Bericht

Empirische Studie zum Bibliotheksimage bei Jugendlichen

20.06.2013

Wie stellen sich 12- bis 19-Jährige eine attraktive Bibliothek vor?


Trotz allen Medienwandels bleibt das Lesen die wichtigste Grundkompetenz junger Menschen. Doch wie sollen Bibliotheken heute das Lesen fördern, wenn die Heranwachsenden ihnen als Nutzer immer häufiger verloren gehen? Und worin liegen die Ursachen für ihr Fernbleiben? Professor Dr. Kerstin Keller-Loibl von der Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur Leipzig (HTWK Leipzig) forschte bei den Jugendlichen selbst nach.
In 1440 Online-Fragebögen und 34 Gruppeninterviews mit mehr als 100 Teilnehmerinnen und Teilnehmern wurden 12- bis 19-jährige Nutzer und Nichtnutzer von Bibliotheken nach ihren Ansichten und Meinungen über Bibliotheken befragt. Die umfassenden quantitativen und qualitativen Daten bieten einen detaillierten Einblick in das Image von Bibliotheken bei Jugendlichen. „Dieses Image ist für die Bibliotheksnutzung der Jugendlichen von großer Bedeutung“, erklärt Keller-Loibl. „Sie legen großen Wert auf die eigene Selbstinszenierung, daher können sie auch nur annehmen, was zu ihrem eigenen Image passt.“ Zu erfahren, welches Bild die Jugendlichen von Bibliotheken haben und wie sie sich ein attraktives Angebot vorstellen, ist für Entscheidungsträger im Bibliothekswesen von großer Bedeutung: „Nur so können sie ihr Angebot zielgruppenorientiert entwickeln, das eigene Image sukzessive verbessern und langfristig jugendliche Leser gewinnen.“ Dies sind die Herausforderungen, für deren Bewältigung Keller-Loibls empirische Studie Handlungsorientierung bietet.

Freizeitorte mit Wohlfühlfaktor
Aus den Befragungen geht hervor, dass gerade bei jugendlichen Nichtnutzern von Bibliotheken und weniger leseaffinen Heranwachsenden meist auch ein negatives Bibliotheksimage vorherrscht. Sie nehmen Bibliotheken als „Leihstelle für Bücher“ und „Ort des Lernens“ wahr, während sie sich mediale Vielfalt und an ihren Freizeitinteressen orientierte Veranstaltungen wünschen. Als weitere zentrale Imagefaktoren, so Keller-Loibl, zeichnen sich Ausstattung und Raumgestaltung deutlich ab: „Das visuelle Erscheinungsbild einer Bibliothek prägt das Image entscheidend. Für die befragten Jugendlichen war es sehr wichtig, dass sie sich in der Bibliothek wohlfühlen.“
Um stärker zielgruppengerecht zu arbeiten, müssen Bibliotheken aus Erkenntnissen wie diesen Konsequenzen ziehen. Außergewöhnliche Innenarchitektur, bequeme Sitzgelegenheiten, moderne Präsentationsmöbel und zeitgemäße technische Ausstattung, aber auch Snack- und Kaffeeautomaten steigern die Aufenthaltsqualität in Jugendbereichen. Mit Book Slams und Bücher-Castings, Konzerten und Workshops können Bibliotheken ihre Dienstleistungen für Jugendliche sinnvoll ergänzen. Internetzugänge und ein vielfältiges Medienangebot, das sich an den Bedürfnissen der Jugendlichen orientiert, sind unerlässlich – und können durchaus in der Einrichtung einer Gaming-Zone gipfeln.

Bibliotheken im 21. Jahrhundert
Die Befürchtung, dass sich die Bibliothek und ihre Nutzer so immer mehr vom Kulturgut Buch entfernen, darf dieser notwendigen Entwicklung nicht im Weg stehen. „Eine als 'verstaubt' wahrgenommene Bibliothek wird kaum jugendliche Leser gewinnen,“ betont Keller-Loibl, „zudem können die Bibliotheken ihren Auftrag, der die Leseförderung im Medienverbund mit einschließt, nur erfüllen, wenn sie ihr Angebot an die Veränderungen der Medienlandschaft und der Mediennutzung Jugendlicher anpassen.“ Das schließt auch eine zielgruppengerechte und variantenreiche Kommunikation mittels Weblog, sozialer Netzwerke oder Microblogging ein.

Bedürfnisse Jugendlicher ernst nehmen
Die Wünsche der Jugendlichen, davon ist Keller-Loibl überzeugt, sind durchaus erfüllbar. Manche mögen mit finanziellen Aufwendungen verbunden sein und idealerweise im Rahmen von Umbaumaßnahmen realisiert werden. Andere dagegen bedürfen vor allem eines Umdenkens: „Bei Nutzern wie Nichtnutzern war vor allem gleichermaßen der Wunsch ausgeprägt, als Zielgruppe ernst genommen zu werden.“ Aktualisierungen des Bestands und neue Dienstleistungen können mit Jugendlichen besprochen, Veranstaltungen gemeinsam mit ihnen geplant, durchgeführt und bewertet werden. Wenn sich Bibliotheken hier in Zukunft offen und dynamisch präsentieren, dürfte sich ihr Image mittel- und langfristig verbessern – damit Bibliotheken als Lern- und Freizeitorte für Jugendliche anerkannt und angenommen werden.

Autor: Björn Dumont

Publikation:
Keller-Loibl, Kerstin
Das Image von Bibliotheken bei Jugendlichen. Empirische Befunde und Konsequenzen für Bibliotheken
Bad Honnef: Bock + Herchen, 2012
252 Seiten, Illustrationen und zahlreiche grafische Darstellungen, 26,50 Euro
ISBN: 978-3-88347-292-8

Kontakt:
Prof. Dr. phil. Kerstin Keller-Loibl
Studiendekanin
Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur Leipzig
Fakultät Medien
Karl-Liebknecht-Str. 145
04277 Leipzig
Tel.: (0341) 3076 5432
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