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Bibliotheken garantieren den fairen Zugang zu Information und Wissen

19.03.2007

3. Leipziger Bibliothekskongress zu „Information und Ethik“





Migrantin im PC-Lernstudio der Stadtbücherei Frankfurt am Main
Migrantin im PC-Lernstudio der Stadtbücherei Frankfurt am Main
Quelle: VHS Frankfurt am Main
Vom 19. bis zum 23. März 2007 findet zum dritten Mal im Vorfeld der Leipziger Buchmesse der Kongress für Information und Bibliothek statt, der alle drei Jahre von der Bundesvereinigung „Bibliothek & Information Deutschland“ (BID) veranstaltet wird. Die Schirmherrschaft  hat in diesem Jahr Bundespräsident Horst Köhler übernommen.
In knapp 200 Vorträgen stellen Referenten aus dem In- und Ausland im Congress Center Leipzig (CCL) die neusten Entwicklungen sowie innovative Konzepte aus dem Bereich der Bibliotheksarbeit vor. Zahlreiche Workshops und Arbeitssitzungen bieten die Gelegenheit für einen intensiven fachlichen Austausch. Zudem wird der Kongress von einer Fachausstellung begleitet.
Das Thema, mit dem sich die Informationsfachleute in diesem Jahr schwerpunktmäßig beschäftigen, lautet „Information und Ethik“. Es trifft den Kern ihrer Arbeit, denn die Bibliotheken verstehen sich von jeher als Garanten für den freien, fairen und gleichberechtigten Zugang zu Information und Wissen. Damit leisten sie einen wesentlichen Beitrag zur Entwicklung und zum Schutz von demokratischen Zivilgesellschaften.
Um das zentrale Thema gruppieren sich vier Themenschwerpunkte.

Themenschwerpunkt 1: Gastland Dänemark
Dänemark ist das Gastland des diesjährigen Kongresses. Das hochentwickelte dänische Bibliothekswesen gilt im internationalen Vergleich als mustergültig, weil es weitreichende Aufgaben in Kultur und Bildung übernimmt. Zudem folgt Dänemark bei der Bibliotheksarbeit einem hohen ethischen Anspruch: Das Land gilt als Vorreiter bei der Verteidigung des Rechtes auf den allgemeinen und kostengünstigen Zugang zu Information und Wissen.
Die Bibliotheken sind in der dänischen Gesellschaft fest verankerte und ausgesprochen populäre Institutionen. Das spiegelt sich zum einen im großen und kontinuierlichen staatlichen Engagement für den Bibliotheksbereich, zum anderen in der äußerst intensiven Nutzung der öffentlichen Bibliotheken wider.
Beim Bibliothekskongress stellen die Referenten aus Dänemark ihre Bibliothekslandschaft als Best-Practice-Beispiel vor. Zunächst liefert Jens Thorhauge, der Direktor der zentralen Steuerungsagentur für Bibliotheken in Dänemark (Biblioteksstyrelsen) einen ersten Überblick. Weitere Vorträge widmen sich dann im Laufe der Kongresstage den dänischen Erfolgsfaktoren: den kohärenten Modernisierungsstrategien, dem weit verbreiteten Einsatz modernster Technologien sowie der effizienten Kooperation und Organisation.
Die Referenten geben inspirierende Einblicke in die verschiedenen Bereiche der Bibliotheksarbeit: Bertil Fabricius Dorch von der Universitätsbibliothek in Kopenhagen berichtet über die dänische „Open Access Policy“; Jens Ingemann Larsen und Jacob Heide Petersen stellen erfolgreiche Innovationsstrategien vor – Larsen am Beispiel der Öffentlichen, Petersen am Beispiel der Wissenschaftlichen Bibliotheken; Gitte Larsen von der dänischen Bibliothekshochschule erläutert die effiziente Aus- und Fortbildung von Informationsspezialisten, und Helle Wiese, Bibliotheksdirektorin in Fredericia, zeigt auf, wie Bibliotheken und Schulen in Dänemark eng zusammenarbeiten.
In der Diskussionsrunde „Was nutzt ein Bibliotheksgesetz?“ tauschen Vertreter aus Dänemark, Finnland, Ungarn und Italien ihre Erfahrungen mit einer gesetzlichen Grundlage für die Bibliotheksarbeit aus, die es in Deutschland weder auf nationaler Ebene noch in den Bundesländern gibt.

Themenschwerpunkt 2: Informationsfreiheit
Auch der zweite Themenschwerpunkt ist eng mit dem Thema des Kongresses „Information und Ethik“ verknüpft. Zwei Sektionen befassen sich mit dem Recht auf Informationsfreiheit, das in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte der Vereinten Nationen festgeschrieben ist. Doch selbst in einer offenen, demokratischen Gesellschaft ist es eine durchaus komplexe und keineswegs widerspruchsfreie Aufgabe, den freien Zugang zu Information zu garantieren.
Welche Verantwortung Bibliothekare und Bibliothekarinnen weltweit dabei tragen und wie sie ihr gerecht werden können, erörtern in Leipzig Vertreter des internationalen Büros FAIFE, das 1997 in Kopenhagen gegründet wurde. FAIFE steht für „Free Access to Information and Freedom of Expression“ und ist der Name eines Ausschusses im Weltverband der Bibliotheken (IFLA). Seine Aufgabe ist es, sich im Bereich der Bibliotheksarbeit für die Durchsetzung des Menschenrechts auf Informations- und Meinungsfreiheit zu engagieren.
Der Generalsekretär der IFLA, Peter Lor, wird über die Initiativen und Prioritäten von FAIFE für die nächsten Jahre Auskunft geben. Paul Sturges, der Vorsitzende der IFLA/FAIFE, skizziert die Relevanz von Informationsfreiheit und lotet die Grenzen der Meinungsfreiheit – auch vor dem Hintergrund des Karikaturenstreits – aus. Stuart Hamilton, ehemals wissenschaftlicher Mitarbeiter beim FAIFE-Büro in Kopenhagen, berichtet über Information und Meinungsfreiheit in Israel und Palästina.
Eine andere Sektion des Kongresses befasst sich mit Zensur und Informationsfreiheit in Zeiten der Bedrohung durch Terror. Die Referate von Johannes Feest, Jürgen Babendreier und Björn Biester bieten analytische Rückblicke auf die Situation in der BRD der 1970er-Jahre. Damals waren Bibliotheken mitunter beschuldigt worden, Schriften der „Roten Armee Fraktion“ zu besitzen und zu verleihen. Helga Lüdtke wendet sich aktuellen Entwicklungen zu. Sie verfolgt „Die Spuren des ‚Patriot Act’ im amerikanischen Bibliothekswesen“; das Gesetz erlaubt dem FBI zum Beispiel Nachforschungen in Bibliotheken und damit auch den Zugang zu Daten über die Mediennutzung.

Themenschwerpunkt 3: Digitale Bibliothek
Digitale Bibliotheken sind auf besondere Weise dafür prädestiniert, den barrierefreien Zugang zur Information zu garantieren. Gerade deswegen fordert Frank Daniel von der StadtBibliothek Köln in seinem Plenumsvortrag „Digitale Virtuelle Bibliothek“ die Öffentlichen Bibliotheken auf, Medien auf elektronischem Weg zu verleihen und ihre Bestände auf digitale Inhalte auszudehnen – um auf dem Informationsmarkt weiterhin konkurrenzfähig zu bleiben.
Gleich mehrere Sektionen geben auf dem Kongress einen Überblick über wegweisende Projekte für digitale Bibliotheken. Hier präsentieren sich Virtuelle Fachbibliotheken und Kooperationsprojekte zwischen Bibliotheken, Archiven und Museen; zudem werden technische Lösungen für die Präsentation digitaler Inhalte vorgestellt.
Daneben werden in Leipzig auch noch ungelöste Probleme thematisiert. Die Digitalisierung ist eine wichtige Strategie zur langfristigen Bestandserhaltung; umso dringender ist die Sicherheit der digitalen Archive. Wie aber kann man angesichts der rasanten technologischen Entwicklung gewährleisten, dass die Daten auch in fernerer Zukunft noch in authentischer Form verfügbar sind? Dieser Frage widmen sich Spezialisten für Langzeitarchivierung in einer eigenen Sektion – so zum Beispiel Stephani Scholz vom Hochschulbibliothekszentrum des Landes Nordrhein-Westfalen, die mit ihrem Vortragstitel die Herausforderungen ihrer Arbeit auf den Punkt bringt: „Heute das Morgen denken“.
Neben den technischen Problemen sind es vor allem rechtliche Unklarheiten, die den Ausbau digitaler Bibliotheken hemmen. Heikel ist die Frage, wie die Rechte von Werkurhebern geschützt und gleichzeitig die Interessen der Öffentlichkeit gewahrt werden können. Zwei Sektionen befassen sich mit den Themen Urheberrecht und Datenschutz. Harald Müller deckt in seinem Vortrag „Bildrechte kontra Informationsfreiheit“ beispielsweise überraschende Rechtsfolgen von Digitalisierungen auf; Haike Meinhardt informiert über den Einsatz von „Digital Rights Management“-Produkten, die nicht nur den reinen Kopierschutz, sondern abgestufte Zugangs- und Nutzungsrechte von digitalen Inhalten ermöglichen.
Die Abschlussveranstaltung des Kongresses widmet sich dem Projekt „Europäische Digitale Bibliothek“. Hier diskutieren unter anderem Elisabeth Niggemann, die als Generaldirektorin der Deutschen Nationalbibliothek Mitglied der „High Level Expert Group on Digital Libraries“ der Europäischen Kommission ist, sowie Helga Trüpel, die stellvertretende Präsidentin des Kulturausschusses des Europäischen Parlaments, über die Vision, die digitalen Bestände der europäischen Bibliotheken, Museen und Archive unmittelbar nutzen zu können.

Themenschwerpunkt 4: Lernort Bibliothek
Bibliotheken sorgen nicht nur für die Bereitstellung von Medien und Informationen, sie machen auch zahlreiche Lernangebote und bieten sich als außerschulischer Lernort an – und das keineswegs erst seit dem PISA-Schock. Das Angebot an nachahmenswerten Projekten ist so vielfältig, dass auf dem Kongress in fünf Sektionen innovative Modelle für den Lernort sowie für den Bildungspartner Bibliothek vorgestellt werden.
In der Sektion „Bibliothek und Schulen“ werden erfolgreiche Kooperationen präsentiert. So berichtet etwa Susanne Rockenbach, wie Gymnasien, Universitäts- und Stadtbibliothek in Kassel eng zusammenarbeiten, um Oberstufenschüler mit Medienkompetenz auszustatten. Heike Janssen und Corinna Roeder schildern, wie die Oldenburger Bibliotheken mit Kooperationsvereinbarungen als feste Bildungspartner der Schulen in der Region agieren.
Daneben werden erfolgreiche Modelle für die Vermittlung von „Sprach-, Lese- und Informationskompetenz“ vorgestellt. Beispielweise berichtet Birgit Lotz von den Erfahrungen, die die Stadtbibliothek in Frankfurt am Main mit ihrem PC-Lernstudio zur Alphabetisierung von Migranten macht. Anke Märk-Bürmann erläutert wie die Akademie für Leseförderung der Stiftung Lesen nachhaltig die Lesekompetenz und -freude von Kindern und Jugendlichen in Niedersachsen steigert.
In der Sektion zur „Kinder- und Jugendbibliotheksarbeit“ ist die Leseförderung ein zentrales Thema. Dort stellt Ute Hachmann das Pilotprojekt „Bücherbabys“ der Stadtbibliothek Brilon vor. In Brilon erhalten alle jungen Mütter ein „Lesestart-Paket“, das über die Wichtigkeit einer frühen Sprach- und Leseförderung informiert und gleichzeitig zum Besuch der Bibliothek animiert. Karin Rösler berichtet von einem multilingualen Vorleseprojekt in Stuttgart und von den Chancen, die das Vorlesen in der Muttersprache für die Sprach- und Leseförderung bietet.
Zwei weitere Sektionen befassen sich mit den Lernangeboten wissenschaftlicher Bibliotheken. Zum einen werden die Möglichkeiten und Grenzen von ELearning-Konzepten für die Vermittlung von Recherchetechniken ausgelotet, zum anderen Fachhochschulbibliotheken als virtuelle Lernorte vorgestellt.

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