalten der Bücher ist die wichtigste Motivation auf dem Weg zu einer gut entwickelten Lesefähigkeit. Genau hier setzt dieses Projekt an. Der FerienLeseClub bringt Schülerinnen und Schüler in den Ferien in die Bibliotheken und schafft damit gesunde Lesegewohnheiten. So vertiefen die teilnehmenden Kinder und Jugendlichen eine der wichtigsten Basisqualifikationen für ihre berufliche Zukunft.

Starke Rolle der öffentlichen Büchereien
Auch im außerschulischen Bereich sind die öffentlichen Bibliotheken in Sachen Leseförderung sehr aktiv. Die 148 Stadt- oder Gemeindebüchereien (davon 53 ehren- und nebenamtlich geleitete Büchereien) und die 14 Fahrbüchereien in den Kreisen bilden zusammen mit der Büchereizentrale ein landesweites Büchereisystem. Mit Aktionen wie Vorlesestunden, Bilderbuchkino und Lesungen fördern sie kreativ die Lesemotivation junger Menschen.
Der Arbeitskreis „Mädchen und Jungen im Kinderbuch“ betreut die Brunsbütteler Kinderbuchkartei, in der problemorientierte Kinderliteratur für drei bis 12-Jährige zusammengestellt ist.

Erstmals wurden im Dezember 2006 an 50 Grundschulen erfolgreich die Dezembergeschichten, ein Adventskalender zum Zuhören und Mitmachen, durchgeführt. An jedem Schultag im Dezember wurde den 2. Klassen ein Auszug aus einem weihnachtlichen Kinderbuch vorgelesen. Anschließend wurden die Schülerinnen und Schüler aufgefordert, eine Aufgabe zu lösen. Großer Beliebtheit erfreuen sich die seit über 20 Jahren in Schleswig-Holstein im November stattfindenden Kinder- und Jugendbuchwochen. Sie stehen jedes Jahr unter einem zentralen Thema, mit dem sich die Kinder und Jugendlichen in vielfältigen Aktionen auseinandersetzen können. Die öffentlichen Bibliotheken veranstalten in dieser Zeit zahlreiche Autorenlesungen, bei denen die jungen Leserinnen und Leser mit den Autorinnen und Autoren ins Gespräch kommen können.


Aktionen an Schulen und Kindergärten
Immer begehrter sind auch die Autorenbegegnungen an Kindergärten und Schulen. Ausgerichtet werden sie vom Friedrich-Bödecker-Kreis in Schleswig-Holstein e.V.. Er organisiert seit 23 Jahren ehrenamtlich und landesweit Autorenbegegnungen und Schreibwerkstätten. Nach seiner Erfahrung fördert die persönliche Begegnung mit den Autoren und Autorinnen das Interesse der Kinder und Jugendlichen an Literatur. Das Erleben einer Lesung motiviert, selbst wieder mehr zu lesen. An einigen Schulen schreiben Schülerinnen und Schüler in Zusammenarbeit mit Autorinnen und Autoren eigene Geschichten oder Bücher. Für Lehrerinnen und Lehrer werden Autorenbegegnungen auch als Fortbildung organisiert. Im Rahmen des „Deutsch-Finnischen Literaturaustausches“ reisen schleswig-holsteinische Autorinnen und Autoren nach Finnland und finnische kommen nach Schleswig-Holstein.


Engagierte Akteure der Leseförderung
Zu einem Beratungs- und Vermittlungszentrum im Bereich Leseförderung ist das Literaturhaus Schleswig-Holstein geworden. Seine Geschäftsstelle in Kiel arbeitet landesweit im Sinne eines Literaturbüros und ist gleichzeitig ein Literaturhaus mit eigenem literarischem Programm. Es bietet eine eigene Vorlesereihe und Seminare für Vorlesepaten an und beteiligt sich an einem Modellprojekt für Kindergärten mit hohem Migrantenanteil. In Schreibwerkstätten können sich Jugendliche unter professioneller Anleitung mit verschiedenen Aspekten des kreativen Schreibens befassen. Im Projekt „Fahnen-lesen“ rezensieren Schulklassen der Jahrgangsstufen neun und zehn die Druckfahne eines noch nicht veröffentlichten Jugendbuches. Exemplarisch für die Arbeit zur landesweiten Literaturvermittlung ist der „Literatursommer“, der jährlich parallel zum Schleswig-Holstein Musik Festival die Literatur eines Gastlandes präsentiert.

Der Verein Lübecker Bücherpiraten e.V. veranstaltet regelmäßig Lesungen von Kinder- und Jugendliteratur und jährlich das Lübecker Kinder- und Jugendliteraturfestival. Daneben werden Mal- und Schreibwerkstätten für Kinder sowie Ausstellungen von Kinder- und Jugendbuchillustratoren und -illustratorinnen organisiert sowie Seminare und Elternabende zum Thema Leseförderung angeboten. Dazu gehören die Schulung und Betreuung von Vorlesepaten, Book Buddies, jugendlichen Nachwuchsautorinnen und - autoren und die Durchführung eines Seminars für Kindertageseinrichtungen zum Thema Lesen und Buch.

Das Kieler Kulturamt gibt einmal jährlich in Zusammenarbeit mit dem Kieler Kinder- und Jugendbuchkreis eine themenbezogene Empfehlungsliste für Kinder- und Jugendbücher heraus und fördert seit 25 Jahren das Literaturtelefon, das unter der Nummer 0431 / 901 1156 zu erreichen ist. Während der Sommerferien organisiert es kostenlose Lesungen für Kinder und Jugendliche auf einem ausgedienten Boot am Falckensteiner Strand an der Kieler Förde. Ein großer Spaß ist die sogenannte „Spiellinie“, die das Kulturamt während der „Kieler Woche“ im Juni veranstaltet. Der Kinder- und Jugendbuchkreis präsentiert in einem Lesezelt eine Bücherausstellung samt Empfehlungslisten und bietet Beratung. Außerdem finden verschiedene Workshops zum Thema Buch und Lesen statt, wie Papierschöpfen, Geschichten erfinden und ein eigenes Buch gestalten.

Lesemuseen verführen zum Lesen
Wer weitere Anregungen für die Leseförderung zuhause, in der Schule oder im Kindergarten sucht, wird in den zahlreichen Lesemuseen Schleswig-Holsteins fündig. Je nach Geschmack und Anliegen verführt der Besuch des Buddenbroock-Hauses und des Günther-Grass-Hauses in Lübeck und des Theodor-Storm-Museums in Husum zum Lesen. Spannend für Jung und Alt ist auch das Hebbel-Museum in Wesselburen. Hier werden die Lebensgeschichten und bedeutende Werke der Schriftsteller wieder lebendig.

Autorin: Petra Schraml

Das Landesporträt wurde im Januar 2022 in enger Zusammenarbeit mit Frau Weiß, Frau Matzen und Frau Hüttmann aus dem IQSH Schleswig-Holstein aktualisiert.


Kontakt: Frau Hüttmann, Leiterin des Ressorts "Lesen macht stark", Christiane.Huettmann@iqsh.landsh.de; Tel: 0431/5403-165



Redaktionskontakt: anda@dipf.de


Landesporträt erstellt am: 03.05.2007

Zuletzt aktualisiert am: 03.01.2022