Bericht

Lebkuchentage

15.12.2021

1. Preis des Schreibwettbewerbs „Kleiner Bulle“




© VHS Buxtehude
© VHS Buxtehude
12 Wochen lang haben 68 Kinder und Jugendliche aus Deutschland und der Schweiz an der Online-Schreibwerkstatt „Lies meinen Text“ der VHS Buxtehude teilgenommen. Die Organisatoren waren beeindruckt vom Durchhaltevermögen, dem Einfühlungsvermögen, der Kreativität und den tollen Texten der Teilnehmerinnen und Teilnehmer.
Teil der Schreibwerkstatt war der Wettbewerb „Kleiner Bulle“, für den mehr als 40 Texte zum Thema „Verschwinden“ eingereicht wurden. 10 Texte wählte die Jury für die Shortlist aus. Den 1. Preis gewann Anne Sophie Rekow in der Altersgruppe 15 bis 19 Jahre. Wir präsentieren den Text mit freundlicher Genehmigung der Autorin.

Lebkuchentage
Als ich das erste Mal verschwunden bin, war einer dieser Lebkuchentage, irgendwo zwischen gefüllten Stiefeln und Geschenken unterm Baum.
Die Luft war erfüllt vom Geruch gebrannter Mandel und dem ewigen Klang wintersüßer Lieder. Ein perfekter Tag für den Weihnachtsmarkt.
Ich wollte mir nur noch ein wenig das buntbemalte Holzspielzeug ansehen und schon war ich verschwunden.
Wobei ich mir bis heute sicher bin, nicht ich bin es, die verschwunden ist, sondern meine Familie. Aber egal wie, es waren die schlimmsten 30 Minuten meines damals vierjährigen Lebens.
Weder der Ausblick von den Schultern des netten Security-Mitarbeiters noch die warmen, mit Schokosauce getränkten Waffeln konnten mich beruhigen.
Erst als meine Familie und ich wieder vereint waren, konnte ich zur Ruhe kommen.
Auf dem Heimweg schwor ich mir, nie wieder zu verschwinden.

Ich wusste noch nicht, dass man auch in sich selbst verloren gehen kann.
Und so hielt ich mich in den nächsten Jahren an Dinge, die ich kannte.
Als ich allerdings merkte, weder meine Mutter noch meine Großmutter kennen die Antworten auf alles, suchte ich Schutz in der Musik; fand Antworten in Geschichten.
Lesen wurde zu meinem Sauerstoff; das Schreiben nährte mein Herz.
Ich ließ mich treiben in farbenfrohen Strudeln immer weiter in mich selbst hinein.
Meine Gedanken zogen mich in eine Scheinwelt. Ich merkte nicht, wie schnell sie an Farbe verlor.
Ich hielt die langen Schatten für Zeichen des ewigen Morgens. Mir fiel nicht auf, dass es um mich immer dunkler wurde.
Erst als die Schatten sich verdichteten, aus ihnen dunkle Gedankenmonster wurden, bemerkte ich, dass kein neuer Morgen anbrach. Doch zu spät.
Ich stand allein mitten in der Dunkelheit. Wobei, um ehrlich zu sein, ich war nicht ganz allein.
Geschichten wärmten mich, spendeten Licht, hielten mich am Leben.

Doch in fantastischen Welten kann man nicht leben.
Die dunklen Schatten belagerten mich und meine Geschichtenwelt.
Und so blieb ich für mich.
Mein Herz schenkte ich Buchcharakteren, niemals echten Menschen.
Ich machte keine Hausaufgaben, schlief nicht, ich las.
Ich schottete mich ab von der echten Welt, in der ich all die Dämonen fürchtete.
Merkte nicht, dass diese immer nur in meinem Kopf waren.
Ich war in mir selbst gefangen, kein Entkommen möglich, trotz all der Tränen.
Ich kämpfte bis zum Schluss, doch irgendwann ging mir die Kraft aus.
Ich hatte meinen Sinn verloren, meinen Selbstwert.
Und so begann ich, als letzte Konsequenz, mich selbst zu bekriegen.
Der Kampf wäre schnell beendet gewesen. Er war ungleich und schmutzig.
Doch im letzten Moment, zum Todesstoß war schon ausgeholt, taucht eine kleine Fee auf.
Selbst verloren und gebrochen, schaffte sie es doch, dass ich meinen Waffen beiseitelegte.
Gemeinsam fegten wir die Scherben unserer zersprungenen Herzen zusammen; setzten sie Stück für Stück wieder zusammen.
Fanden leise Hoffnung in Schmetterlingstagen und Kuchenmomenten.
Sagten uns, wir wollen nur noch Cha-Cha-Cha tanzen lernen, die neue Single unserer Lieblingsband hören, noch einmal all die Weihnachtslichter sehen.
Dann könnten wir immer noch gehen.
Wir zählten die Tage runter bis Tag X. Merkten, irgendwie wird es auch danach noch weitergehen.
Die Gänseblümchen würden blühen und Sternschnuppen würden mit hellen Schweif vom Himmel fallen.
Plötzlich gab es so viel, was wir noch tausende Male tun wollen: Uns verlaufen und neues entdecken, im Regen tanzen, Riesenrad fahren, uns verlieben, die Musik laut drehen, die ganze Nacht tanzen, Geburtstagstorten backen, Traumkleider nähen, Stöckelschuhe tragen und uns furchtbar erwachsen fühlen, neue Länder sehen, Geschichten erzählen, anderen eine Freude machen, Kastanien sammeln, heiße Schokolade trinken, im Meer schwimmen und Muscheln sammeln, am Neujahrsmorgen spazieren gehen, im Auto singen, uns gegenseitig vorlesen, Kapuzenhoodies tragen und uns über fehlende Kängurutaschen aufregen, zur Bahn rennen, den Wind in unseren Haaren spüren, picknicken, wilde Wale sehen, Träume leben, sich mit Geschwistern streiten und sich wieder vertragen.
Wir wollten allen unsere bunt geflickten Herzen zeigen.

Wir wollten doch wir konnten nicht, blieben in uns gefangen. Ließen uns von unseren Gefühlen fremdbestimmen.
Und ich fragte mich immer wieder, ist das nun das gute Ende, von dem alle immer reden. Habe ich mich nun wieder gefunden und alles ist gut? Es fühlt sich nicht so an, zu viel ist zerstört. Zu groß all die Scham, die Angst, der Schmerz.
Irgendwo ist dieses eine Gefühl verloren gegangen: die Leichtigkeit.
Dem Glück vertraue ich grundsätzlich nicht; hinter jeder Ecke vermute ich einen Abgrund.
Selbstbewusstsein und Glück sind keine Dauerbewohner meiner Gefühls-WG, eher seltene Gäste. Sie kommen bloß an Glückskeksabenden und Lichtnächten vorbei, um das Buffet zu plündern und dann wieder zu verschwinden.
Stattdessen ist die Angst die Mutter meiner Gefühls-WG. Sie ist immer da und weiß zu allem etwas zu sagen.
Ihre Schwestern, die Selbstzweifel, geben in der WG viel zu oft den Ton an.

An dieser Stelle könnte ich die Geschichte beenden. Ein offenes Ende lassen, alles in der Schwebe. Aber es wäre nur die halbe Wahrheit.
Denn es stimmt, dass mir die Leichtigkeit abhandengekommen ist.
Es stimmt, dass Dinge verschwunden sind, die mir fehlen; die ich niemals ersetzen kann.
Es stimmt, dass ich Dinge gefunden, gespürt, gesehen habe, die mich von nun an nicht mehr loslassen werden.
Aber zur Wahrheit gehört auch, dass die Leichtigkeit immer wieder in mir aufflammt, wenn ich mit Menschen zusammen bin, die die gleiche Definition von schräg haben. Ich mich verstanden fühl.
Zur Wahrheit gehört, dass ich Dinge abgelegt habe, die ich nie brauchte, meine Schüchternheit, meine Unsicherheiten, meine Schwarzmalerei.
Dafür habe ich aber auch Dinge gefunden, gespürt, gesehen, die ich nicht mehr missen möchte. Meinen Mut, enge Verbundenheit, was meine Texte mit Menschen machen ...
Und so gibt es ein kleines Happy End, denn wer in Chemie aufgepasst hat, weiß, kein Teilchen dieser Welt geht verloren. Es wandelt sich nur alles ständig um.
Und so verschwinde ich nicht nur an Lebkuchentagen auf dem Weihnachtsmarkt, sondern auch immer wieder im Alltagsleben. Doch genauso oft werde ich mich wieder finden, mein Herz wieder zusammensetzen und in einer neuen, vielleicht sogar einer besseren Version von vorn beginnen.
Und wer immer wieder aus dem Fenster schaut, merkt, egal wie düster und kalt der Winter, die Knospen der Haselnuss kündigen schon jetzt den nächsten Frühling an.

Autorin: Anne Sophie Rekow (Altersgruppe 15 bis 19 Jahre)

Kontakt:
Tobias Rothenberg
Volkshochschule Buxtehude
Bertha-von-Suttner-Allee 9
21614 Buxtehude
Tel.: (04161) 7434-30
E-Mail: t.rothenberg@stadt.buxtehude.de
www.vhs-buxtehude.de/schreibwerkstatt
Redaktionskontakt: schuster@dipf.de