Bericht

Ein Land verlernt das Lesen

30.12.2010

Viele Deutsche haben keine Lust mehr zum Lesen




 Bundesverband Alphabetisierung und Grundbildung e. V.
Bundesverband Alphabetisierung und Grundbildung e. V.

Studenten verstehen abstrakte Texte nicht mehr, ein Schulbuchverlag krzt Klassiker, Banker besuchen Lesekurse: Viele Deutsche haben keine Lust mehr zum Lesen. Ist das so schlimm?
In seiner Reportage „Ein Land verlernt das Lesen“ zeichnet Roman Pletter ein facettenreiches Bild der Lesekultur in Deutschland. Besucher von Alphabetisierungskursen fr Erwachsene kommen darin ebenso zu Wort wie Schnelllese-Trainer fr Manager. Fr den in der Wochenzeitung DIE ZEIT erschienenen Text erhielt der Autor den dritten Preis des Dietrich-Oppenberg-Medienpreises 2010. Der Preis wrdigt herausragende journalistische Beitrge zum Thema Lesekultur.


All die Jahre war niemandem etwas aufgefallen, wenn Brigitte van der Velde tagein, tagaus Stromschalter montierte. Hunderte Male am Tag, Tausende Male in der Woche, 25 Jahre lang klickte sie in einer kleinen Fabrik bei Bremen ein Stck Kunststoff in eine vor ihr angebrachte Halterung, schraubte Metall daran, ltete Kabel aneinander. Sie tat das Schulter an Schulter mit ihrer Mutter, und selbst der fiel nichts auf. Sorgsam hatte Brigitte van der Velde ihr Geheimnis bewahrt. Mit Verwaltungsaufgaben verbundene Befrderungen schlug sie aus. Wenn es galt, Geburtstagskarten zu unterschreiben, setzte sie auswendig gelernte Zeichen darunter, die ihren Namen bedeuteten. Niemand wusste, dass sie nicht lesen und schreiben konnte.

Das ging gut, bis der technische Fortschritt sie in Form einer Maschine einholte. Diese Maschine konnte schneller und billiger montieren. Nur vier Arbeiterinnen durften bleiben, um sie zu bedienen. Brigitte van der Velde dachte, sie htte Glck gehabt. Denn sie war eine von ihnen.

Doch nach dem ersten Tag mit dieser Aufgabe wusste sie, dass sie die Firma verlassen wrde. Denn die Maschine wartete darauf, mit immer neuem Material gefttert zu werden. Das alles wurde in Zeichen, die fr die Kolleginnen Wrter und Zahlen waren, auf einer Tafel erklrt. Brigitte van der Velde bat um den Aufhebungsvertrag.

Das war vor 17 Jahren. Seitdem hat sie keine Arbeit mehr gefunden.

Es ist nicht so, dass Brigitte van der Velde berhaupt nicht lesen knnte. Sie ist zur Schule gegangen und hat in den Jahren ihrer Arbeitslosigkeit an der Volkshochschule groe Fortschritte gemacht. Doch es reicht nicht mehr fr einen Job. Nicht in diesen Zeiten der Zahlen und Buchstaben, der Computerbildschirme und Digitaldisplays. „Es gibt ja kaum noch ungelernte Berufe“, sagt Marion Dbert, Alphabetisierungsexpertin beim Unesco-Institut fr Lebenslanges Lernen in Hamburg. „Heute knnen Sie eine noch so brillante Pflegekraft sein – wenn Sie nicht lesen knnen, haben Sie keine Chance mehr. Und das wichtigste Werkzeug des Lageristen ist nicht mehr der Gabelstapler, sondern der Computer.“

Menschen wie Brigitte van der Velde nennt man funktionale Analphabeten. Es sind Menschen, die schon mit Hinweisschildern und Zeitplnen berfordert sind. Von rund vier Millionen solcher funktionalen Analphabeten in Deutschland geht der Bundesverband Alphabetisierung aus.

Doch schlechter lesen zu knnen, als es die Welt und die eigenen Lebensumstnde erfordern – das betrifft nicht mehr nur diejenigen, die man landlufig als Analphabeten bezeichnet: Zu denen, die nicht lesen knnen, es aber wollen, sind jene gekommen, die lesen knnen, aber nicht mehr wollen. Laut Stiftung Lesen liest ein Viertel aller erwachsenen Deutschen berhaupt keine Bcher mehr. Im digitalen Zeitalter halten ganze Berufssparten das Lesen von Literatur fr Zeitverschwendung (siehe Familie Powerpoint auf Seite 19). Ein relativer Analphabetismus zieht sich durch fast alle gesellschaftlichen Schichten, bis hinauf in die Welt von Studenten und Managern. Verlernt das Land das Lesen?

Bereits an Grundschulen arbeiten Lehrer mit vereinfachten Versionen von Kinderbchern wie Pippi Langstrumpf, weil sie den Eindruck haben, dass viele Schler die Originale nicht mehr verstehen. Bei den lteren geht es weiter mit Kleists Zerbrochenem Krug und Shakespeares Romeo und Julia, aus denen komplizierte Stze gestrichen wurden. Universittsprofessoren der Geisteswissenschaften berichteten den Autoren einer Studie der Universitt Dortmund nicht nur von „Lesefaulheit“, sondern von „intellektueller Legasthenie“ ihrer Studenten. Die wenigsten seien noch in der Lage, komplexe und abstrakte Texte zu durchdringen.

Muss man das heute noch knnen? Ist es wichtig, im Jahr 2009 den Zerbrochenen Krug komplett gelesen zu haben? Die Autoren der OECD-Erhebung Lesen kann die Welt verndern haben eine Reihe wissenschaftlicher Erkenntnisse zusammengetragen, die nahelegen, dass Lesekompetenz heute wichtiger ist als jemals zuvor: Nur wer gut lesen kann, wird in einer modernen Gesellschaft systematisch begnstigt. Die Fhigkeit zu lesen beeinflusst direkt Einkommen, Arbeit und Gesundheit. Menschen mit geringer Lesekompetenz brauchen mit erhhter Wahrscheinlichkeit staatliche Untersttzung und werden eher kriminell. „In unseren wissensintensiven Gesellschaften“, schreiben die Autoren, „ist Lesefhigkeit eine Grundvoraussetzung fr Erfolg im Leben.“

Lesen ist Leben, das ist ihre Schlussfolgerung. Eine, die nicht auf bildungsbrgerlichem Dnkel fut, sondern auf khler wirtschaftlicher Analyse.

Warum lassen die Deutschen das Lesen sein? Sind ihnen die Bcher zu langweilig oder die Zeiten zu schnelllebig? Was heit „lesen knnen“ im Jahr 2009?

In einem Bro in Heidelberg geben die beiden Marktforscher Marc Calmbach und Carsten Wippermann eine erste Antwort. Fr den Brsenverein des Deutschen Buchhandels haben sie im vergangenen Jahr eine Prognose zum Buchmarkt 2020 erstellt, denn der Verband sorgt sich um die Zukunft der Buchhndler. Calmbach und Wippermann haben sich durch die Befindlichkeiten des deutschen Lesers gefragt, seine Gewohnheiten und Bedrfnisse erforscht. Zwar kommen immer mehr Bcher auf den Markt, die beiden sprechen von einer „Titelflut“ – aber gekauft davon werden nur einige wenige. Und zu Ende gelesen noch weniger. Und dann ist da noch eine Erkenntnis, eine verwirrende zunchst – Calmbach und Wippermann projizieren sie an die Wand des Besprechungsraumes. Dort steht nun, sinngem: Die brgerliche Mitte hat Angst vor dem Absturz in die Unterschicht. Deshalb liest sie noch. Aber sie liest anders als frher.

Auf dem Schaubild an der Wand liegt die Angst zwischen einem greren und einem kleineren Oval. Das groe Oval steht fr das Milieu der brgerlichen Mitte, „statusorientierter moderner Mainstream“, sagt Wippermann, „nach beruflicher und sozialer Etablierung strebend“. Das kleinere Oval darunter steht fr die „Konsum-Materialisten“, eine materialistisch geprgte Unterschicht, etwa zwlf Prozent der Deutschen. Und dort, sagt Wippermann, wolle die Mitte nicht hin.

Deshalb sollen die Kinder dieser Mittelschichtsfamilien lesen. „Die Pisa-Studien beschftigen diese Gruppe hnlich wie Hartz IV. Sie wollen nicht, dass ihre Kinder abrutschen. Sie wollen, dass ihre Kinder lesen, um den Status zu sichern, und sie haben ein sehr funktionales Verhltnis dazu“, sagt Wippermann. Er nennt das den „Container-Ansatz“: Kind auf, Wissen rein, Kind zu. Eine Frau, die von Wippermann befragt wurde, las ihrem Kind abends aus dem Duden vor.

Die beiden Forscher sprechen deshalb von „funktionalem Lesen“ in der Mittelschicht. Eher ein angestrengtes Sammeln von Bchern und Wissen als ein genussvolles Erleben.

Fr diese Schicht haben die deutschen Kultusminister Politik gemacht – nicht so sehr fr die Kinder von Hartz-IV-Empfngern und Migranten beispielsweise. Die Politiker schielten auf die Stimmen der „brgerlichen Mitte“, fr deren Stimmung sie ein seismografisches Gespr haben, seit alle Politiker „Mitte“ sein wollen. Vor nichts hat der moderne Politiker mehr Angst, als die Stimmen dieser Mitte zu verlieren.

Deshalb stapeln sich nun all die Schulbcher, bungshefte und Testbgen auf dem Schreibtisch von Gabriele Biela. Es sind Dutzende bunter Bnde, manche haben gleiche Namen, aber unterschiedliche Farben. Jeder Bildungsminister mchte sein eigenes Buch, sonst lsst er es nicht zu an den Schulen seines Bundeslandes. Man kann sagen: Die Schulbuchredakteurin Gabriele Biela hat das ganze angespannte Verhltnis der Deutschen zum Lesen hier auf ihrem Tisch liegen. Und die deutsche Pisa-Panik mit dazu. Und doch, sagt sie, seien manche dieser Bcher wieder nur Zeugnisse brckelnder Lesekompetenz.

Gabriele Biela ist „Gruppenleiterin Deutsch“ beim Cornelsen Verlag in Berlin, einem der grten deutschen Schulbuchverlage – und Kronzeugin einer Entwicklung, die sie durch Entgegenkommen aufzuhalten versucht, so widersprchlich das klingt. Gabriele Biela ist die Frau, die Deutschlands Schulbcher vereinfacht hat.

Wer in den vergangenen 20 Jahren den Deutschunterricht besuchte, hielt mit groer Wahrscheinlichkeit auch ein von ihr betreutes Buch in Hnden. Schon 1999 – fnf Jahre bevor Deutschland von den schlechten Ergebnissen der Pisa-Studie berrascht wurde – hatte sie deutsche Schulen besucht und mit den Lehrern dort ber die Schler und deren Schulbcher gesprochen. Schnell sei ihr klar geworden: Kleist an Hauptschulen? Lindgren an Haupt- oder Grundschulen? Das ging nicht mehr.

Die Lehrer berichteten ihr aus einer erschtterten Welt, in der Schulen ihre Problemschler tauschten: „Du kriegst meinen mit dem Gewaltproblem, ich nehme deinen mit den Drogen.“ In den fnften Klassen waren manche Hauptschler zehn Jahre alt, andere 16. Die Lehrer wrden ja gerne gute Literatur mit ihnen lesen – aber selbst wenn es nicht all die anderen Probleme gbe: Ihre Schler seien nicht in der Lage dazu.

Und Gabriele Biela, die Schulbuchredakteurin, stand pltzlich vor einer Gewissensfrage: Sollte die ihr geradezu heilige Literatur unantastbar – und damit vielleicht ungelesen – bleiben? Oder knnte sie eine vereinfachte Version entwickeln – was von anderen als Kulturschndung verstanden wrde? Durfte es das geben: eine Lindgren light?

Biela entwickelte eine Reihe, die Einfach klassisch heit und Romane wie Dramen umfasst. Die Texte haben einfachere Satzstrukturen als die Originale, sie sind krzer, es gibt Illustrationen. Es wurde viel darber gespottet, auch in der ZEIT . Bielas Bcher wurden als Kapitulation gedeutet. Biela sieht das anders: „Mein besonderes Interesse galt immer den Schlern, die Probleme haben. Bei denen lautet die Alternative: die einfache Version oder gar nicht.“

In diesem Jahr hat ihre Kollegin im Bro nebenan, Susanne Dahlbdding, auch Cornelia Funkes Emma und der Blaue Dschinn vereinfacht, ohnehin ein Kinderbuch. Doch weil auch schon an den Grundschulen die Lesekompetenz mancher Kinder so schwach sei, sagt Dahlbdding, gben nur diese Bcher manchen Lehrern die Mglichkeit, dass am Ende alle Schler einer Klasse ber ein Buch sprechen, das sie gelesen haben – wenn auch nicht das Original. Lehrer berichten ihr von Kindern, die stolz sind, weil sie zum ersten Mal in ihrem Leben ein ganzes Buch gelesen haben. Und sich dann vielleicht ans nchste trauen.

Doch nun scheint es so zu sein, dass sich eine Entwicklung anbahnt, die alles eher schlimmer macht als besser, findet Gabriele Biela – und das hat mit den Schulbchern auf ihrem Tisch zu tun. Nach Pisa haben die Kultusminister berall Lernstandserhebungen eingefhrt. Es gibt jetzt sehr viele Tests, die alle dem Pisa-Test hneln. Es geht darum, Antworten anzukreuzen. Cornelsen macht auch Bcher zur Vorbereitung auf diese Tests, schlielich brauchen die Lehrer sie. Biela ffnet einen der bungsbnde: Er sieht aus der Fragebogen zur schriftlichen Fhrerscheinprfung. „Hier kreuzen Sie Antworten zum Text an“, sagt sie, „da drfen Sie drei Zeilen schreiben.“

Selbst Gabriele Biela, die Vereinfacherin, findet, dass das zu wenig sein knnte, ausschlielich lernbezogenes, leistungsorientiertes Lesen. Was, wenn durch die intensive Vorbereitung der Schler auf Tests und zentralisierte Prfungen nicht mehr gelesen wird, wie gelesen werden msste: frei und mit eigenem Vorstellungsvermgen? „Es sollte mit Erkenntnisinteresse und Ruhe gelesen werden“, sagt Biela, „aber bei der Textanalyse steht jetzt oft nur noch die Prfung im Zentrum.“

Was ist Lesen berhaupt? Warum fllt es dem einen schwer, dem anderen nicht? Arthur Jacobs, Professor fr Neurokognitive Psychologie an der Freien Universitt Berlin, sucht seit Jahren nach Antworten. Eine lautet: Unter biologischen Gesichtspunkten ist Lesen eine eher unnatrliche Handlung. Es gebe beim Menschen keine Anlage dafr, sagt Jacobs, anders als frs Sprechen. Lesen ist hart erlerntes kulturelles Handwerk, Hirnarbeit – und nicht jedes Hirn ist gleich. Immer wieder verkabelt Jacobs Probanden beim Lesen mit Hirnsensoren, folgt ihren Augenbewegungen. Es geht ihm darum, herauszufinden, ob beispielsweise Legasthenie auch organische Ursachen haben kann. Mehr darber zu erfahren wre wichtig fr die Lehrer an den Schulen, um Kranke von Ungebten unterscheiden zu knnen. Bislang wird – unter dem Druck ehrgeiziger Eltern – oft falsch entschieden, mit erschreckenden sozialen Folgen: Whrend wirkliche Legastheniker als lesefaul abgestempelt werden, gelingt es ambitionierten Eltern, ihre womglich nur leseunerfahrenen Kinder mit dem Etikett Legastheniker durchs Abitur zu schleusen.

Die Zeppelin University in Friedrichshafen. Hier lernt die Elite, still und abgeschieden, mit Blick auf den Bodensee. Zwischen der Universitt und dem Cornelsen-Verlagshaus in Berlin liegt zwar der weite Weg zwischen Hauptstadt und Bodensee, aber es gibt auch eine Gemeinsamkeit: Stephan Jansen, Prsident der privaten Universitt, hat das Gefhl, seine Schler erst wieder das Lesen lehren zu mssen – und das nicht, obwohl er Betriebswirt ist, sondern gerade deshalb.

Der Professor macht sich besondere Sorgen um die Studenten seines Fachs – und um die Konsequenzen, die es htte, wenn die rund 130000 deutschen Betriebswirtschaftsstudenten bald ihre Arbeit in kleinen Firmen und groen Konzernen aufnehmen, ohne das zu knnen, was er von ihnen erwartet: „In widersprchlichen Situationen Entscheidungen zu treffen.“

Jansen glaubt, dass es am Widerspruch geschulte Lesemenschen braucht, um Unternehmen und Gesellschaften zu fhren. Menschen, die den Zwiespalt kennen, wenn nicht aus ihrer eigenen Biografie, dann aus Bchern.

Was sein Fachgebiet angeht, hat er die Hoffnung fast schon verloren. Die Ausbildung von Betriebswirten, wie man sie kenne, mit Zahlen und komprimierten Lehrbchern, sei „erfolgreich, aber folgenlos“, sagt Jansen mit Freude an der Polemik. Er beobachtet Studenten, die Skripte auswendig lernen, und Professoren, die kein Interesse am Widerspruch haben.

Fr ihn sei die Aufgabe der Universitt aber „die Produktion von Dissens“. Deshalb sollen seine Studenten lesen, vor allem wissenschaftlich-philosophische Literatur. Sie sollen lernen, lange Texte wie Expertisen miteinander zu vergleichen. Denn was tue ein Vorstandsvorsitzender anderes, als Vorlagen zu lesen und sich stndig mit widersprchlichen Informationen herumzuschlagen, selbst wenn er Zahlen anschaue?

Jansen will, dass seine Studenten Tne anschlagen, die sich mit anderen nicht vertragen, kein Powerpoint, sondern komplexe Partituren, Originaltexte der Soziologen Max Weber und Niklas Luhmann. „Originaltexte“, der Professor spricht dieses Wort voller Genuss. Es klingt seltsam altmodisch in einer Wirtschaftswelt, die fr nichts mehr Zeit zu haben glaubt. Selbst wenn seine Studenten nicht jedes Wort verstehen: Es ist ja auch eine Erkenntnis, mal etwas nicht zu begreifen. Jansen sagt: „In der Betriebswirte- und MBA-Ausbildung kommt das Scheitern nicht vor. Dabei sind Sie im Management stndig damit konfrontiert, dass es fr Situationen eigentlich keine Lsung gibt. Sonst brauchte es das Management ja nicht! Studenten mssen deshalb lernen, Widersprche zu berbrcken.“

„Ein Manager sieht Zahlen und Zusammenfassungen“, sagt Jansen, „das sind nur Bilder dessen, was ist. So liest der Vorstand am Ende krzeste Entscheidungsvorlagen, aber es geht um eine Akquisition mit Milliardenwerten.“

Deshalb, davon ist Jansen berzeugt, mache das Lesen den Unterschied zwischen einem guten und einem migen Konzernvorstand aus.

Htte es die Krise auch gegeben, wenn Manager mehr lesen wrden?

Vielleicht wre die Finanzkrise, wie sie derzeit die Welt erschttert, mit Jansens Lesemenschen nicht so schlimm geworden. Schlielich haben sich die Finanzmenschen nur auf Buchstabenfolgen wie AAA verlassen, wenn es um die Qualitt von Geldanlagen ging. Htten sie nachgelesen, nachgefragt, vielleicht htten sie dann die Widersprche entdeckt.

Aber wrde die Welt besser funktionieren, wenn sich jeder mit schner Lektre beschftigte? Peter Walburg findet eine solche Sichtweise abwegig. Er ist verantwortlich fr die Analyse von Anleihen bei DWS Investments, Deutschlands grter Fondsgesellschaft, die zur Deutschen Bank gehrt. Es ist gerade keine leichte Zeit fr Leute wie ihn: Die meisten Wertpapiere haben an Wert verloren, die Fonds machen Verluste. Um entscheiden zu knnen, brauchen die Manager Informationen. Geschftsberichte, Analystenberichte, Marktberichte, Zeitungsberichte. In der Bankenwelt in Frankfurt am Main wird ein Lesekrieg gefhrt. „Wenn Sie eine Information schneller erfassen als andere, dann ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass Sie Geld damit verdienen“, sagt Walburg. Er liest nur noch funktional.

Seit 25 Jahren ist er im Geschft. Anfangs sa er am Telex und verglich Marktvernderungen auf Monatsbasis. Heute geht es um Minuten. „Das Lesen in meiner Arbeit hat sich verndert, weil man sich den Stoff nicht mehr gezielt suchen muss“, sagt Walburg. „Heute bekomme ich ihn rund um die Uhr geliefert. Ich muss das Material schneller lesen und die Relevanz schneller bewerten als andere. Es ist nicht drin, mehr als eine Seite zu einem Thema zu lesen.“ Und wer das in Frankfurt nicht auch auf Englisch kann, ist schon ein funktionaler Analphabet.

Walburg sagt, dass er nicht mehr all diese Texte lesen knne, die Abertausenden Seiten von Prospekten, die Aktiengesellschaften herausgeben, wenn sie Investoren suchen. All die Papiere voller Risikofaktoren. Walburg meint, dass das noch nicht einmal die Leute tten, die sie schreiben. Sie kopierten Textbausteine.

Es gibt in Frankfurt mittlerweile Schnelllesekurse, ein Pendant der Bankenwelt zu Gabriele Bielas vereinfachten Schulbchern. Neulich hat auch Walburg an einem teilgenommen.

An einem grauen Tag sind in einem Seminarraum der Frankfurter Universitt ein Banker, ein Volkswirtschaftsstudent, eine Mitarbeiterin des Internet-Auktionshauses eBay, ein Unternehmensberater, eine Germanistik- und eine Wirtschaftsstudentin zusammengekommen, um all „die kleinen Mnner in den Ohren auszuschalten“, wie Kursleiter Wolfgang Schmitz sagt.

Diese kleinen Mnner, meint Schmitz, flstern whrend des Lesens jedes gelesene Wort im Kopf der Leser mit. Er will sie beseitigen – zumindest zum Schweigen bringen. Denn er ist berzeugt: Die kleinen Flsterer „deckeln die Lesegeschwindigkeit auf Sprechgeschwindigkeit.“

Schmitz, ein Diplomkaufmann, ist Geschftsfhrer des Unternehmens Improved Reading. Er bietet seine Kurse auf Deutsch und Englisch an. Seit 2003 hatte er mehr als 5000 Kunden, die ihm bis zu 1090 Euro bezahlen – das ist der Preis fr die Manager-Version: zwei Tage in der Kleingruppe im Hotel. Die meisten seiner Schler haben studiert. Umso eigentmlicher ist, was Schmitz in einer Statistik ber sie festgehalten hat: Bei den Inhaltsfragen zum Eingangstext, den sie lesen mssen, antworten die Teilnehmer im Durchschnitt nur zu etwa 60 Prozent richtig.

„Man kann bis zu vier Wrter ohne Blickstopp erfassen“

Jetzt sind also die Teilnehmer hier in der Universitt zusammengekommen, und Schmitz sagt ihnen, sie sollten beim Lesen nicht mehr innerlich mitsprechen. Sie sollten nicht stndig zurckspringen, sondern „vorwrtsorientiert lesen“. Sie sollten mit den Gedanken nicht abschweifen, „sonst preschen andere Gedanken in die Lcke, vor allem bei langweiligen Texten“. Sie sollten sich nicht mehr mit jedem einzelnen Wort befassen. „Man kann bis zu vier Wrter ohne extra Blickstopp erfassen“, sagt Schmitz.

Es geht den Teilnehmern um einen Wettbewerbsvorteil im Lesekrieg. Darum, Informationen fr die Doktorarbeit schneller zu erfassen, E-Mails schneller abzuarbeiten. Der junge Banker im Kurs hofft, dadurch mehr Zeit fr die Familie zu haben.

Zwischen den bungen lsst Schmitz die Teilnehmer ausrechnen, wie gut sie lesen. Sie multiplizieren die pro Minute gelesenen Wrter mit dem Prozentsatz richtig beantworteter Fragen zum Text. Das Ergebnis nennt er effective reading rate . Wenn jemand sein Angebot als Turbolesekurs bezeichnet, antwortet Schmitz: „Die Frage ist: Wie kommen Sie mit den Anforderungen, die tglich an Sie gestellt werden, zurecht? Wir hatten niemals diese Informationsflut, der wir heute ausgesetzt sind. Aber nach der Grundschulzeit bringt uns niemand mehr etwas Neues bei. In unseren Kursen geht es nicht unbedingt um die Schnelligkeit. Es geht vor allem um das Textverstndnis.“ Dann schwrmt er von den Effizienzreserven, die in deutschen Unternehmen lgen – und die zu entfesseln so einfach wre, wenn die Mitarbeiter nur besser und schneller lsen.

Seine Schler sind nach zwei Tagen allesamt zufrieden. Auch wenn sie sich darber einig sind, dass sich dieses Lesen fr schne Literatur nur bedingt eignet. Es gibt eben Texte, die ohne den kleinen Mann im Ohr nicht mehr schn klingen. Romane. Gedichte, die rhythmisch flieen. Texte, an denen sich auch Manager berauschen knnen, falls sie ihr Leseverhalten nicht komplett dem Job angepasst haben.

Die Frage, inwieweit sich der Leser selbst vom Lesen entwhnt – sie stellt sich bei dieser Reise durch Deutschland immer fter. Und damit auch die, wie weit ihm Buchverlage und Massenmedien dabei zu Diensten sind.

Der moderne und junge Mediennutzer mag es mundgerecht, das wei auch Claus Strunz, denn er beobachtet und bedient diesen neuen Leser seit Jahren. Strunz war Chefredakteur der Bild am Sonntag . Nun ist er in derselben Funktion beim ebenfalls zum Springer-Verlag gehrenden Hamburger Abendblatt . Nur wenn Strunz den Geschmack des Lesers trifft, kauft der seine Produkte. Wenn nicht, verliert Strunz ihn – und das darf sich ein Chefredakteur nicht zu oft leisten.

Beim Abendblatt sollen die Redakteure seit einigen Monaten zunchst fr das Onlineportal schreiben und ihre Artikel dann fr die Zeitung des folgenden Tages weiterdrehen. „Frher haben wir den Leser beim Frhstck erreicht. Heute knnen wir ihn den ganzen Tag versorgen, wenn er im Bro am Computer sitzt“, sagt Strunz.

Das knnte eigentlich Hoffnung fr das Lesen machen. Zumal Strunz euphorisch von einer „historischen Chance“ berichtet, weil gut 90 Prozent der etwa eine Million Besucher, die die Website des Abendblattes jeden Monat habe, Menschen seien, die die gedruckte Ausgabe gar nicht lsen. Die Zeitungsleser seien im Schnitt ber 50 Jahre alt, die Onlineleser viel jnger.

Strunz’ Redakteure knnen mit einem Klick sehen: Welche Internetseiten haben wie viele Leser angesehen? Haben sie bei lngeren Artikeln von der ersten noch auf die zweite Seite umgeblttert? Vor allem: Was lesen sie berhaupt? Am interessantesten finden sie eigentlich immer den Hamburger SV, dann die Polizeimeldungen. Aber oft, sagt Strunz, sei auf Platz drei ein langer Text, eine Rede von Ralph Giordano zum Beispiel.

Nur ist es so, dass der Onlineklicker nicht immer auch ein Onlineleser ist. So ruft er selbst bei Spiegel Online, das es in Sachen Reichweite und Einfluss mit groen Tageszeitungen aufnehmen kann, nur 49 Seiten pro Woche auf, 14-mal davon die Einstiegsseite, auf der nur berschriften stehen. Whrend vor allem ltere Menschen nach wie vor konzentriert Zeitung lesen – wer 50 oder lter ist, widmet seiner Zeitung nach Angaben des Bundesverbandes Deutscher Zeitungsverleger wochentags 45 Minuten –, schauen sich die jungen Onlineleser en gros eher die berschriften an, als dass sie sich in Inhalte vertiefen. Der Durchschnittsbesucher von Spiegel Online verweilt gut 37 Minuten auf der Seite – pro Monat.

Es gibt schon Onlinemedien, die Nachrichten auf Nachfrage machen: Redakteure schreiben im Stundentakt kurze Artikel zu jenen Stichwrtern, die aktuell in der Internet-Suchmaschine Google am hufigsten eingegeben werden. Fast so, als knnten sich Schler ihren Unterrichtsstoff allein zusammenstellen.

Diese Diktatur des Lesers fhrt dazu, dass auch die Redakteure der Onlineableger von Qualittsblttern einer Bildstrecke von Britney Spears einen hnlich prominenten Platz einrumen wie der politischen Analyse. Claus Strunz sagt allerdings: „Ich glaube, dass die Leser das auf Dauer nicht wollen und sich nicht ernst genommen fhlen. Online wird zu einer Renaissance der Zeitung fhren, weil der Leser, wenn sich die Onlineportale inhaltlich hnlich sind, nach Fhrung und nach Einordnung sehnt.“

Vor wenigen Tagen spekulierte Strunz allerdings schon darber, das Abendblatt nur noch samstags als gedrucktes Exemplar anzubieten, an allen anderen Tagen ausschlielich im Internet. Diese Idee sei aber, sagt er, „noch umstritten“.

Am Verlagshaus, in dem er arbeitet, ist eine rote Leuchtreklame der Bild- Zeitung angebracht. Sie sieht aus wie ein riesiges Lesezeichen. Darauf steht: „Jetzt mal ehrlich: Wer liest schon gerne ewig lange und nicht enden wollende Artikel?“

Wer Texte versteht, gewinnt Macht – Analphabeten wissen das

Fr Brigitte van der Velde wre das ein Traum. Schon die Bild- Zeitung muss sie sich mhsam erarbeiten. Sie lebt in einer anderen Welt als Claus Strunz’ Onlinekunden. Aber so wie sie sich Tag fr Tag in der Volkshochschule Oldenburg die Welt der Buchstaben zu erschlieen versucht, scheint sie dem geschriebenen Wort eine grere Wertschtzung entgegenzubringen als manch anderer. Weil sie wei, was sonst fehlt.

Die meisten in ihrem Kurs haben seit Jahren keine Arbeit mehr gefunden, keine Stellenausschreibung, fr die sie nicht htten lesen und schreiben mssen. Deshalb gehen sie wieder in die Schule – wo sie auch lernen sollen, mit all den Verletzungen zu leben, die ein Mensch erfhrt, wenn er nicht lesen und schreiben kann.

Brigitte van der Velde ist eine nachdenkliche Frau, manchmal spricht sie so betont und bedchtig, als wrde sie vorlesen. „Ich habe zwei Leben. Eines vor der Schrift und eines danach“, sagt sie. Bei ihr fiel das Lesenlernen zusammen mit der Trennung von ihrem Mann. Das beobachten die Lehrer hier oft: Wenn ein Analphabet lesen lernt, zerbricht die Beziehung. Er ist nicht mehr so leicht zu kontrollieren, wenn er Busfahrplne lesen kann. Brigitte van der Veldes Mann hatte sie gut unter Kontrolle. Bis heute hat sie das Gefhl, dass er sie ber den Tisch gezogen hat, als sie die Bausparvertrge aufteilten.

Seit einiger Zeit machen die Kursteilnehmer eine ABC-Zeitung, in der sie aus ihrem Leben berichten – wofr sie schreiben knnen mssen. Manchmal dauere das Buchstabieren noch lange, sagt ein Mann im Kurs. Und sobald er aus Versehen einen Satz aus seinem Artikel lscht, ist viel Zeit verloren. Doch wenn er im Videotext Informationen ber einen Film sucht, dann kann er die Seite mit den zwei Abstzen jetzt lesen. „Manchmal dauert das lange, wegen schwieriger Wrter“, sagt er. „Aber wenn keine schwierigen Wrter vorkommen, dann geht es schnell. Dann bin ich nach zehn Minuten durch.“

Autor: Roman Pletter
Quelle: DIE ZEIT, 12.11.2009 Nr. 47
URL: www.zeit.de/2009/47/DOS-Der-deutsche-Leser

Dietrich-Oppenberg-Medienpreis
Journalisten, die sich in ihren Beitrgen gezielt mit dem Thema Lesen in der modernen Informations- und Wissensgesellschaft und mit der Entwicklung von Medienkompetenz auseinandergesetzt haben, knnen sich jedes Jahr um den Dietrich-Oppenberg-Medienpreis der Stiftung Lesen und der Stiftung Presse-Haus NRZ bewerben. Der Preis ist benannt nach dem 2000 verstorbenen Grnder und langjhrigen Herausgeber der NRZ Neue Ruhr Zeitung/Neue Rhein Zeitung in Essen, Dietrich Oppenberg, der als einer der wichtigsten Frderer einer modernen Zeitungs- und Lesekultur und des publizistischen Nachwuchses in Deutschland gilt. ber die Vergabe des Preises entscheidet eine unabhngige Jury von Publizisten und Fachwissenschaftlern.


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