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Bericht

Vom Sprachprofi zum Sprachförderprofi

12.02.2021

Linguistisch fundierte Sprachförderung in Kita und Grundschule




Fachbuch für Sprachförderkräfte
Fachbuch für Sprachförderkräfte
© Beltz Verlag
In unserer Erstsprache sind wir alle Sprachprofis, denn wir wissen intuitiv genau, ob ein Satz grammatikalisch richtig oder falsch ist und ob ein Wort zu unserer Sprache gehört oder nicht. Dies bedeutet jedoch nicht, dass wir alle gleichermaßen auch Sprachförderprofis sind. Denn dazu muss man wissen, wie das System ‚Sprache‘ aufgebaut ist, welche Komplexität dahintersteckt und wie Kinder sich ihre Sprache(n) aneignen. Um Kinder in ihrer Sprachentwicklung zu unterstützen, werden Expertinnen und Experten für Sprache benötigt: Seit 2016 gibt es daher an der Goethe-Universität Frankfurt1 das Fortbildungsprojekt Sprachförderprofis, in dem Sprachprofis zu Sprachförderprofis ausgebildet werden. Pädagogische Fachkräfte aus Kitas und Grundschulen werden in dem Projekt mit Blick auf den Bildungs- und Erziehungsplan von 0 bis 10, gemeinsam und systematisch fortgebildet.
Durch die Fortbildungen werden die pädagogischen Fachkräfte darin unterstützt, linguistisch fundierte Sprachförderung zu konzipieren und diese flexibel, sowohl in Großgruppen als auch in Kleingruppen, für Kinder mit sprachlichem Förderbedarf, insbesondere für Kinder mit Deutsch als Zweitsprache, umzusetzen. Das Besondere an diesem Sprachförderansatz ist, dass darin aktuelles Wissen über Sprache und den kindlichen Erst- und Zweitspracherwerb berücksichtigt wird. Eine solche linguistisch fundierte Sprachförderung geht vom individuellen Sprachstand der Kinder aus und leitet daraus die Ziele der Förderung ab; diese orientieren sich am Verlauf des Spracherwerbs. Es geht also darum, mit der Förderung dort anzuknüpfen, wo das Kind in seiner sprachlichen Entwicklung steht, und weniger darum, die sprachlichen Defizite herauszustellen. Insgesamt zeichnet sich eine linguistisch fundierte Sprachförderung durch sechs Grundsätze aus:


Grundsätze einer linguistisch fundierten Sprachförderung
(Voet Cornelli et al., 2020)
  1. Sprachförderung erfolgt systematisch und spezifisch, sie orientiert sich also an der Systematik des Spracherwerbs und den spezifischen Ebenen von Sprache
  2. Sprachförderung orientiert sich am natürlichen Verlauf des Spracherwerbs und nutzt ein gezielt angereichertes Sprachangebot
  3. Sprachförderung knüpft am Sprachstand des Kindes an, oft unterstützt durch eine systematische Sprachstandserfassung
  4. Sprachförderung erfolgt kindorientiert und greift für die Kinder interessante Themen und Aktivitäten auf
  5. Sprachförderung nutzt vertraute pädagogische Settings, d.h. prinzipiell eignet sich jede Situation, in der man mit Kindern ins Gespräch kommt und die Kinder Freude am Sprechen und Zuhören haben
  6. Spracherwerb braucht Zeit – und Sprachförderung Geduld, erfreuen Sie sich also an den kleinen Fortschritten der Kinder

Studie belegt positive Wirkung des Sprachförderkonzepts
Dass sich eine linguistisch fundierte Sprachförderung positiv auf die grammatischen Fähigkeiten der geförderten Kinder auswirkt, zeigt eine aktuelle Studie (Lemmer et al., 2019). Nicht nur konnten die fortgebildeten pädagogischen Fachkräfte in der Fortbildung ihre Sprachförderkompetenz ausbauen. Auch verbesserten sich die Kinder, deren pädagogische Fachkräfte nach dem Konzept der Sprachförderprofis ausgebildet wurden, signifikant stärker im Förderbereich der Satzstruktur als Kinder, deren pädagogische Fachkräfte nicht an der Fortbildung teilgenommen haben.

Inhalte der Sprachförderprofi-Fortbildungen
Die Sprachförderprofi-Fortbildungen schlagen eine Brücke zwischen Theorie und Praxis. Zum einen werden in den insgesamt vier Modulen Grundlagenkenntnisse zu den Themen Sprache, Spracherwerb, Mehrsprachigkeit, Sprachdiagnostik und Sprachförderung vermittelt.
Zum anderen werden die pädagogischen Fachkräfte bei der Vertiefung ihres Wissens und Könnens und bei der Umsetzung der neu erworbenen Kompetenzen in ihrem jeweiligen Praxisfeld, beispielsweise im Rahmen des Vorlaufkurses, unterstützt. Um eine größtmögliche Wirksamkeit und Nachhaltigkeit dieser Fortbildungsmaßnahmen zu gewährleisten, erfolgt der Wissenstransfer daher nicht als isolierte Fortbildungsreihe: In verzahnten Vermittlungs-, Umsetzungs- und Reflexionsphasen werden neben den vier Fortbildungsmodulen auch Vor-Ort-Coachings und individuelle Beratungen angeboten. Zur Vertiefung der Fortbildungsinhalte können darüber hinaus die zwei Optionalmodule ‚Sprachförderprofis im Team’ und ‚Bildungssprache stärken’ gewählt werden.

Fachbuch:
Barbara Voet Cornelli, Sabrina Geyer, Anja Müller, Rabea Lemmer, Petra Schulz
Vom Sprachprofi zum Sprachförderprofi
Linguistisch fundierte Sprachförderung in Kita und Grundschule. Mit Online-Materialien
Beltz Verlag, Weinheim Basel 2020
215 Seiten, broschiert, 29,95 EUR
ISBN 978-3-407-63106-0
www.beltz.de

Dieses Fachbuch bereitet Sprachförderkräfte auf die wichtige Aufgabe der Sprachförderung am Übergang zwischen Kita und Grundschule vor. Basierend auf aktuellen Forschungsergebnissen zum Erst- und Zweitspracherwerb liefert es das nötige Hintergrundwissen und konkrete Förderanregungen. In acht Fördereinheiten für Kita und Grundschule zeigen die Autorinnen, wie linguistisch fundierte Sprachförderung umgesetzt werden kann. Ergänzend stehen im Downloadbereich zahlreiche Fördermaterialien zur Verfügung.
Das Buch wendet sich an pädagogische Fachkräfte, Lehrkräfte und Studierende sowie an Ausbilderinnen und Ausbilder. Die Autorinnen sind Sprachwissenschaftlerinnen und Sprachdidaktikerinnen. Seit vielen Jahren sind sie in der Spracherwerbsforschung, in der Lehrkräfteausbildung an der Hochschule sowie in der Fortbildung aktiv.

Inhaltsverzeichnis und Leseprobe


Kontakt:

Dr. Rabea Lemmer
Goethe-Universität
Institut für Psycholinguistik und Didaktik der deutschen Sprache
Norbert-Wollheim-Platz 1
60323 Frankfurt
Tel.: (069) 798-32573
E-Mail: sprachfoerderprofis@em.uni-frankfurt.de
www.idea-frankfurt.eu/sprachfoerderprofis

Anmerkung:

1 Die Sprachförderprofis werden seit 2016 vom Stadtschulamt Frankfurt, dem Hessischen Kultusministerium und der Stiftung Polytechnische Gesellschaft gefördert. Das Projekt ist am Lehrstuhl Deutsch als Zweitsprache an der Goethe-Universität Frankfurt angesiedelt (Prof. Dr. Petra Schulz; www.fb10.uni-frankfurt.de/DaZ).

Literatur:

Geyer, S. & Lemmer, R. (2018). „Man wird hellhörig und merkt: Was sagt man eigentlich so den ganzen Tag?“ Coachings in der Sprachförderung. Sprache im Beruf (SpriB), 1, 113–124.

Geyer, S., Voet Cornelli, B., Lemmer, R., Müller, A. & Schulz, P. (2019). Sprachförderung für Schülerinnen und Schüler mit Deutsch als Zweitsprache: Mythen und Fakten. In J. Ziehm, B. Voet Cornelli, M. Goßmann, B. Menzel (Hrsg.), Schule migrationssensibel gestalten. (S.11–31). Weinheim, Basel: Beltz.

Geyer, S., Voet Cornelli, B., Lausecker, A., Lemmer, R. & Schulz, P. (2020). Kinder mit Deutsch als Zweitsprache am Übergang wirksam fördern. Eine enge Kooperation von Kitas und Schulen in der Sprachförderung zahlt sich aus. KiTa Aktuell, 32, 241–243.

Lemmer, R., Huschka, S., Geyer, S., Brandenburg, J., Ehm, J.-H., Lausecker, A., Schulz, P. & Hasselhorn, M. (2019). Sind Fortbildungsmaßnahmen zu linguistisch fundierter Sprachförderung wirksam? Analysen zu den Kompetenzen von Fachkräften und mehrsprachigen Kindern. Frühe Bildung, 8 (4), 181–186.

Voet Cornelli, B., Geyer, S., Müller, A., Lemmer, R. & Schulz, P. (2020). Vom Sprachprofi zum Sprachförderprofi – Linguistisch fundierte Sprachförderung in Kita und Grundschule. Weinheim: Beltz.


Redaktionskontakt: schuster@dipf.de