Bericht

Der Märchenkönig auf der Erbse

13.04.2005

Hans Christian Andersen schrieb Weltliteratur für Kinder wie Erwachsene







Collage
Collage "Hans Christian Andersen" von Thomas Schöne


Die literarische Karriere wurde dem Dänen Hans Christian Andersen nicht in die Wiege gelegt. Er war Sohn eines Schuhmachers und ging mit vierzehn Jahren nach Kopenhagen, um sich am königlichen Theater als Tänzer, Sänger oder Schauspieler zu versuchen. 1829 feierte Andersen erste literarische Erfolge und der ehemalige Außenseiter wurde ein gern gesehener Gast in Adels- und Königshäusern und später weltberühmt. Charakteristisch für seine Kunstmärchen ist vor allem die bewusst doppelte Erzählhaltung, mit der er zugleich Kinderherzen und Erwachsenenverstand ansprechen wollte.

Wie gelang ihm das, in welchem familiären Klima wuchs er auf, was gab ihm schöpferische Kraft? Antworten auf diese Fragen liegen unter anderem in seiner schillernden Persönlichkeit.

Kindheit inmitten von Widersprüchen, Spannungen und Liebe
Der vor 200 Jahren am 2. April geborene Autor „ hat nicht nur Weltliteratur geschrieben, er hat Mythen geschaffen“, so die Literaturwissenschaftlerin Brigitte Kohn in der Zeitschrift „Psychologie Heute“. Sich selbst bezeichnete Andersen als „Sumpfpflanze aus der Tiefe“. Sümpfe sind morastig und unwegsam, aber ein nährstoffreicher Boden. Das Flickschusterkind wuchs in einer von Armut geprägten Familie und verstörten Beziehung zwischen seinen Eltern auf. Er erfuhr hier aber auch liebevolle Zuwendung. „Er lernt den Zauber harmonischer Verhältnisse kennen – und gleichzeitig ihre tiefe Gefährdung“, so Kohn. Die Eltern hatten sehr unterschiedliche Charaktere, doch beide akzeptierten und beschützten ihr sensibles Kind. Sein Vater soll nicht besonders gebildet gewesen sein, aber von kritischer Intelligenz. Andersens Mutter hingegen war eine fromme und abergläubische Mutter, die in allem gute und schlechte Zeichen entdeckte.

Diese Spannung zwischen der Art seiner Mutter, die Umwelt magisch zu beseelen und den kritischen Einwänden ihres um zwölf Jahre jüngeren Mannes, stiftete Unruhe im Eheleben. Aber eben diese sei für Andersens erwachenden Geist eine Herausforderung gewesen, so Kohn. Seine Mutter verfiel dem Alkohol, seine Großmutter war nervenkrank und sein Großvater galt als geisteskrank. Auch er selbst spürte die Nähe zum Wahnsinn in sich. Diese Angst vor dem Wahnsinn wurde ein wichtiger Antrieb für seinen Kampf um künstlerische Ausdrucksformen.

Von Straßenjungen gehänselt, vom Schreiben besessen
Als Jugendlicher war Andersen unter Gleichaltrigen ebenso einsam wie „Das hässliche Entlein“ in seinem Märchen. Er sei, so Kohn, ein hoch aufgeschossener, verträumter Junge mit kleinen Augen unter schweren Lidern, einer zu großen Nase und einer mädchenhaften Stimme gewesen, der von Straßenjungen gehänselt wurde. Er bastelte Puppen, schneiderte Kostüme und benutzte den Küchentisch als Bühne. „Bei jeder Gelegenheit singt und deklamiert er vor jedem, der ihm zuhört. Wenn er seine Talente zeigen darf, ist seine Schüchternheit wie weggeblasen“, beschreibt Kohn den jungen Hans Christian. Er wollte berühmt werden und setzte dies mit unglaublicher Entschlossenheit durch. So ging er als Vierzehnjähriger ganz allein nach Kopenhagen, wo er sich als Schauspieler, Sänger und Stückeschreiber versuchte.

Andersen fand in der Hauptstadt und sogar im Königshaus schnell Gönner, die ihm eine Ausbildung bezahlten und den Weg zum Schriftstellerdasein ebneten. Jonas Collin, Direktionsmitglied beim Königlichen Theater, unterstützte Andersen wo es ging und schickte seinen Schützling, nachdem dieser erste literarische Erfolge erzielt hatte, nach Deutschland, Frankreich und Italien. Andersen entwickelte eine große Leidenschaft für das Reisen. Das Reisen wurde zu seiner wichtigsten Quelle der literarischen Eingebung. Er ergötzte sich an landschaftlicher Schönheit und traf berühmte Literaten. So entstanden etliche Reisebeschreibungen und Gedichte.

Vom Schustersohn zum meist gelesenen Schriftsteller der Welt
Diese großzügige Unterstützung und seine kreativen Auszeiten trugen Früchte: Andersen wurde weltberühmt, seine Märchen in 120 Sprachen übersetzt. Heute gilt er als meist gelesener Schriftsteller der Welt. Und kaum jemand weiß, dass er zuerst mit Romanen berühmt wurde, mehr als 50 Schauspiele schrieb und dazu Gedichte und Reiseliteratur. Sein Werke umfassen 18 Bände, gerade mal drei davon sind Märchenbücher. In seiner Freizeit fertigte er Scherenschnitte an, über 800 Stück. Und auch in seinen Scherenschnitten zeigt sich seine überbordende Phantasie.

Doch war es allein dieser innere Reichtum, seine Begabung, die Andersen den Aufstieg vom Kind aus einfachsten Verhältnissen zum wichtigsten Schriftsteller Dänemarks verhalf? Was gab Andersen diesen enormen schöpferischen Antrieb? Literaturhistoriker suchen Antworten auf diese Fragestellungen in Manuskripten und in seiner Autobiographie, die er „Das Märchen meines Lebens“ nannte. Der Biograph Jens Andersen findet hier eine Ursache: „Es gibt einen Widerspruch zwischen Andersens innerer Persönlichkeit, seiner realen, wirklichen Geschichte und seinem Lebensweg, wie er ihn sein ganzes Leben lang beschrieb. Andersen musste aus seinem Leben eine Geschichte machen.“ Seine Kindheit habe er romantisch verklärt, es sei ihm wichtig gewesen, zu sagen, dass er eine idyllische und harmonische Kindheit erlebt habe.

Märchen für Kinder und Erwachsene
Andersens Hang zum Märchen als literarische Gattung war im 19. Jahrhundert gut aufgehoben, denn Märchen waren zu seinen Lebzeiten sehr populär. In Deutschland veröffentlichten die Gebrüder Grimm ihre Sammlung „Kinder- und Hausmärchen“. Der Romantiker Clemens Brentano dichtete Kunstmärchen. Andersen ließ sich von Volksmärchen beeinflussen, erklärt Andersen-Forscher Prof. Sven Hakon Rossel vom Institut für Europäische und Vergleichende Sprach- und Literaturwissenschaft und Ordinarius für Neuere Skandinavistik an der Universität Wien: „Das Volksmärchen war anonym, klar und einfach in der Struktur, da es ja weitererzählt wurde und leicht verständlich sein musste. Es gab nur wenige Gestalten, die Zahl drei war sehr wichtig, und es musste ein Hindernis – die böse Stiefmutter, die Hexe – überwunden werden.“ Diese klare, einfache Struktur habe Andersen übernommen: „Er verwendete bewusst eine Alltagsprache. Seine Märchen sollten mehr erzählt als gelesen werden“, so Rossel.

Doch Andersens Geschichten gehen über das Volksmärchen hinaus. Charakteristisch für die Kunstmärchen ist in erster Linie die bewusst doppelte Erzählhaltung. Die spannende äußere Handlung ist für Kinder gedacht. Aber es war auch Andersens Anliegen, Erwachsene zu erreichen. Der Andersen-Biograph und Namensvetter Jens Andersen entdeckte sogar eine dritte Ebene. Es gäbe eine Ebene, die das innere Kind im Erwachsenen anspräche, sozusagen eine dritte Person. Das sei es, was uns immer noch so fasziniere, so der Biograph. „Wir lesen ein Märchen, weil wir dieser deutlichen, so schönen, einsamen und sehr phantasievollen Stimme zuhören können, die direkt zu dem Kind in uns Erwachsenen und Heranwachsenden spricht“, so sein Biograph.

Rätselhaft, unkalkulierbar und sinnstiftend
Doch dieser heute geschätzte für ihn charakteristische Stil, erregte zu seiner Zeit auch Befremden. Vor allem stellte man den didaktischen Wert seiner Märchen in Frage. Das sittliche Empfinden von Kindern werde wohl kaum gefestigt, wenn sie von einer Prinzessin läsen oder hörten, „die schlafend auf dem Rücken eines Hundes zu einem Soldaten reite, der sie küsse, worauf sie hellwach diesen Vorgang für einen sonderbaren Traum erkläre“, monierte ein Kritiker, nachdem er „Das Feuerzeug“ gelesen hatte. Überhaupt sei es ziemlich neu, dass jemand Märchen für Kinder schreibe, die dem Individuellen, dem Triebhaften, Unkalkulierbaren und Rätselhaften Einlass biete, so die Literaturwissenschaftlerin Kohn.

Das märchenhafte Glück des Guten weicht bei Andersen nur allzu oft einem tragischen Scheitern, für das es nur eine Flucht gibt: Gott und die Ewigkeit. „Rettung bringt aber auch die bestätigende Spiegelung im Anderen: Das sterbende Kind mit den Schwefelhölzern (aus „Das Mädchen mit den Schwefelhölzern“) findet sie, als die tote Großmutter ihm den Himmel öffnet. Das hässliche Entlein kann im Spiegel der Schwäne seinen eigenen Wert, sein eigenes Schwansein erkennen“, schreibt Kohn in ihrem Artikel „Flickschusterkind wird Märchenkönig.“

Spätere Werke für Kinder mit Vorsicht zu genießen
Heute traut man Kindern diese Komplexität und den oftmals versteckten Sinn seiner Märchen zu, doch nicht uneingeschränkt. Besonders seine späteren Märchen sind im Original philosophisch angelegt und nicht für Kinder geschrieben. In „Tante Zahnweh“ beschäftigte Andersen sich mit Fragen der Kunst. Hier schrieb er von einem jungen Dichter, der versucht, sein Meisterwerk zu schreiben, aber an seinem Talent zweifelt. Beginnt er zu schreiben, wird er von schrecklichen Zahnschmerzen geplagt. Zu guter Letzt werden seine dichterischen Versuche als Packpapier in einem Geschäft verwendet. Andersen dachte darüber nach, ob man sein privates Glück opfern sollte, um Kunst zu produzieren. Dabei wurde er, so Professor Rossel, von der Angst begleitet, keine Inspiration mehr zu finden.

Rossel nennt als weiteres Beispiel das Märchen vom „Tannenbaum“, das von der Angst des Schriftstellers handelt, sein Publikum zu verlieren. Dass diese Sorge ihn unnötig plagte, wissen wir heute. Denn auch wenn nicht alle Märchen kindgerecht zu sein scheinen und sich nicht alle Erwachsenen mit Begeisterung seinen Werken hingeben, was wäre die Welt, was wären die Kindheiten ohne seine Märchenklassiker?

Zudem öffnet das Thema „Märchen“ vielen Erwachsenen eine Tür in die Welt der Kinderliteratur und stellt für Kinder oft den ersten Kontakt mit Weltliteratur dar. Hier nur einige Buchempfehlungen für alle, die sich tiefergehend mit Hans Christian Andersen oder dem Thema „Märchen“ beschäftigen möchten:
  • Biographie von Jens Andersen über Hans Christian Andersen:
    Die Eigenheiten und das Genie des großen dänischen Dichters beleuchtet Jens Andersen in einer 800-seitigen Biographie, die mit zahlreichen, teils farbigen Abbildungen ausgestattet ist.

    Buch: Hans Christian Andersen, eine Biographie von Jens Andersen
    Übersetzer: Aus dem Dänischen von Ulrich Sonnenberg
    Verlag und Erscheinungsjahr: Insel-Verlag, 2005
    ISBN-Nummer: 3458172513

  • Ein Klassiker für Pädagogen und pädagogisch Interessierte:
    Bruno Bettelheim schreibt über die „Kraft der Verzauberung“ die Gegensätze in Märchen und darüber, wie deren Integration mit Hilfe des Märchens erreicht werden kann.

    Buch: Kinder brauchen Märchen
    Autor: Bruno Bettelheim
    Verlag und Erscheinungsjahr: Deutscher Taschenbuch Verlag, 1980
    ISBN-Nummer: 3423350288

  • Wissenswertes über das Märchen:
    Wie ist die Gattung „Märchen“ entstanden und wodurch grenzt sie sich von der Sage, Legende, Mythos und Fabel ab? Die Autoren Lüthi und Rölleke informieren differenziert über Aufbau und Art von Märchen.

    Buch: Märchen
    Autoren: Max Lüthi, Heinz Rölleke
    Verlag und Erscheinungsjahr: Metzler, 2004
    ISBN-Nummer:3476200167

Internet:
- Andersens Märchen von A-Z bei Spiegel-Online


Autorin: Katja Haug



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