Bericht

Raumfahrer im Bücherkosmos

10.11.2017

Ein Expeditionsbericht zum Abschluss des Projekts „Literanauten überall“




„Street Literature“ der Wortwerkstatt Limburg
„Street Literature“ der Wortwerkstatt Limburg
© Literanauten
„Literanauten überall“ – diesen Namen gaben wir unserem Peer-to-Peer-Leseförderungsprojekt, als wir es 2013 ins Leben riefen. Wir entwickelten damit eine Idee weiter, die 2010 bei einer Tagung des Arbeitskreises für Jugendliteratur erstmals geboren wurde. Damals trafen sich verschiedene Leseclubs, die in der Jugendjury für den Deutschen Jugendliteraturpreis aktiv waren. Ein Wochenende lang tagten sie unter dem Titel Literanauten am Ende der Welt – gaben sich dabei selbst die Bezeichnung „Literanauten“ – und loteten voller Begeisterung Möglichkeiten der Literaturvermittlung aus. Dies legte den Grundstein für eine neue Vision: In Form eines Leseförderungsprojekts von Jugendlichen für Jugendliche sollten die Literanauten nicht nur am Ende der Welt, sondern überall aktiv werden. Die Umsetzung und Finanzierung ermöglichte schließlich das Förderprogramm „Kultur macht stark“ des Bundesministeriums für Bildung und Forschung; von Anfang an war das Projekt auf fünf Jahre befristet. Jetzt, 2017, sind wir am Laufzeitende angekommen. Zeit, einen Blick zurückzuwerfen: Mit welchen Visionen sind wir gestartet? Und was haben wir mit den Literanauten bislang erreicht?

Lesen verbindet
Die Literanauten stellten wir uns als entdeckungsfreudige Raumfahrer im Bücherkosmos vor: begeisterte, junge Leser, die Bücher lieben, in Bibliotheken und Buchhandlungen zu Hause sind und keine Reise ohne ein Buch in der Tasche antreten. Mit der Leseaffinität und den Ideen der Jugendlichen wollten wir bei bildungsbenachteiligten Kindern und Jugendlichen die Lust am Buch wecken. Zu Beginn wussten wir nur nicht sicher, ob diese Jugendlichen in der Praxis auch bereit sein würden, sich aufeinander einzulassen und im Rahmen des Peer-to-Peer-Projekts Begegnungen zu wagen. – Sie waren es!

Auf die Anfänge rückblickend, resümiert Katrin Schäffer, Mitglied des Jugendleseclubs der Stadtbibliothek Landshut: „Ich war von der Idee der Literanauten total überzeugt, weil es einfach eine Plattform ist, wo man sich ganz neu ausprobieren kann und super Projekte entwickelt, die so vielfältig und so einzigartig sind, dass es Riesenspaß macht.“
Ähnlich sieht dies auch Jana Eschemann aus Wermelskirchen, die sich immer wieder mit großem Elan an Projekten des Leseclubs „Do it – read a book!“ beteiligt und mit wachsendem Interesse neue und innovative Ideen mit einbringt. Sie schätzt die sozialen Kontakte, die man bei den Literanauten knüpfen kann. Gerade durch diese persönliche Wertschätzung konnten viele Begegnungen der Literanauten gelingen: „Das Lesen verbindet so viele Menschen miteinander (...) Es macht mir einfach Spaß, mein Hobby, meine Interessen mit anderen Leuten zu teilen.“

Insgesamt haben 29 Leseclubs in diesen fünf Jahren bei den Literanauten partizipiert, mit mindestens ebenso vielen Bündnispartnern – Bibliotheken, Schulen, Kindertagesstätten, Jugendeinrichtungen – und gemeinsam über 160 Literaturprojekte entwickelt. „Partizipiert“ bedeutet, dass den Leseclubs unter starker Beteiligung der Jugendlichen die aktive Rolle der Projektentwicklung und Durchführung zukam: von der ersten Idee bis zur Präsentation auf der Bühne, von der Teilnehmerakquise bis zur finanziellen Abwicklung. Für die meisten Leseclubs waren diese Aufgaben Neuland, nicht nur die Jugendlichen, auch die erwachsenen Teamer mussten umdenken und ihre Methoden umstellen. „Das Projekt ‚Literanauten überall‘ bedeutet für unseren Leseclub, dass wir ganz anders arbeiten müssen“, erklärt Marc Hupfer, Leiter des Cg-Leseclubs des Clavius-Gymnasiums in Bamberg. „Früher haben wir uns mit neuer Kinder- und Jugendliteratur beschäftigt und jetzt müssen wir uns überlegen, wie wir unsere neue Zielgruppe erreichen wollen.“

Dafür beschritt der Cg-Leseclub durchaus kreative Wege. In Kooperation mit der Von-Lerchenfeld-Schule, einem Förderzentrum mit dem Schwerpunkt Hören, stellten sie sich der Herausforderung, gemeinsam die Kurzgeschichte Kleineschwesternsuppe von Finn-Ole Heinrich filmisch umzusetzen. Wie viele Hörgeschädigte haben auch die Schüler der Von-Lerchenfeld-Schule Schwierigkeiten mit dem Erfassen von Texten, da Sprache und deren Verschriftlichung stark von der Hörwahrnehmung bestimmt wird. Zunächst formulierten die Leseclubmitglieder eine vereinfachte Version der Geschichte. Von einem Native-Speaker wurde diese in Gebärdensprache übersetzt. In verschiedenen Sitzungen trainierten die Schüler der Von-Lerchenfeld-Schule einzelne Abschnitte der Geschichte und nahmen diese mit einer Kamera auf. Um die fertige Gebärdenversion für Hörende wiederum verstehbar zu machen, sollte der Film mit Untertiteln und gesprochenem Text versehen werden. Diese Aufgabe übernahmen die Leseclubmitglieder, sodass jeder Gebärdende durch ein Leseclubmitglied im Film eine eigene Stimme erhielt. Der fertige Film wurde im Odeon Kino in Bamberg vor einem Publikum von 150 Zuschauern gezeigt. Selbstverständlich wurde die gesamte Veranstaltung in Gebärdensprache übersetzt.

Grenzen überwinden
Die Jugendlichen bewiesen Durchhaltevermögen und wie die – zumeist ehrenamtlichen – Teamer hohes Engagement: Häufig waren sie über Wochen mit der Projektplanung beschäftigt. In den Leseclubs wie in der Geschäftsstelle des Arbeitskreises für Jugendliteratur stießen alle Beteiligten auch an Grenzen des Möglichen, bedingt durch Erfahrungen in der Projektplanung, Zeitkapazitäten bei den Jugendlichen wie bei den Betreuern oder durch die Auflagen, was als förderfähig im Rahmen des Bundesprogramms eingestuft wird. Gemeinsam haben wir aber viele Grenzen überschritten und sind in das Literanauten-Programm hineingewachsen: Zwischen Institutionen, die vorher wenig oder keine Berührungspunkte hatten, wurden lokale Kooperationen geschlossen, durch die aktuelle Flüchtlingssituation haben viele Leseclubs Projekte mit Geflüchteten aufgenommen – seien es Vorlese-, Theater- oder Kunstprogramme – und haben Grenzen über Sprache und Kulturen hinweg überwunden.

So lud die Wortwerkstatt Limburg im März dieses Jahres zu dem Projekt „In ein neues Land“ ein, an dem junge Menschen aus Syrien, Afghanistan, Irak, Somalia, Guinea, Eritrea, Äthiopien, Serbien, Kroatien, Iran und Pakistan teilnahmen. Das gleichnamige Bilderbuch von Shaun Tan bot Anlass, eigene Fluchtgeschichten zu erzählen und über den Gegenstand zu sprechen, der ihnen so wichtig ist, dass er die gefährliche Reise mit ihnen angetreten hat. „Die eigene Heimat verlassen zu müssen, sei es aufgrund von Krieg, Terror oder fehlender Zukunftsperspektiven und Armut, ist kein leichter Schritt. Die meisten lassen dabei Angehörige, Freunde und die vertraute Umgebung zurück und begeben sich auf eine Reise in eine ungewisse Zukunft“, so Annie Vollmers, Projektleiterin der Wortwerkstatt. „Natürlich wurden wir oft nachdenklich, doch im Austausch miteinander wurde auch viel gelacht und neue Freundschaften konnten entstehen.“

Projekt mit Nachhaltigkeit
Leseclubs sind über sich hinausgewachsen, zu Beginn noch unerfahren in der Projektplanung, organisierten sie später Krimidinner, Poetry Slams, gemeinsame Fahrten zur Buchmesse oder begaben sich sogar auf Kulturexpedition bis nach Warschau. Das „über-sich-Hinauswachsen“ gilt für die Gruppe wie für jeden Einzelnen. Viele der Jugendlichen trauten sich im Rahmen eines Literanauten-Projekts, den ersten Text zu schreiben, diesen beim Poetry Slam vorzutragen, auf der Bühne zu stehen oder – im viel kleineren Rahmen – nach einer Literanauten-Veranstaltung als Neuling zum ersten Mal an einem Leseclub-Treffen teilzunehmen, zum ersten Mal die Bibliothek aufzusuchen oder zum ersten Mal ein vom Autor handsigniertes Buch mit nach Hause zu nehmen.

„Zu Beginn hätten wir uns niemals vorstellen können, dass das Projekt so viel Fahrt aufnimmt. Es gibt Kinder, die sind das dritte, vierte Mal dabei – und diese Nachhaltigkeit berührt uns sehr“, berichtet Marie-Louise Lichtenberg, die rund 20 Literanauten-Projekte in Kooperation mit dem JUCA, dem Jugendcafé in Wermelskirchen, durchgeführt hat. „Wir entdecken bei diesen Projekten Stärken in den Kindern, die Kinder entdecken ihre Stärken selber – und das ist etwas, das uns antreibt, diese Literaturprojekte weiter zu befördern.“

An vielen Orten hat sich diese Erfahrung bestätigt, sei es in Spandau oder Königstein, in Leipzig oder Ludwigsburg. Auch für den Arbeitskreis für Jugendliteratur boten die Literanauten eine Möglichkeit, neue Wege zu beschreiten: Wir übten uns in medialen Projekten von Buchtrailern bis zum literarischen Geocaching, lernten neue Ausstellungskonzepte kennen, durften literarische Spieleketten erproben oder Zirkus-Geschichten von Sprachmagiern und Wortjongleuren hören. – Nein, wir sind mit unseren Literanauten längst nicht „überall“ gelandet – auch wenn die Leseclubs in zehn verschiedenen Bundesländern vertreten waren und das Goethe-Institut uns zur Projektpräsentation nach Argentinien, Brasilien, Kolumbien und Peru eingeladen hat. Aber an den Orten, an denen die Literanauten wirksam werden konnten, haben sie ihre Spuren hinterlassen und wirken weiter.

Besondere Momente waren die vier zentralen Treffen der „Literanauten überall“ in Bad Hersfeld; jeweils ein Wochenende lang trafen sich rund 100 Literanauten, um sich mit Kinder- und Jugendliteratur und den Möglichkeiten der Literaturvermittlung zu beschäftigen. Ein Abschlusstreffen wird auch dieses Jahr noch stattfinden, vom 24. bis 26. November 2017. Auf dem Programm stehen ein spielerisch-literarischer Begegnungsabend, Projektpräsentationen der Literanauten, fünf verschiedene Workshops mit Experten aus den Bereichen Poetry Slam, Buchpräsentation, Bühne und Rhetorik, Kunst und Illustration. Und wir werden gemeinsam feiern – rückblickend auf die Zeit, die hinter uns liegt, die zahlreichen Projekte und das großartige Engagement
aller Beteiligten.

Über die Autorin:
Die Buchwissenschaftlerin Bettina Neu betreut beim Arbeitskreis für Jugendliteratur seit 2013 das Projekt „Literanauten überall“. Weitere Programminformationen und Rückblicke unter www.literanauten.org. Seit Februar 2017 ist sie zudem als Pressesprecherin für den Arbeitskreis für Jugendliteratur tätig.

Kontakt:
Bettina Neu
Arbeitskreis für Jugendliteratur e.V.
Steinerstr. 15, Haus B
81369 München
Tel.: (089) 45808082
E-Mail: neu@jugendliteratur.org
Internet: www.literanauten.org
Redaktionskontakt: schuster@dipf.de