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Bericht

Kongress „Lesen.lernen“

18.01.2006

Wenn Helden zur Lektüre greifen





Barbara Sommer, Schulministerin von NRW
Barbara Sommer, Schulministerin von NRW
Schulministerin Barbara Sommer sowie Claus Hamacher, Beigeordneter im Schul- und Kulturausschuss des Städte- und Gemeindebundes Nordrhein-Westfalen, eröffneten am 16. November 2005 den Kongress „Lesen.lernen“. Die nordrhein-westfälische Landesregierung hatte im April 2005 zusammen mit den Kommunalen Spitzenverbänden Städtetag NRW und Städte- und Gemeindebund NRW den Grundstein zur 5jährigen Landesinitiative Bildungspartner NRW – Bibliothek und Schule gelegt. Die Initiative soll öffentliche Bibliotheken dazu motivieren, sich den Schulen ihres Einzugsbereichs als Bildungspartner anzubieten, und möchte Schulen dabei helfen, den außerschulischen Bildungspartner Bibliothek in ihr Medienkonzept zu integrieren, um eine lebendige Zusammenarbeit zu gestalten. Vor Ort sollen so die Bildungschancen von Kindern und Jugendlichen durch erprobte Kooperationsformen systematisch weiter verbessert werden. Konkrete Vorteile solcher Kooperationen wurden im vorangegangenen Modellprojekt Medienpartner Bibliothek und Schule NRW erprobt. Das Projekt des Ministeriums für Städtebau und Wohnen, Kultur und Sport NRW und der Bertelsmann Stiftung hatte nach dreijähriger Laufzeit Ende 2004 überzeugende Ergebnisse geliefert: Kinder und Jugendliche entwickeln eine höhere Lesemotivation, Bibliotheken steigern ihre Ausleih- und Kundenzahlen, der Unterricht wird spannender und vielseitiger. Der Verband der Bibliotheken NRW begleitet das Vorhaben, ebenso wie die Landesarbeitsgemeinschaft der Schulbibliotheken und die Expertengruppe „Bibliothek und Schule“ des Deutschen Bibliotheksverbandes. Die Medienberatung NRW, ein gemeinsames Angebot des Landes NRW und der beiden Landschaftsverbände, hat den Auftrag, die Initiative landesweit zu koordinieren und durchzuführen.
Sie war auch Veranstalter des Kongresses Lesen.lernen und lud in das Kongresszentrum der Westfalenhalle in Dortmund ein. Ungefähr 700 Lehrerinnen und Lehrer, Entscheidungsträger, Mitarbeiter aus Bibliotheken, Medienzentren und kommunalen Kultur- und Schulverwaltungen füllten den so genannten Goldsaal bis auf den letzten Sitzplatz und konnten die Gelegenheit zum berufsübergreifenden Dialog nutzen.

Wolfgang Vaupel, Geschäftsführer der Medienberatung NRW, stellte die Initiative Bildungspartner NRW vor und hob die Chancen für ein spannendes und besseres Lernen durch eine systematische lokale Kooperation von Bibliotheken und Schulen hervor. Das zentrale Anliegen der landesweiten Initiative ist die Verbesserung der Lese-, Informations- und Medienkompetenz von Kindern und Jugendlichen in Nordrhein-Westfalen.

Ministerin Sommer ist überzeugt, dass die Schülerinnen und Schüler in Nordrhein-Westfalen beim übernächsten PISA-Test besser abschneiden werden. Die Lesefähigkeit sei der Schlüssel zur Schatzkammer der Wissensgesellschaft. Zudem hält die Ministerin die Unterscheidung zwischen neuen und alten Medien für nicht mehr zeitgemäß.

E-Teams unterstützen Schulen in Sachen Leseförderung und Medienbildung
Hamacher hob die wertvolle Arbeit der E-Teams hinsichtlich ihrer Fortbildung von Lehrenden hervor. In Nordrhein-Westfalen engagieren sich insgesamt 54 E-Teams, um das Lernen mit Medien jeder Art an Schulen aller Schulformen zu unterstützen. Zu ihren Aufgaben gehören die Planung und die Durchführung von Fortbildungsveranstaltungen zu allen medienrelevanten Themen. Darüber hinaus werden Schulen bei der Erstellung von Medienkonzepten im Rahmen des Schulprogramms wie auch die Schulträger bei Ausstattungsfragen beraten.

So widmet sich beispielsweise das Düsseldorfer E-Team in diesem Jahr dem Schwerpunkt Grundschule und beantwortet Fragen rund um den Einsatz von Medien, wie sie sich im Schulalltag stellen. Ganz aktuell heißt ein Thema „Leseförderung und was die neuen Medien damit zu tun haben". Ein Projekt, das professionell und systematisch Schulen und Lehrende in Leseförderungsfragen unterstützt, würde sich sicherlich nicht nur in Nordrhein-Westfalen großer Beliebtheit erfreuen.

Leseförderung systemisch betrachten: Kooperation von Schule mit außerschulischen Initiatoren
Professorin Bettina Hurrelmann von der Universität Köln ging der Frage nach, wie „Kevin zum Leser werden könnte“. Anhand dieses erfundenen Jungen mit typischen Leseschwächen und den typischen Hintergründen zeigte sie vielfältige Leseanlässe in verschiedenen Medien und in allen Schulfächern.

Bettina Hurrelmann stellte die Leseförderung in einen systemischen Zusammenhang und betonte, dass sich Leseförderung auf alle Schulformen und Schulstufen beziehe. Leseförderung sei ein Netz an Aktivitäten zum Aufbau von Lesekompetenz und einer stabilen Lesepraxis bei Heranwachsenden. Lesefördernd ist die Leseübung, sind anregende Lesegelegenheiten und Leseumwelten sowie möglichst viele unverschulte Buch- und Leseaktivitäten. Auch das Lesen in unterschiedlichen Medienkontexten und die Produktion von Medien bei der Verarbeitung von Schrifttexten mit anschließendem Gespräch, die den Sinn des Lesens erfassbar machten, seien wichtig. So sei Leseförderung nicht allein eine Sache des Lernens, sondern eng mit ästhetischen Erfahrungen verknüpft.

Den systemischen Zusammenhang stellte Hurrelmann mit zwei Kreisen dar, von dem der eine die schulische Arbeit darstellte und der zweite die außerschulische Kooperation.
Zur schulischen Arbeit gehören:
- die Leseübung
- Buchausstellungen und Bucheempfehlungen
- freie Lesestunden
- vorlesen, erzählen
- Schulprojekte
- fächerübergreifende Leseprojekte
- Lesen im Medienkontext
- Lesen im Literaturunterricht

Zur außerschulischen Kooperation gehören:
- die Öffentliche Bibliothek
- Kommunale Medienzentren
- Lehrerfortbildung
- die Kinder- und Jugendliteratur-Kritik
- Theater für und/oder von Kindern und Jugendlichen
- Buchhandlungen
- Lesepatenschaften
- Elternarbeit

Hurrelmann betonte, Elternarbeit sei ebenso wie die Schule eine wichtige Instanz der Lesesozialisation und müsse in der Leseförderung besondere Beachtung finden, auch um Chancenungleichheit durch Herkunft vorzubeugen.

„Wenn meine Band das liest, dann lese ich das auch!“ - Literatur-Tracks von Popmusikern als ideale Leseköder?
Bernd Baumgart von der Medienberatung NRW stellte die Aktion „2:42 Literaturtracks“ vor, die ein großes Echo fand. Die Bildungsinitiative NRW möchte auf diesem Wege vor allem bildungsferne Jugendliche erreichen. Das Projekt startet im Februar 2006 im Rahmen der Initiative Bildungspartner NRW – Bibliothek und Schule, die das Land Nordrhein-Westfalen mit den Kommunalen Spitzenverbänden für die kommenden fünf Jahre vereinbart hat.

Die Idee des Projekts: Prominente Musikkünstler lesen 2:42 Minuten lang im Studio aus einem literarischen Werk ihrer eigenen Schulzeit oder ihrem persönlichen Literaturliebling. Diese „Lese-Sessions“ werden professionell mitgeschnitten und anschließend als Literatur-Tracks über das Internet in Form von Audio-Dateien zum kostenlosen Downloaden, Sammeln und Weiterverbreiten bereitgestellt. „Künstler engagieren sich gerne, leidenschaftlich und überzeugend für soziale Ziele und sind gerade für junge Menschen intellektuelle und soziale Vorbilder“, so die Veranstalter.

„2:42“ unterscheidet sich von vergleichbaren Projekten und sei einzigartig, unterstreichen die Initiatoren. So werden Kinder und Jugendliche mit den prägnanten Stimmen von Sängern ihrer Lieblingsbands wie „Sportfreunde Stiller“, „Silbermond“ oder „Wir sind Helden“ an Literatur herangeführt, ganz nach dem Motto: „Wenn meine Band das liest, dann lese ich das auch!“ Alle Schulen in Nordrhein-Westfalen sollen auf das Projekt aufmerksam gemacht werden.

Als Anregung haben Bibliothekare und Pädagogen für „2:42“ Literaturempfehlungen zusammengestellt. Die Aufnahme wird von den Künstlern in ihrem eigenen Studio oder im Studio des Medienzentrums Rheinland in Düsseldorf produziert. Ein nachahmenswertes Projekt, von dem im Verlauf des Kongresses noch weitere unter dem Motto „Aus der Praxis für die Praxis“ vorgestellt wurden.

„Aus der Praxis für die Praxis“
Nach diesen Impulsvorträgen informierten sich die Teilnehmer der Tagung in rund zwanzig praxisorientierten Seminaren, Präsentationen und Vorträgen über neue und kreative Wege der Leseförderung und Medienbildung. Zudem stellte die Redaktion Bildung des Westdeutschen Rundfunks (WDR) als Kooperationspartner des Kongresses zur Förderung der Lese- und Schreibkompetenz die neue Produktion „SOS - Wer hilft den Speedonauten“ vor, die noch in der gleichen Woche gesendet wurde.

In den Seminaren konnten sich die Teilnehmer zum Beispiel ein Bild vom „Sommerleseclub Brilon“ oder von Projekten wie „ZEUS und die Büchereien“, „Lesen mit Antolin“, „Lesen mit allen Sinnen“ oder auch vom Online-Kurs „Leselilli“ machen und hoffentlich Anregungen für eigene Leseförderungsaktionen gewinnen. Im abschließenden Podiumsgespräch wurde die Kooperationskultur hervorgehoben, die zwischen Bibliotheken und Schulen entsteht und die es zu pflegen gilt. Eine für alle Beteiligten sehr anregende Veranstaltung!

 

Autorin: Katja Haug

Redaktionskontakt: schraml@digitale-zeiten.de