Schülertext

Mit „BlueFiction“ in literarische Meereswelten eintauchen

20.10.2017

Schreibwettbewerb zum Wissenschaftsjahr 2016*17




Titelseite des E-Books
Titelseite des E-Books
© Arena Verlag
Vier Geschichten rund um das Meer, die berühren und nachdenklich stimmen, sind das Ergebnis des Schreibwettbewerbs „BlueFiction“, den das Onlineportal LizzyNet anlässlich des Wissenschaftsjahres 2016*17 „Meere und Ozeane“ im vergangenen Herbst ausgeschrieben hatte. Jetzt erscheinen sie im Kurzgeschichtenband „BlueFiction – Tiefe Liebe und andere Geschichten“ als E-Book bei digi:tales (E-Only-Imprint des Arena Verlags). Bei der Buchpremiere am 14. Oktober auf der Frankfurter Buchmesse präsentierten die vier Nachwuchsautorinnen und -autoren ihre Texte.
150 Jugendliche und junge Erwachsene haben im Wettbewerb „BlueFiction“ die Meere und Ozeane literarisch erkundet und Exposés für Kurzgeschichten eingereicht. Die besten vier – drei Autorinnen und ein junger Autor – wurden in einem dreimonatigen Mentoring von den erfahrenen Schriftstellerinnen Katja Brandis, Ilona Einwohlt und Jana Frey und dem und Schriftsteller Christoph Marzi bis zur Druckreife ihrer Geschichten begleitet. Entstanden sind ganz unterschiedliche Texte, von denen jeder auf individuelle und poetische Weise die Bedeutung der Meere für die Menschheit beleuchtet.

Stine Volkmann verwebt in ihrer Geschichte „Tiefe Liebe“ einen emotionalen Vater-Tochter-Konflikt mit der Faszination für das Meer und das Tauchen. In „Blaues Ada“ beschert Özge Dogans Protagonistin mit ihrer Liebe zum Ozean echte Gänsehautmomente. Ramona Meyer entführt mit „Die Freundin der Inuit“ in die Welt der kanadischen Ureinwohner und ihrer Götter. Alexander Karanikolas verfasste mit seinen Geschwistern Lena und Niko die spannende Geschichte „Der blaue Schwamm“ um eine Ölkatastrophe und deren Folgen für einen Schwammtaucher auf der griechischen Insel Leros.

Als Leseprobe veröffentliche wir nachfolgend den Text von Özge Dogan, betreut von Christoph Marzi als Mentor.

Blaues Ada
von Özge Dogan

In einer Zeit, lange vor unserer, in der die Menschen noch der Erde gehörten, die Planeten noch unsere Geschwister waren, die Natur unsere Mutter, und Tiere unsere Freunde, da lebte ein Mädchen. Es atmete, erkannte Gerüche, fühlte, sah. Es hörte und spürte alles, was es umgab. Die Pflanzen, der Regen, der Wind, sie alle lebten gemeinsam mit ihm, und das Mädchen mit ihnen. Dieses Mädchen ging mit dem Mond auf und mit der Sonne unter. Im Herbst fielen seine Blätter und seine Zapfen verbargen sich im Laub. Im Frühling gingen seine Blüten auf, bunt und duftend. Das Mädchen reifte mit den Früchten und wuchs heran, mit den Wurzeln, die wie ein Netz die Erde durchzogen.

Im Nachthimmel strahlte das Mädchen zusammen mit seinen Sternen. Es flog mit den Tauben, mit den Schwalben, mit den Adlern und mit allem, das so frei war, dass es keinen Namen hatte.
Schnee bedeckte das Mädchen im Winter, die Wärme der Sonne im Sommer.
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Das Mädchen wohnte am Ozean. An seinem Ozean. Er war der erste, den das Mädchen auf dieser Erde gefühlt hatte. All die Tage und Wochen, ja, die ganzen Jahre verbrachte es beim Ozean und seinen Kindern. Er hatte wunderschöne Kinder: Fische, Haie, Muscheln, Quallen, Wale, Delfine, Korallen. Ihnen allen schenkte er ihr Leben. Sie atmeten mit ihm, in ihm, durch ihn.

Ohne müde zu werden, beobachtete das Mädchen jenes Blau, das tief und schön war. Schon längst hatte es sein Herz verloren, an die unbändige Vielfalt und Schönheit von Farben und Klängen. Aufgang und Untergang. Sonne und Mond. Hitze und Frost. Sturm und Wind. Das Mädchen zählte Frühling, Sommer, Herbst und Winter. Jede Zeit war auf ihre eigene Art so großartig wie ein eigenes, neues Leben. Alles blühte: grün und weiß, rosa und rot, blau und orange, braun und gelb. Karmesinrot wurde zu tiefem Schwarzbraun. Weißblau verwandelte sich in Dunkelblau und Graublau. Samen, Wurzeln, Blätter, Blüten. Die Erde gab Leben, verschluckte Leben. Tod und Geburt, Fortgehen und Wiederkehren.

Alles hatte seine Zeit, alles seine Vergänglichkeit. So war das Leben an Land. Und so war das Leben im Ozean wohl auch.

Das Mädchen wusste, dass das tiefe Blau es niemals verlassen würde. Nur der Ozean blieb, er allein war das Unsterbliche. So gewaltig, so riesig, dass alles um ihn winzig erschien. Flüsse und Seen waren seine Arme, die überall hin reichten. Mit ihnen umarmte er das Land, berührte es mit Leben. Der Ozean war das Mächtigste, was jemals existiert hatte, unendlich weit, unendlich tief, unendlich weise, und unendlich schön. Von allem Leben auf diesem Planeten besaß er seinen Teil, und alles Leben besaß einen Teil von ihm. Denn seine Wellen trugen Jahrhunderte in sich, Geschichten, Gefühle, Erinnerungen. So groß und so tief war er, dass er alle Sterne und Planeten, die Sonne, den Mond, ja, das ganze Universum mit all seinen kleinsten Bestandteilen verschlucken und für alle Ewigkeit verstecken konnte.

Wenn er zornig war, bebte die Erde. Dann versteckte das Mädchen sich und suchte Zuflucht in seiner Hütte. Draußen stürmte und donnerte es. Bäume verloren zuerst ihre Blätter, dann ihre Äste, zum Schluss ihren Halt. Er riss sie aus, samt ihrer Wurzeln, und ließ sie durch die Lüfte fliegen. Mit seinen gewaltigen Wellen trug er seine Kinder von einem zum anderen Ende der Welt. Er ließ die Sonne nicht mehr atmen und die Wolken nicht mehr weiterziehen. Denn alle sollten wissen und spüren, dass er zornig war.

Das Mädchen erkannte aber auch seine Fröhlichkeit. Sie schimmerte in dem Leben, das überall atmete. Die Pflanzen blühten für die Insekten, die Bäume wuchsen für die Vögel, die Vögel flogen für die Menschen, und die Menschen dachten die Gedanken des Ozeans: Freiheit und Frieden und Respekt. Das Rauschen der Brandung war wie eine Melodie, die all diese Gedanken auf einmal sang. Niemand konnte sie sprechen, aber jeder konnte sie fühlen.

Am schönsten aber lebte der Ozean seine Trauer aus. Es war die stärkste, die bedeutsamste Emotion. Der Himmel weinte in Strömen und das Mädchen hatte keine Angst, mit weit ausgebreiteten Armen im Regen zu tanzen. Weder Sonne noch Mond wollten aufblühen, wenn der Ozean traurig war. Tag und Nacht gingen ineinander über. Die Erde erwärmte sich nicht mehr und jedes Lebewesen fühlte den tiefen Schmerz im tiefen Blau. So war die Trauer. Traurig, und doch schön.

Das Mädchen kannte den Ozean so gut, weil er immer bei ihm gewesen war. Es hatte all seine Gefühle erlebt und nie hatte es ihn allein gelassen.

Der Ozean war das Zuhause, ihre Geborgenheit, ihr Leben. Er brauchte einfach nur zu existieren, das reichte schon aus, damit das Mädchen lebte und es liebte zu leben. Das reichte, damit es ihm bedingungslos und grenzenlos sein Dasein schenkte, sich selbst schenkte. Es blutete mit ihm, es leuchtete mit ihm. Rückhaltlos – für ihn atmete das Mädchen ein, für ihn atmete es aus.

Doch dann bemerkte das Mädchen, dass der Ozean sich veränderte. Gier und Hass strömten in ihn hinein, Gleichgültigkeit und Achtlosigkeit schwemmte der Regen aus den Dörfern und Städten in die Flüsse und Bäche und diese trugen den Unrat ins tiefe Blau.

Der Ozean wurde schwächer, Tag für Tag und Tat für Tat. Die Menschen trockneten ihn aus mit ihren Taten, ihn und seine wunderschönen Kinder. Sie trockneten die Freiheit aus, den Frieden, die Vielfalt. Sie trockneten das Leben auf dieser wundervollen Erde aus. Die Dürre aus ihren Herzen berührte das tiefe Blau und nahm ihm die Farben.

Der Ozean wurde stumm, seine Wellen zogen sich zurück, seine Kinder tauchten nicht mehr auf. Das Leben an Land blieb stehen, die Natur schlief ein. Fische verschwanden, Tiere zerfielen zu Staub, Menschen litten Hunger. Die Tage wurden dunkler, die Nächte kälter. Der Mond wurde schwächer, die Sterne erloschen, die Sonne wurde matter. Die Erde leuchtete zuerst schwächer, dann gar nicht mehr.

Das Mädchen musste seinem geliebten Ozean bei seinem Untergang zusehen. Es musste zusehen, wie er mit jedem aufblühenden Tag schwand. Das Mädchen konnte ihn nicht mehr erkennen, er war ihr fremd. Nein, so durfte es nicht enden! Das Mädchen aß nicht mehr, trank nicht mehr, schlief nicht mehr, sang nicht mehr. Alles wurde anders, denn das Mädchen fühlte nicht mehr. Seine winzige Welt brach zusammen, sein winziges Herz wollte nicht mehr schlagen. Die schöne Seele des Mädchens siechte dahin, wie der Ozean selbst es tat.

Der letzte Wunsch des Mädchens war es, den Ozean zu berühren. Sein Schicksal sollte seines sein.

Es war der schrecklichste, bedeutsamste, aber gleichzeitig der schönste Untergang, den das Universum miterleben durfte. Er war der letzte. Denn das Ende des Ozeans bedeutet das Ende der Welt. Die Sterne fallen wie Hagel vom Himmel. Die Planeten drehen sich immer schneller und schneller. Der Mond erfriert und alle Sonnen verglühen. Seine Kinder, unsere Kinder leblos verstreut, überall. Kein einziges Lebewesen mehr, das atmet. Alles ist tot.

Das Mädchen dachte: Wir sind es gewesen, einzig und allein wir.

Wir haben die Liebe ausgetrocknet. Wir haben die Liebe ermordet. Das ist das Ende, und das Ende ist unser Werk.

Das Mädchen erinnerte sich an die Zeit, in der alles anders gewesen war. Damals war es in die Fluten getaucht, mit offenen Augen. Damals hatte es die Liebe zum tiefen Blau zum ersten Mal gespürt: Wer einmal in die Tiefe eintaucht, bleibt für immer, für alle Zeiten ein Teil von ihr - unter der Sonne, die im Ozean ein Farbenspiel ist, mit seinen Wunderkindern, mit der Erde, in Freiheit. Für immer bliebe man am liebsten dort, im tiefen Blau, immer weiter würde man leben, immer weiter existieren.

Doch das Mädchen musste auftauchen, wieder und wieder. Es bewunderte die Kinder des Ozeans.

Welches Glück sie hatten, dort leben zu können. Sie waren ein Teil des Ozeans und er war ein Teil von ihnen. Wie fühlt sich dieses Leben in ihm wohl an? Diese Frage versuchte das Mädchen jeden Tag aufs Neue für sich zu beantworten. Es lief immer wieder auf ihn zu, tauchte immer wieder in ihn ein.

Tauchte immer wieder auf. Das Mädchen musste auftauchen. Irgendetwas zwang es dazu, aufzutauchen. Denn das Mädchen war ein Mensch und es musste atmen. Um die Luft einzuatmen, den Sauerstoff, den der Ozean allem schenkt. Irgendetwas zwang das Mädchen, das Leben zu leben, das der Ozean allem und jedem schenkte, mit seinem Wasser, seinem Herzschlag, seinen Farben.

Doch das war lange her. Jetzt hatte sich die Welt geändert. Der Ozean war schwach. Wenn es die Hand in die Fluten eintauchte, dann spürte es seine Furcht.

Das Mädchen ging zum Ozean und lächelte, weil es einen schönen Gedanken hatte: Wegen dir liebe ich es zu atmen. Wegen dir liebe ich es zu leben. Wegen dir liebe ich es zu träumen. Aber jetzt will ich nicht mehr atmen. Ich will nicht mehr träumen. Ich will deinen Kindern nicht mehr zusehen. Ich will dich nicht mehr von fern anschauen. Ich will dich berühren. Dir helfen. Dir Mut geben. Ein Teil von dir sein. Ich will mit dir verschmelzen, zu Einem. Ich will in dich eintauchen, aber diesmal ohne wieder aufzutauchen. Ich will in dir verschwinden. Ich will dich lieben. Denn Liebe heilt alle Wunden. Liebe macht mutig und stark. Liebe wird dich heilen.

So ging das Mädchen mit pochendem Herzen in den Ozean hinein. Niemand sah es, als es versank. Der Ozean umarmte das Mädchen so zärtlich wie Liebende es tun, und dann versteckte er es für die Ewigkeit. Er bedeckte das Mädchen mit seinen Wellen, und die Welt war so blau und tief wie damals, als die Erde zu atmen begonnen hatte.


E-Book
Tiefe Liebe und andere Geschichten
Von Özge Dogan, Alexander Karanikolas, Ramona Meyer und Stine Volkmann
Mit den Mentoren Katja Brandis, Ilona Einwohlt, Jana Frey, Christoph Marzi
Herausgegeben von Lizzynet.de und digi:tales
Ein Imprint der Arena Verlag GmbH, Würzburg 2017
ISBN: 978-3-401-84011-6

Wissenschaftsjahr 2016*17 – Meere und Ozeane
Die Meeresforschung ist Thema des Wissenschaftsjahres 2016*17. Zu 71 Prozent bedecken Ozeane und Meere unseren Planeten. Sie sind Klimamaschine, Nahrungsquelle, Wirtschaftsraum – und sie bieten für viele Pflanzen und Tiere Platz zum Leben. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler untersuchen die Ozeane seit Jahrhunderten; und doch sind sie noch immer geheimnisvoll und in weiten Teilen unerforscht. Im Wissenschaftsjahr 2016*17 – Meere und Ozeane geht es um die Ergründung der Gewässer, ihren Schutz und eine nachhaltige Nutzung. Die Wissenschaftsjahre sind eine Initiative des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) gemeinsam mit Wissenschaft im Dialog (WiD). Sie tragen als zentrales Instrument der Wissenschaftskommunikation Forschung in die Öffentlichkeit. Das Wissenschaftsjahr 2016*17 wird vom Konsortium Deutsche Meeresforschung (KDM) als fachlichem Partner begleitet.
Weitere Informationen: www.wissenschaftsjahr.de/2016-17/

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