Bericht

Wenn das Schreiben- und Lesenlernen unterbrochen wird

30.04.2021

Folgen der Pandemie




Schreibbungen mssen begleitet werden
Schreibbungen mssen begleitet werden
T. Schuster
Wechsel- oder Schichtunterricht prgen zurzeit das Unterrichtsgeschehen an Grundschulen. Dabei sollte vor allem der Lese- und Schreiblernprozess der Schulanfngerinnen und -anfnger im Vordergrund stehen. Was es bedeutet, wenn der Lese- und Schreiblernprozess im Lockdown unterbrochen wird, welche Folgen das hat, und wie sinnvoll darauf reagiert werden kann, beschreibt die Lehrerin Sabine Czerny in dieser Kolumne, die wir mit freundlicher Genehmigung aus dem Deutschen Schulportal bernehmen.

In dieser Kolumne geht es nicht um Kinder, die das Glck haben, in bildungsinteressierten und sprachreichen Familien aufzuwachsen und dadurch so viele Vorerfahrungen mit Lauten und Schriftzeichen gemacht haben, dass sie oft, scheinbar von alleine, lesen und schreiben lernen und teilweise nur noch auf die korrekte Schreibweise von Buchstaben hingewiesen werden mssen. In diesen Familien gehrt das Lesen meist ganz selbstverstndlich zum Alltag - das Vorlesen ebenso wie das Selber-Lesen und das Darber-Sprechen. Mit diesen Kindern wird auch zu Hause Lesen gebt, werden Fehler beim Schreiben besprochen und erklrt, sodass man hier nicht von einer pandemiebedingten „Unterbrechung des Schulunterrichts“ sprechen kann.

Schreiben- und Lesenlernen ist ein aufwendiger Prozess
Kinder, die dieses Glck nicht haben, haben es ungleich schwerer. Lesen- und Schreibenlernen ist ein unglaublich komplexer und aufwendiger Prozess, wenn man ihn nicht „nebenbei mitbekommt“, sondern sich selbst erwerben muss. Fr beides braucht es zunchst die Kenntnis der Buchstaben und der zugehrigen Laute. Das sind weit ber 60 verschiedene Zuordnungen, die teilweise zustzlich noch in Kombinationen, zum Beispiel bei Doppellauten wie „au“, „ei“ oder Phonogrammen wie „sch“ und „sp“, vorkommen.

Da Kinder noch nicht – wie wir Erwachsenen – gezielt und bewusst auswendig lernen knnen, lernen sie ber den Prozess, dass ihnen diese Zuordnungen immer wieder begegnen. Im besten Fall immer wieder im Alltag, sptestens ab dem Kindergartenalter, im schlechtesten Fall erst in der Schule. Im schlechtesten Fall deshalb, weil Schule heute diese Vorerfahrungen an sich voraussetzt.

Lese- und Schreibkompetenz wird in allen Fchern vorausgesetzt
Auch wenn der Lese- und Schreiblernprozess in der Schule laut Lehrplan auf mehrere Jahre angelegt ist, erfordern doch die anderen Fcher bereits nach wenigen Monaten eine hohe Lese- und Schreibkompetenz, sodass sowohl der grundlegende Buchstabenlehrgang als auch der Lese- und Schreiblehrgang doch teils sehr schnell durchgezogen werden. Auch bei der Leistungsbewertung der Kinder spielt es keine Rolle, auf welche Weise sie in den vorausgehenden sechs Jahren aufgewachsen sind.

Ein weiterer Schwellenschritt beim Lesenlernen ist das Zusammen-Lesen. Selbst wenn ein Kind bereits einige Buchstaben und deren Laute erfasst hat, ist es fr viele Kinder sehr schwer, aus beispielsweise „L“ und „a“ ein „La“ zu modulieren. Es bentigt teilweise ein monatelanges Vorsprechen, Nachsprechen und „Den-Schriftzeichen-mit-dem Finger-Folgen“, bis Kinder Buchstaben verbunden aussprechen knnen.

Wenn dies dann gelungen ist, ist die nchste Hrde, Silben zu erfassen und an die korrekte Aussprache anpassen zu knnen, um den Sinn aufnehmen zu knnen. So gibt es beispielsweise kurze und lange Vokale, und ein Wort klingt hufig vllig entfremdet, wenn ebendiese falsch ausgesprochen werden. bers Feld luft eben nicht ein „Hasse“, sondern ein „Hase“. Im Deutschen wird nicht wie in anderen Sprachen durch Zusatzzeichen kenntlich gemacht, ob etwas kurz oder lang ausgesprochen wird. An sich muss man hufig die Wrter bereits beim Lesen kennen, um sie richtig aussprechen zu knnen. Gerade fr nicht deutsch muttersprachliche Kinder ist das oft ein groes Problem, da sie nicht ber den ntigen Wortschatz verfgen.

Und dann kommen natrlich noch die ganzen Besonderheiten der deutschen Sprache dazu, angefangen vom vokalisierten „r“ – beispielsweise bei „Birne“ – ber die verschiedenen Aussprachemglichkeiten diverser Buchstaben – wie zum Beispiel das „C/Ch“, das so verschieden klingen kann wie „sch“ (Chef), „k“ (Clown), „z“ (Circus), „s“ (Cent), „ch“ wie bei „Buch“ oder „ch“ wie bei „Milch“, die Umlaute, die Phonogramme, die Doppellaute und noch einiges mehr. Und alles muss teils mhsam erworben und verinnerlicht werden.

Fr das Lesen und Schreiben brauchen Kinder Automatismen
Das Verschriften – also die Vorstufe des Schreibens, bei dem jedes Wort lautiert wird (Maus: M Mau Maus – M au s), um es schreiben zu knnen – ist in vielen Teilen hnlich bzw. reziprok zum Lesenlernen, sodass sich die Prozesse gegenseitig untersttzen. Sehr schwer fllt es Kindern aber oftmals, die einzelnen Laute aus einem Wort herauszuhren, insbesondere die Vokale. Statt „Banane“ steht dann da „Bnn“. Auch hierfr bt man am besten einige Monate lang tglich zwei, drei Wrter, bis Kinder einen gewissen Automatismus und dazu Erfahrung erworben haben, und das immer besser auch allein gelingt. Ein einmaliges Erklren, wie zum Beispiel bei sachkundlichen Themen, also zum Beispiel den Wasserkreislauf oder die Kontinente, reicht hier nicht aus – es ist ein Prozess, der ber einen lngeren Zeitraum bestndig genhrt werden muss, um verinnerlicht zu werden.

Hat ein Kind das Grundgerst des Lesens und Schreibens erst einmal erworben, geht es oft nur noch um reines ben, das mglichst tglich stattfinden sollte, um wirklich flssig lesen und problemlos verschriften zu knnen. Wer hingegen noch dabei ist, mhsam Buchstaben aneinanderzureihen, kann weder den Inhalt eines Textes verstehen noch selbst einen formulieren. Und wer nicht bt, kommt ber dieses Stadium nur schwerlich hinaus – und ihm oder ihr fehlt dann die wichtigste Grundkompetenz fr jedes andere Fachgebiet. Nicht oder nicht wirklich flssig und sinnerfassend beziehungsweise sinngebend lesen und schreiben zu knnen, wirkt sich in hchstem Mae negativ auf den Erwerb jeglicher weiterer Fhigkeiten und Kompetenzen aus.

Allein lesen und schreiben zu ben, bekommen viele Kinder nicht hin
Die Problematik wird aber noch dadurch erweitert, dass meist gerade die Kinder, denen die Vorerfahrungen fehlen, auch kaum ber Exekutivfunktionen verfgen, das heit, sie knnen sich nur schwer auf ihre Aufgaben konzentrieren, wenn sie nicht immer wieder ermuntert werden. Hufig finden sie sich in ihren Heften nicht zurecht, und es fllt ihnen schwer, Ordnung zu halten. Sich selber so weit zu strukturieren, dass sie gewisse Teilbereiche allein ben knnten, bekommen viele Kinder nicht hin. In der Klasse schweifen sie hufig mit ihren Gedanken ab, statt aufmerksam dem Lehrer oder der Lehrerin zu folgen. Fr diese Kinder wre eine 1:1-Situation das Richtige, in der die Lehrkraft oder ein Helfer, eine Helferin sie immer wieder auf die Inhalte zurckfhrt, viel vorspricht, mitspricht, auffngt, wenn das Kind stockt, und unmittelbar reagiert. Lehrkrfte in der Schule bemhen sich immer wieder, fr einzelne Kinder – auch inmitten des Klassen-Geschehens – solch eine direkte Begleitung zu ermglichen, damit diese Kinder auf lngere Sicht aus dem Unterricht auch etwas mitnehmen.

Korrigieren, bevor der falsche Bewegungsablauf verinnerlicht ist
Nun waren aber pandemiebedingt die Schulen geschlossen, und ebendiese Kinder haben ebendiesen notwendigen Input und all die vielen speziellen bungen, die fr das Lesenlernen ntig wren, nicht bekommen. Oftmals hatten die Schlerinnen und Schler zwar Schreibbungen auf, um einzelne Buchstaben schreiben zu lernen. Gerade da wre es aber wichtig gewesen, insbesondere die ersten Buchstaben direkt zu begleiten und, falls der Bewegungsablauf beim Schreiben falsch war, sofort zu korrigieren, bevor das kindliche Gehirn das Falsche verinnerlicht. Denn: Kinder, die die Buchstaben nicht im richtigen Bewegungsablauf schreiben lernen, laufen Gefahr, niemals wirklich flssig schreiben zu knnen.

Aller Erfahrung nach machen sich aber die wenigsten Kinder die Mhe, sich spter den richtigen Bewegungsablauf anzueignen. Die Folge sind oft Schmerzen in den Hnden beim Schreiben, die sich teilweise ber den Arm-Schulter-Bereich bis zum Kopf ziehen und gegebenenfalls sogar Haltungsprobleme verursachen. Oder eben eine Abneigung gegen das Schreiben hervorrufen.

Kinder kommen mit verschiedenen Fhigkeiten aus dem Homeschooling zurck
Das Problem ist nicht, dass die Kinder das nicht nachlernen knnten. Im Gegenteil - sie sind dann ein paar Monate lter und sollten sogar leichter lernen. Das Problem ist allerdings, dass bislang in den Schulen fr diese Inhalte keine weitere Zeit mehr zur Verfgung gestellt wird, die Lehrplne brechend voll sind und fr den weiteren Schulverlauf diese Grundfhigkeiten vorausgesetzt werden. Zudem hat die Heterogenitt extrem zugenommen, da einige Kinder daheim mit der 1:1-Betreuung durch die Eltern teilweise sogar mehr und besser gelernt haben als im Klassenverband. Fr eine wirklich individuelle Betreuung der Kinder in der Schule fehlt wiederum das Personal - eine Lehrkraft kann das nicht sinnvoll fr 28 Kinder schaffen, insbesondere wenn diese vom Alter her noch kaum oder nur sehr kurze Zeit in der Lage sind, allein zu arbeiten.

Lehrplne in den ersten Jahrgngen jetzt drastisch abspecken
Ich halte – zum jetzigen Zeitpunkt – wenig davon, das Schuljahr zu verlngern, samstags zustzlich in die Schule zu gehen oder die Ferien zu streichen, denn Kinder brauchen erholsame Pausen und Normalitt. Insbesondere helfen ein paar Stunden zustzlich am Stck zudem recht wenig bei einem Langzeitprozess. Mehr als sinnvoll wre dagegen, Lehrplne gerade in den ersten und zweiten Jahrgngen drastisch abzuspecken, auch unabhngig von der Pandemie. Und an sich sollte es seit Jahren unabdingbar sein, Grundschulen grundstzlich so aufzustellen, dass sie den mittlerweile stark unterschiedlichen Vorerfahrungen und Vorkenntnissen der einzelnen Kinder gerecht werden und damit jedem Kind gute Bildungschancen ermglichen.

Um dem dargestellten Problem nun situativ beizukommen, wren zwei Dinge denkbar. Zum einen sollte man sich klarmachen, dass es gerade in anderen Fchern der Grundschule viele Inhalte gibt – zum Beispiel das Thema Obst und Gemse –, die die Kinder in den kommenden Jahren entweder durch das Alltagsgeschehen sowieso lernen oder in hherem Alter aufgrund ausgeprgterer Reife und Lernerfahrung in weit krzerer Zeit. Auch die Hefteintrge, die vielen Details und die Ausweitungen einer Thematik sind eigentlich nur fr die Prfungen ntig, die in den unteren Jahrgangsstufen noch keine Entscheidungskraft fr den weiteren schulischen Weg haben.

Ich pldiere daher dafr, an ebendiesen Stellen Zeit zu gewinnen und die Prioritt fr das kommende Schuljahr ganz eindeutig auf das Lesen- und Schreibenlernen zu lenken und durchaus auch auf den Aufbau einer grundlegenden Zahlenvorstellung – ein vergleichbarer Prozess, der sicher auch nur unzureichend whrend der Pandemiezeit fortgefhrt werden konnte. Kinder, die diese Kompetenzen im Fernlernen erworben haben, knnten beispielsweise durch Portfolioarbeiten oder andere weiterfhrende Aufgabenstellungen in die Breite gefrdert werden.

Grundschulen brauchen jetzt Helferinnen und Helfer beim Lesenlernen
Zum anderen erfordert es Helferinnen und Helfer. Lesen lernt man nicht allein: Dafr braucht es den Input von auen. Denkbar wre, eine Art Initiative auszurufen, nach dem Motto „Wir helfen Kindern lesen lernen“. Sobald der Impfstatus es zulsst, erscheint es gut denkbar, dass sich ausreichend Eltern, Studierende und Seniorinnen sowie Senioren finden, die tatkrftig mithelfen, die Kinder tglich fr eine Viertel- bis halbe Stunde aus der Klasse nehmen und einzeln mit ihnen lesen und verschriften ben. So sollte es gut mglich sein, das entstandene Defizit ber das kommende Schuljahr hinweg gut auszugleichen.

ber die Autorin:
Sabine Czerny ist seit ber 20 Jahren Lehrerin und unterrichtet in einer Grundschule im Groraum Mnchen eine zweite Klasse in allen Fchern. Zustzlich gibt sie Fachunterricht in anderen Klassen, auch in der Mittelschule. Fr Das Deutsche Schulportal schreibt Sabine Czerny eine Kolumne.

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