Bericht

Deutscher Jugendliteraturpreis 2018

15.10.2018

Am Nerv der Zeit




Titelseite des Flyers
Titelseite des Flyers
Illustration: Bernardo P. Carvalho
1.600 Zuschauerinnen und Zuschauer verfolgten am 12. Oktober 2018 wie Bundesministerin Dr. Franziska Giffey auf der Frankfurter Buchmesse die Gewinnerinnen und Gewinner des Deutschen Jugendliteraturpreises auszeichnete. Die diesjährigen Preisbücher spiegeln das aktuelle Zeitgeschehen. Sie sensibilisieren für das Fremde, setzen sich mit Rechtsradikalismus auseinander und behandeln Fragen der Nachhaltigkeit. Drei junge Leseexperten standen der Ministerin zur Seite: Victoria Schaay, die diesjährige Bundessiegerin des Vorlesewettbewerbs aus Nordrhein-Westfalen, sowie die beiden Landessieger Leander Neudeck aus dem Saarland und Emily Stromann aus Hessen. Sie überbrachten nicht nur die bronzene Momo, sondern hatten als Buchempfehlung auch ihre Lieblingstitel von der Nominierungsliste im Gepäck. Der Vorlesewettbewerb des Deutschen Buchhandels, der in diesem Jahr sein 60. Jubiläum feiert, steht unter der Schirmherrschaft des Bundespräsidenten. Er zählt mit einer jährlichen Beteiligung von 600.000 Schülerinnen und Schülern aus den sechsten Klassen zu den größten bundesweiten Schülerwettbewerben. Ausrichter ist die Börsenverein des Deutschen Buchhandels Stiftung. Seit 2016 kooperiert diese mit dem Arbeitskreis für Jugendliteratur und entsendet junge (Vor-)Leserinnen und Leser zur Preisverleihung. Gemeinsames Ziel ist es, bei Kindern und Jugendlichen mit einem vielfältigen Buchangebot Lesefreude zu wecken und die Lesemotivation zu stärken. Sowohl der Vorlesewettbewerb als auch der Deutsche Jugendliteraturpreis werden vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend gefördert.

Preisträger der Sparte Bilderbuch
Die Kritikerjury prämierte je ein Bilder-, ein Kinder-, ein Jugend- und ein Sachbuch. Als bestes Bilderbuch konnte sich Der siebente Bruder oder Das Herz im Marmeladenglas von Øyvind Torseter, in der Übersetzung von Maike Dörries, durchsetzen. In seiner opulenten Graphic Novel verbindet der norwegische Künstler verschiedenste Illustrationsstile zu einem höchst anspruchsvollen, gelungenen Ganzen und erzählt auf diese Weise das traditionelle Märchen in innovativer Form.
Begründung der Kritikerjury

Øyvind Torseter (Text, Illustration)
Maike Dörries (Übersetzung)
Der siebente Bruder
oder Das Herz im Marmeladenglas
Aus dem Norwegischen von Maike Dörries
Gerstenberg Verlag
ISBN: 978-3-8369-5900-1
€ 26,00 (D), € 26,80 (A), ab 9 Jahren


Preisträger der Sparte Kinderbuch
In der Sparte Kinderbuch wurde das Erstlesebuch Viele Grüße, Deine Giraffe ausgezeichnet. Der heitere Briefroman der japanischen Autorin Megumi Iwasa erzählt von der Freundschaft zwischen einer Giraffe in Afrika und einem Pinguin am Südpol. Die Jury lobt den sprachlich einfachen, literarisch gestalteten Text. Dessen Wirkung ist auch der Übersetzung von Ursula Gräfe zu verdanken. Die Illustrationen von Jörg Mühle greifen die Situationskomik der Geschichte pointiert auf und schaffen eine eigene Atmosphäre mit vielen witzigen Details.
Begründung der Kritikerjury

Megumi Iwasa (Text)
Jörg Mühle (Illustration)
Ursula Gräfe (Übersetzung)
Viele Grüße, Deine Giraffe
Aus dem Japanischen von Ursula Gräfe
Moritz Verlag
ISBN: 978-3-89565-337-7
€ 10,95 (D), € 11,30 (A), ab 6 Jahren


Preisträgerin in der Sparte Jugendbuch
Als bestes Jugendbuch überzeugte Manja Präkels’ autobiografisch gefärbter Roman Als ich mit Hitler Schnapskirchen aß. Sie erzählt mit dokumentarischer Genauigkeit vom Aufwachsen in der DDR, den Vorboten der Wende und deren Folgen. Präkels porträtiert eine Generation, die den Niedergang der DDR abseits der Großstädte weniger als Befreiung denn als widersprüchliches gesellschaftliches Ereignis erlebt. Vor allem aber schildert sie, wie rechtes Gedankengut, Wut und Hass in einer einstmals ländlichen Idylle um sich greifen. Ihr Roman ist damit erschreckend aktuell.
Begründung der Kritikerjury

Manja Präkels (Text)
Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß
Verbrecher Verlag
ISBN: 978-3-95732-272-2
€ 20,00 (D), € 20,60 (A), ab 16 Jahren


Preisträger in der Sparte Sachbuch
Sieger beim Sachbuch ist Der Dominoeffekt oder Die unsichtbaren Fäden der Natur. Ulrike Schimming hat Gianumberto Accinellis Text aus dem Italienischen übertragen. In 18 Kapiteln schildert der promovierte Ökologe die verheerenden Folgen menschlicher Eingriffe in das sensible Gleichgewicht der Natur und fordert einen respektvollen Umgang mit den vorhandenen Ressourcen. Die künstlerischen Illustrationen von Serena Viola verleihen dem Text eine eigenwillige Leichtigkeit. Gezeichnete „Fäden“ durchziehen das gesamte Buch und machen symbolhaft deutlich, dass alles mit allem in Zusammenhang steht.
Begründung der Kritikerjury

Gianumberto Accinelli (Text)
Serena Viola (Illustration)
Ulrike Schimming (Übersetzung)
Der Dominoeffekt
oder Die unsichtbaren Fäden der Natur

Aus dem Italienischen von Ulrike Schimming
Fischer Sauerländer
ISBN: 978-3-7373-5471-4
€ 19,00 (D), € 20,60 (A), ab 12 Jahren


Preisträgerin der Jugendjury
Auch das Preisbuch der Jugendjury trifft den Nerv der Zeit: Angie Thomas’ Debüt The Hate U Give, übersetzt von Henriette Zeltner, ist ein Appell für mehr Zivilcourage. Es thematisiert rassistische Polizeigewalt in den USA und damit die Frage von Recht und Gesetz in der Gesellschaft. Die junge schwarze Heldin Starr ist eine starke Identifikationsfigur, die jugendliche Leser motiviert, das eigene Handeln zu hinterfragen.
Begründung der Jugendjury

Angie Thomas (Text)
Henriette Zeltner (Übersetzung)
The Hate U Give
Aus dem Englischen von Henriette Zeltner
cbj
ISBN: 978-3-570-16482-2
€ 17,99 (D), € 18,50 (A), ab 14 Jahren


Sonderpreis „Gesamtwerk“
Mit dem Sonderpreis „Gesamtwerk“ wurde der Übersetzer Uwe-Michael Gutzschhahn geehrt. Vom Bilder- über das Kinder- und Jugendbuch bis zum Sachbuch: In seinem umfangreichen Œuvre hat er sich mit jedem Genre auseinandergesetzt, und das erfolgreich. Besondere Verdienste hat er sich als deutsche Stimme von Kevin Brooks erworben, dessen harte, oft atemlose Sprache er perfekt in Ton und Syntax wiedergibt.
Begründung der Sonderpreisjury


Sonderpreis „Neue Talente“
Über den Sonderpreis "Neue Talente" durfte sich Gesa Kunter freuen. Ausgezeichnet wurde sie für ihre kreative Übersetzung der Textwerkstatt Schreib! Schreib! Schreib! (Beltz & Gelberg). Die originelle schwedische Vorlage wurde von ihr teils kulturell angepasst, teils belassen. Dabei hat sich Kunter stets an den Bedürfnissen der Zielgruppe und dem Zweck des Buches orientiert.
Begründung der Sonderpreisjury


Über den Deutschen Jugendliteraturpreis
Der Deutsche Jugendliteraturpreis wird seit 1956 für herausragende Kinder- und Jugendbücher vergeben und ist mit insgesamt 72.000 Euro dotiert. Er wird vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend gestiftet und vom Arbeitskreis für Jugendliteratur ausgerichtet. Der Sonderpreis für das Gesamtwerk umfasst ein Preisgeld in der Höhe von 12.000 Euro, alle anderen Auszeichnungen sind mit je 10.000 Euro dotiert und werden unter den Autorinnen und Autoren, Übersetzerinnen und Übersetzern, Illustratorinnen und Illustratoren aufgeteilt. Neben der Preissumme erhalten alle Preisträgerinnen und Preisträger auch eine Skulptur: die Momo. Gestaltet wurde die 30 cm hohe Bronzeplastik von dem Bildhauer Detlef Kraft. Als Symbolfigur für freie, unverplante Zeit hat Momo, die Heldin aus Michael Endes gesellschaftskritischem Roman, bis heute nicht an Aktualität verloren.

Gefördert vom:
Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend www.bmfsfj.de

Kontakt:
Arbeitskreis für Jugendliteratur e.V.
Steinerstr. 15, Haus B
81369 München
Tel.: (089) 45 80 80 6
E-Mail: info@jugendliteratur.org
Internet: www.jugendliteratur.org
Redaktionskontakt: schuster@dipf.de