Bericht

Deutscher Jugendliteraturpreis 2008

23.10.2008

Sonderpreis für die Übersetzerin Gabriele Haefs





Gabriele Haefs
Gabriele Haefs
Foto: Thorsten Bernd
Der Deutsche Jugendliteraturpreis 2008 wurde am Abend des 17. Oktobers vor mehr als 1.000 Gästen auf der Frankfurter Buchmesse verliehen. Die Kritikerjury prämierte das Bilderbuch „Hänsel und Gretel“, das Kinderbuch „Ein Bild von Iva“, das Jugendbuch „was wäre wenn" und das Sachbuch „Der Kick“. Mit dem Preis der Jugendjury wurde das Buch „Simpel“ ausgezeichnet. Den Sonderpreis für ihr kinderliterarisches Gesamtwerk erhielt die Übersetzerin Gabriele Haefs. Wir veröffentlichen die Laudatio von Dr. Andreas Bode, dem Vorsitzenden der Sonderpreisjury, und die Begründung der Kritikerjury.


Laudatio auf Gabriele Haefs anlässlich der  Preisverleihung
„Der junge Alexander eroberte Indien. Er allein? Cäsar schlug die Gallier. Hatte er nicht wenigstens einen Koch bei sich?“
Brechts „Fragen eines lesenden Arbeiters“ lassen sich durchaus auch auf das Verhältnis des Schriftstellers, der ein faszinierendes Buch geschrieben hat, zu dessen Übersetzer beziehen; denn den braucht das Buch, wenn es auch in anderen Sprachen Erfolg haben soll.
Den Namen eines Autors, wenn er noch dazu berühmt ist, merkt man sich gewöhnlich. Doch den Namen des Übersetzers? Der ist dem jugendlichen Leser in den meisten Fällen wohl ziemlich gleichgültig, Hauptsache, das Buch liest sich gut.

Wenn aber die skandinavische Kinder- und Jugendliteratur neben der englischsprachigen in Deutschland so präsent wie einflussreich ist, verdanken wir das in besonderer Weise den Übersetzern und ihrer Literaturkenntnis. Lange waren es vor allem schwedische Kinderbücher, die mit skandinavischer Welt und Denkweise bekannt machten. Seit einigen Jahren hat bei uns aber auch das norwegische Kinder- und Jugendbuch seinen festen Platz. Das ist, von der Arbeit der Verlage abgesehen, mit das Verdienst von Gabriele Haefs.
Skandinavistin von ihrem Studium her, ist sie seit langem eine außerordentlich geschätzte und mit Preisen ausgezeichnete Übersetzerin, nicht nur norwegischer, auch schwedischer, dänischer, englischer, niederländischer und sogar gälischer Literatur. Insgesamt sind es bisher sicher über 500 Titel, darunter Bücher vieler bekannter Autoren, von Anne Holt, Karin Fossum, Håkan Nesser, Åsa Larsson und anderen.

Doch ihr Name ist einem breiteren Publikum erst seit dem 1993 erschienenen Roman „Sofies Welt“ des norwegischen Autors Jostein Gaarder ein Begriff. Ihn hat sie, zusammen mit dem damaligen Lektor des Hanser Verlages, für die deutschen Leser entdeckt. Wie es dazu gekommen ist, hat sie selbst in einem Interview erzählt, aus dem ich zitiere: „Der zuständige Verlagslektor konnte Norwegisch lesen … und hatte auf der Jugendbuchmesse in Bologna diesen Titel entdeckt. Ich dagegen wollte für das in Norwegen früher erschienene Kartengeheimnis von Jostein Gaarder einen Verlag finden, weil ich dachte, das ist als erstes Buch von einem hier unbekannten Autor sicher leichter unterzubringen als so ein Schwergewicht wie Sofies Welt, und so sind wir uns gewissermaßen auf halbem Wege begegnet.“ Für viele ist sie deshalb vor allem „Gaarder-Übersetzerin“: Immerhin hat sie alle 15 bisher von ihm in Deutsch erschienenen Bücher übersetzt. Aber damit allein wird man ihrer Leistung nicht gerecht.

Wie man weiß, und am Beispiel Jostein Gaarder beobachten kann, beschränkt sich heutzutage die Tätigkeit eines Übersetzers nicht allein aufs Übersetzen. Im Idealfall vermittelt er nicht nur den Text, sondern auch den Autor – kein Verlag kauft schließlich ein Buch auf gut Glück. Das gilt vor allem für Sprachen, die weniger bekannt sind. Die hervorragende neuere skandinavische Kinderliteratur hat außerhalb ihrer Länder demzufolge nur eine Chance, wenn sich Übersetzer und Literaturagenten intensiv um ihre Vermittlung bemühen.

Gabriele Haefs’ erfolgreicher Einsatz als Vermittlerin ist hier nicht hoch genug zu schätzen. Ihr verdanken wir, dass nicht nur Jostein Gaarder seinen festen Platz in der deutschen Jugendliteratur hat, sondern von den wichtigen neueren norwegischen Kinderbuchautoren auch Ragnar Hovland, Klaus Hagerup und Ingvar Ambjørnsen. Die Qualität dänischer Jugendliteratur ist leider in Deutschland noch zu wenig bekannt. Hier hat Gabriele Haefs die erste Bresche geschlagen und uns mit mehreren phantastischen Romanen und Erzählungen Bjarne Reuters und den so skurrilen wie witzigen Geschichten Thomas Windings vom anhänglichen Hund Mister und seinem Herren bekannt gemacht.

Als Übersetzerin beherrscht Gabriele Haefs die unterschiedlichsten Erzählweisen und Formen der Kinder- und Jugendliteratur, wobei ich ihre zahlreichen Übersetzungen von skandinavischen Kriminalromanen hier gar nicht weiter erwähne. Ihre literarische Palette ist außerordentlich farbenreich: Sie versteht, die philosophischen Erörterungen Gaarders so zu übertragen, dass sie nicht nur anregend zu lesen, sondern auch dem philosophiefaulen Leser verständlich sind. Den originalen Kinderbuchton trifft Gabriele Haefs ohne jegliche Anbiederung. Ein schönes Beispiel dafür ist Ragnar Hovlands leicht melancholische Geschichte „Alfred der Bär und Samuel der Hund steigen aus dem Pappkarton“ (1996). Den sehr eigenwilligen Humor der Geschichten Ingvar Ambjørnsens vom Hund Roberto, der eine verfallene Pension erbt, ins Deutsche hinüber zu balancieren, ist eine Meisterleistung. Nicht weniger versteht sie sich auf die schnoddrige Sprache in den Clarice-Bean-Büchern der britischen Autorin Lauren Child.

Ich müsste in der Kürze der Zeit zu ermüdender Aufzählung Zuflucht nehmen, wollte ich angesichts des außerordentlich umfangreichen Übersetzungswerkes auf alle Facetten übersetzerischer Kunst bei Gabriele Haefs eingehen. Ich müsste ausführlicher von ihrer Leistung erzählen, die grotesken bis absurden Gedichte in Klaus Hagerups Aliciade „Die Kaninchen singen in der Nacht“ (2004) mit großer sprachlicher Phantasie zu übertragen, davon, dass die gleiche übersetzerische Kraft in ihr fähig ist, die beklemmende Atmosphäre im Internatsroman des Schweden Jan Guillou „Evil – das Böse“ (2005) in sprachlich erfindungsreicher, ungeschwächter Brutalität auf den Leser der deutschen Fassung einwirken zu lassen.

Gabriele Haefs vergleicht die Arbeit des Übersetzers mit der eines Pianisten, von dessen Leistung wesentlich abhängt, wie sehr einen eine Komposition beeindruckt. Ein schlechter Pianist ruiniert die Hörfreude, ein schlechter Übersetzer die Leselust. Wer mit einer Übersetzung Lesefreude schaffen will, darf dem philologischen Affen in sich nicht zu viel Zucker geben. Wie souverän sie mit einem Text umgehen muss, wenn sie ihren Lesern dessen Qualität nahebringen will, sagt Gabriele Haefs selbst: Man „darf sich nicht scheuen, gegen geheiligte Regeln der Deutschlehrer und Dudenmacher zu verstoßen, um einen spannend zu lesenden Text zu schaffen.“

Nun – spannende, dabei literarisch anspruchsvolle Vorlagen ebenso fesselnd zu übersetzen, humorvolle Geschichten auch im Deutschen witzig wiederzugeben, das versteht Gabriele Haefs hervorragend. Mit der hohen Qualität ihrer Übersetzungen hat sie die Kinder- und Jugendliteratur im deutschsprachigen Raum wesentlich bereichert. Dafür gilt ihr unsere große Anerkennung!

Autor:
Dr. Andreas Bode
Vorsitzender der Sonderpreisjury

Begründung der Sonderpreisjury
Seit mehr als zwei Jahrzehnten übersetzt Gabriele Haefs Kinder- und Jugendbücher aus dem Norwegischen, Dänischen, Schwedischen und Englischen. Herausragend ist dabei nicht nur die Zahl der Übertragungen – über 200 liegen mittlerweile vor –, sondern auch deren hohe sprachlich-ästhetische Qualität.

Obgleich Gabriele Haefs sämtliche Übertragungen der Bücher Jostein Gaarders angefertigt hat, würde die pauschalisierende Bezeichnung „Gaarder-Übersetzerin“ der enormen Vielfalt von Haefs’ Schaffen nicht annähernd gerecht. Ihre Bandbreite zeigt sich schon an der imposanten Zahl literarischer Gattungen und Formen, mit denen sie sich in ihrem übersetzerischen Werk souverän auseinandersetzt. Adoleszenzromane finden sich hier ebenso wie Sciencefiction-Bücher, dichte Bilderbuchtexte wie die von Ragnar Hovland stehen neben komplex strukturierter, umfangreicher Prosa à la Jostein Gaarder, und im Falle von Klaus Hagerups Buch „Die Kaninchen singen in der Nacht“ erweist sich Gabriele Haefs als glänzende Lyrikübersetzerin.

Bemerkenswert ist indessen auch die Vielfalt der Sprachen, aus denen Gabriele Haefs Kinder- und Jugendliteratur überträgt. Die meisten Bücher stammen von norwegischen Autoren, darunter so renommierte Verfasser wie Klaus Hagerup, Unni Lindell, Ingvar Ambjørnsen und natürlich Jostein Gaarder. Einen festen und wichtigen Platz innerhalb Haefs’ Übersetzungsoeuvres hat zudem die dänische Kinder- und Jugendliteratur, vertreten u.a. durch die schräg-phantastischen Romane Bjarne Reuters sowie Thomas Windings Geschichten um den Kleinen Hund Mister. Auch schwedische Kinder- und Jugendbücher sind in diesem übersetzerischen Opus enthalten, beispielsweise Werke von Jakob Wegelius. Nicht minder erwähnenswert sind schließlich Haefs’ brillante Übersetzungen aus dem Englischen, von den Clarice Bean-Büchern der britischen Autorin und Illustratorin Lauren Child über die Rittergeschichten des Amerikaners Gerald Morris bis hin zu den fein humoristischen Kinderbüchern des schottischen Autors Eric Linklater.

Mannigfaltigkeit zeichnet Gabriele Haefs’ übersetzerisches Schaffen nicht zuletzt auf der sprachlich-literarischen Ebene aus. Virtuos geht Haefs mit den unterschiedlichsten Erzählstimmen, Dialogformen und narrativen Strukturen um. In der Übertragung des schwedischen Internatsromans Romans „Evil“ von Jan Guillou, in dem Gewalt auf ungewöhnlich direkte Weise thematisiert wird, bewahrt sie die klare und unverblümte Sprache des Ausgangstextes und ermöglicht dadurch eine erschütternde Lektüre. Gleichermaßen geglückt ist Haefs’ Wiedergabe der lakonischen, altklugen und selbstironischen Sprache, die wiederum für die Ich-Erzählerin in Lauren Childs Kinderbüchern „Durch und durch Clarice Bean“ und „Hin und weg von Clarice Bean“ charakteristisch ist. Gabriele Haefs’ Übertragung von Charlotte Glaser Munchs Liebesroman „Sommerflügel“ hingegen zeigt, dass die Übersetzerin auch sanfte Poetizität außerordentlich gekonnt am Leben erhalten kann. Eine weitere sprachliche und literarische Herausforderung, der sich Gabriele Haefs erfolgreich gestellt hat, ist die Vermischung von Prosa und Lyrik in Klaus Hagerups „Buch Die Kaninchen singen in der Nacht“, einer Variation auf Lewis Carrolls Klassiker „Alice im Wunderland“ mit zahlreichen intertextuellen Bezügen. Haefs vermag es nicht nur, die im Text enthaltenen Nonsensgedichte originell zu übertragen, sondern auch, den – von Hagerup gleichsam geborgten Geist Carrolls – durch die Übersetzung wehen zu lassen. Schließlich muss auch auf Gabriele Haefs’ exzellenten übersetzerischen Umgang mit den verwobenen Erzählebenen und den damit verbundenen wechselnden Erzählhaltungen in Jostein Gaarders metafiktionalen Romanen „Sofies Welt“ oder „Das Kartengeheimnis“ verwiesen werden.

Gabriele Haefs verweigert sich in ihren kinder- und jugendliterarischen Übertragungen jeglicher Verniedlichung und Simplifikation und zollt ihrer intendierten Leserschaft dadurch ebenso viel Respekt wie den Adressaten ihrer allgemeinliterarischen Übersetzungen. Zu der von Gabriele Haefs übersetzten Literatur für ein erwachsenes Lesepublikum gehören u.a. die populären Kriminalromane von Håkan Nesser, Anne B. Ragde und Anne Holt, die eigenwillige Prosa des irischen Autors Joseph O’Connor und die skurrilen Bücher ihres Mannes Ingvar Ambjørnsen. Fernerhin ist sie Herausgeberin verschiedener Anthologien mit skandinavischer Literatur.

Über ihre übersetzerische Tätigkeit hinaus hat sich Gabriele Haefs auch als Vermittlerin von Kinder- und Jugendliteratur hervorgetan. So ist es ihrem Engagement zu verdanken, dass Klaus Hagerup, Unni Lindell und Eric Linklater für den deutschsprachigen Buchmarkt entdeckt wurden. Für die Vermittlung von Jostein Gaarder und Bjarne Reuter ist Gabriele Haefs zwar nicht unmittelbar verantwortlich, umso mehr aber dafür, dass beide Autoren – durch hervorragende Übersetzungen – im deutschsprachigen Raum enorme Popularität erlangen konnten. Gabriele Haefs hat mit ihrer übersetzerischen Fertigkeit und Vielseitigkeit sowie ihrem Engagement die deutschsprachige Kinder- und Jugendliteratur entschieden bereichert.

Sonderpreisjury:
Dr. Andreas Bode (Vorsitz)
Dr. Susan Kreller
Miriam Gabriela Möllers

Über die Preisträgerin
Dr. Gabriele Haefs wurde 1953 in Wachtendonk/Niederrhein geboren und studierte in Bonn und Hamburg Sprachwissenschaft mit Schwerpunkt auf keltischen und skandinavischen Sprachen. Seit 1983 übersetzt sie aus dem Norwegischen, Dänischen, Schwedischen, Englischen, Gälischen, Niederländischen und Walisischen, und zwar hauptsächlich Kinder- und Jugendbücher, belletristische Romane sowie Sachbücher. Für ihre Übersetzungen wurde sie mehrfach ausgezeichnet, u.a. mit dem Gustav-Heinemann-Friedenspreis und dem Deutschen Jugendliteraturpreis (u.a. 1994 zusammen mit Jostein Gaarder für „Sofies Welt“).
Neben ihrer Tätigkeit als Übersetzerin arbeitet Gabriele Haefs als Herausgeberin von Anthologien sowie als Dozentin im Fach Übersetzung an der Universität Hamburg.


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