Bericht

Lebensgeschichten. Biografisches Erzählen in der Kinder- und Jugendliteratur

20.05.2020

kjl&m - forschung.schule.bibliothek - Heft 20.2




Titelseite kjl&m 20.2
Titelseite kjl&m 20.2
© kopäd Verlag
Seit vielen Jahren finden sich auf dem Buchmarkt Biografien für Jugendliche und Kinder, auch in Form von Bilderbüchern und Graphic Novels. Aufgabe der Biografinnen und Biografen ist es, stets eine Balance zwischen Wahrheit und Fiktion, Subjektivität und Objektivität zu wahren, denn Biografien sind grundsätzlich eine subjektive Interpretation und damit eine Konstruktion gelebten Lebens. Gute Biografien bieten ihren Leserinnen und Lesern die Möglichkeit, beim Lesen Nähe und Distanz zu entwickeln und sich somit in der Auseinandersetzung mit der biografierten Person, ihrer Zeit und ihrem Werk ein eigenes Urteil bilden zu können.
Biografien werden im Spannungsfeld von Kunst und Wissenschaft verortet. Lange wurden sie als Sache der Geschichtswissenschaft betrachtet, was vor allem damit zusammenhing, dass man in der Vergangenheit lediglich historische Größen biografierte (Staatsoberhäupter, Könige, führende Persönlichkeiten aus Militär, Politik, Kirche etc.), und diese waren bis auf Ausnahmen wie z. B. Königin Luise allesamt Männer. Die Personen galten als Vorbilder, hatten somit eine Vorbildfunktion und sollten ihre jugendlichen Leserinnen und Leser zu nachahmenswertem Verhalten animieren. Diese Funktion haben sie jedoch seit Langem nicht mehr. Staat dessen geht es darum, dass Leserinnen und Leser im Zuge der Auseinandersetzung mit einer biografierten Person, ihrer Zeit und ihrem Werk sowohl Nähe als auch Distanz entwickeln können. Nimmt man andererseits die Biografinnen und Biografen in den Blick, so besteht deren Aufgabe darin, – wie Alina Wanzek in ihrem einführenden Beitrag schreibt –, stets eine Balance zwischen Wahrheit und Fiktion, Subjektivität und Objektivität zu wahren. Denn Biografien sind grundsätzlich eine subjektive Interpretation und damit eine Konstruktion gelebten Lebens.

In der Bundesrepublik fand zunächst nur zu Beginn der 1960er-Jahre eine Auseinandersetzung mit Biografien für Jugendliche statt. Das änderte sich kurzfristig, als Frederik Hetmann für seine Che Guavara-Biografie 1973 der Deutsche Jugendliteraturpreis verliehen wurde. Doch erst seit den 1980er-Jahren, als mehrere Verlage Biografien für Jugendliche veröffentlichten und damit das Spektrum der biografierten Personen immer größer wurde, stieg das Interesse in der KJL-Forschung und Literaturdidaktik. Inzwischen richtet sich die Gattung an Kinder und Jugendliche gleichermaßen, entsprechend vielfältig ist das Angebot.

Das vorliegende Heft vermittelt einen Einblick in die aktuelle theoretische, historische und systematische Biografienforschung. Alina Wanzeks Einführungsbeitrag stellt die verschiedenen Formen biografischen Erzählens vor; Felix Giesa zeichnet die historische Entwicklung der Gattung nach. Es folgen Beiträge zur Gruppenbiografie am Beispiel der Beltz & Gelberg-Reihe (Mareike Gronich), über Artist Fantasies, sprich Biografie-basierte Bilderbücher über das Schaffen von Kunst (Julia Benner) und Graphic Novels am Beispiel Alan Turings (Marco Magirius). Spezifische Personen stehen im Mittelpunkt der vier folgenden Aufsätze: Karin Richter beschäftigt sich mit dem Biographischen und Authentischen im Erzählwerk Mirjam Presslers, Larissa Jagdschian mit der ersten Biografie über Judith Kerr, Ina Brendel-Perpina mit Anne Frank im Medienverbund, wobei auch didaktische Aspekte berücksichtigt werden, und Susanne Brandt zeigt mit ihrem Praxisbericht aus der Büchereiarbeit, wie biografische und autobiografische Schriften von Janusz Korczak zu einer handlungsorientierten Auseinandersetzung und Weiterarbeit mit den Texten und Impulsen inspirieren können. Den Abschluss des Thementeils bildet das Interview von Jana Mikota mit Alois Prinz, der im deutschsprachigen Raum zu den wichtigsten Autoren gehört, die Biografien für Jugendliche schreiben. Das Spektrum widmet sich der persischen KJL (Elham Moghadas) sowie dem 95. Geburtstag von Klaus Doderer (Winfred Kaminski).

Verantwortlich für den Themenschwerpunkt dieser Ausgabe: Prof. Dr. Petra Josting


Inhaltsverzeichnis kjl&m 20.2

Editorial
Lebensgeschichten. Biografisches Erzählen in der Kinder- und Jugendliteratur

Alina Wanzek
Wie zusammengefügte Lebenssplitter, die brüchig bleiben. Biografische Kinder- und Jugendliteratur

Felix Giesa
Aspekte der historischen Entwicklung biographischen Erzählens für Kinder und Jugendliche

Mareike Gronich
Bernward Vesper und Michael Ende – Die kann man doch (nicht) vergleichen!

Julia Benner
Artist Fantasies – Biografie-basierte Bilderbücher über das Schaffen von Kunst
Marco Magiruis
Formsprachen biographischer Graphic Novels am Beispiel Alan Turings

Karin Richter
Biographisches und Authentisches im Erzählwerk Mirjam Presslers

Larissa Jagdschian
Erinnerungen als Lebensgeschichte. Zur ersten Biographie über Judith Kerr

Ina Brendel-Perpina
Anne Frank im Medienverbund

Susanne Brandt
„Vom Kind bekomme ich Anweisungen an mich selbst“. Leben lernen im Dialog mit Korczaks erzählender Pädagogik. Ein Praxisbericht


KURZ GEFRAGT

Interview mit Alois Prinz


SPEKTRUM

Elham Moghadas
Die moderne persische Kinder- und Jugendliteratur

Winfred Kaminski
Klaus Doderer zum 95. Geburtstag


FACHLITERATUR

Mettenbrink, Roland: Religion in Kinderliteratur. Sterben und Tod bei Astrid Lindgren. Leipzig: Evangelische Verlagsanstalt, 2018. 359 S. Zugl.: WWU Münster, Diss., € 48,00 (Dr. Margarete Hopp, Universität Duisburg-Essen)

Grundler, Elke (Hg.): Wirksamer Deutschunterricht. Unterrichtspraxis: Perspektiven von Expertinnen und Experten. Baltmannsweiler: Schneider, 2018 (Wirksamer Fachunterricht; 3), 225 S., € 19,80 (Dr. Julian Kanning, Universität Paderborn)

Führer, Carolin/Heins, Jochen (Hgg.): Autorschaft im Unterricht. Literaturdidaktische Facetten am Beispiel vonInterviews. Baltmannsweiler: Schneider, 2018, 153 S., € 18,00 (Dr. Daniel Nix, Schlüchtern)


Bestellung unter: www.kopaed.de


kjl&m forschung.schule.bibliothek
Die Zeitschrift „kjl&m forschung.schule.bibliothek“, bis 2007 „Beiträge Jugendliteratur und Medien“, wird herausgegeben von der AG Jugendliteratur und Medien (AJuM) der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) und erscheint im kopäd Verlag. Die Redaktion bilden die KJL-Expertinnen und -Experten Prof. Dr. Petra Josting (Bielefeld), Prof. Dr. Julia Benner (Berlin), Prof. Dr. Michael Ritter (Halle) und Dr. Sebastian Schmideler (Leipzig).
Inhaltliche Schwerpunkte von kjl&m sind:
  • Kinder- und Jugendliteratur in Schule und Bibliothek
  • Forschung zur Kinder- und Jugendliteratur
  • Medienpädagogische und literaturdidaktische Ansätze
  • Arbeit in Schulbibliotheken und Zusammenarbeit von öffentlichen Bibliotheken und Schulen
Jede der vierteljährlich erscheinenden Ausgaben hat einen Themenschwerpunkt und bietet darüber hinaus in der Rubrik „Spektrum“ Beiträge zu weiteren Themen an. Eine Sammelrezension von Kinder- und Jugendliteratur, Rezensionen von Fachliteratur und Beiträge zum Thema Unterricht sowie Berichte und Hinweise rund um KJL bieten allen, die sich professionell mit Kinder- und Jugendliteratur beschäftigen, umfassende Information und Anregungen für die Praxis.
Zusätzlich zu den 4 Ausgaben erscheint jährlich eine umfangreichere Sonderausgabe kjl&m extra. Diese wird den AbonnentInnen außerhalb des Abos zu einem ermäßigten Preis mit Rückgaberecht geliefert.
Weitere Informationen: www.kopaed.de


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