Bericht

Der LES-O-MAT

12.05.2017

Multimediale Buchempfehlungen für Leseanfängerinnen und -anfänger




Der LES-O-MAT
Der LES-O-MAT
© Uta Hauck-Thum
Der LES-O-MAT, ein Projekt zur medialen Leseförderung des Lehrstuhls für Didaktik der deutschen Sprache und Literatur und des Deutschen als Zweitsprache der Ludwig-Maximilians-Universität München und der Kinder- und Jugendbibliothek am Gasteig in München, soll Kinder und Eltern sowie Lehrerinnen und Lehrer bei der Auswahl von Büchern zum Lesen und Vorlesen unterstützen.
Unter www.les-o-mat.de sind Empfehlungen nach Altersstufen (6 bis 8 und 8 bis 10 Jahre) und nach den Kategorien Abenteuer, Grusel, Tiere, Chaos & Katastrophen, Spaß, Nachdenken, Spannung und Freudschaft abrufbar. Von Kindern der jeweiligen Altersgruppe gemeinsam mit Studierenden der LMU erstellte Kurzfilme zum Inhalt der Bücher knüpfen an mediale und literarische Vorerfahrungen der Kinder an und sollen zum Lesen motivieren. Zudem sollen Kinder zur Wertung literarischer Texte angeregt werden.

Ausgangslage
Literarisches Lernen beginnt noch vor Schulbeginn über Kinderreime und Lieder, in Erzähl- und Vorlesesituationen, beim Besuch des Puppentheaters, durch die Rezeption von Kinderhörspielen oder Filmen und zunehmend auch über die Nutzung von interaktiven Homepages und Apps am Tablet-PC1. Bei Kindern bevorzugte Formate erscheinen meist „nach dem Baukastensystem [...] gleichzeitig oder mit zeitlicher Verzögerung auf dem Markt“ (Kümmerling- Maibauer 2007, 11f) in sogenannten Medienverbundsystemen. Die Vielfältigkeit medialer Artikulationsformen von Literatur hat in den vergangenen Jahrzehnten insgesamt stetig zugenommen, was bereits bei Schulanfängerinnen und -anfängern zu einer großen Varianz an medialen und literarästhetischen Vorerfahrungen führt.

Bereits in den ersten zehn Lebensjahren bilden sich deutliche Nutzungsunterschiede im Umgang mit Medien heraus. Dabei unterscheiden sich Mädchen und Jungen in Bezug auf Medieninteresse und medienbezogene Einstellung. Beides steht im Kausalzusammenhang mit dem Erwerb medienbezogener und fachspezifischer Kompetenzen (vgl. Aufenanger/ Luca 2007, 94, Hauck-Thum 2011, 183). So wird eine kritisch-distanzierte Einstellung von Mädchen zu digitalen Medien als Grund für geschlechterspezifische Unterschiede bei der Nutzungshäufigkeit angeführt, während Defizite in der Leseleistung von Jungen unter anderem mit einer geringeren Lesemotivation einhergehen (vgl. Aufenanger/ Luca 2007, 89). Mädchen und vor allem Jungen im Grundschulalter erhalten Buchempfehlungen erfahrungsgemäß lieber von der Peergroup als von ihren meist weiblichen Lehrkräften und Müttern. Dies liegt gemäß den Ergebnissen der Studie zur Lesemotivation in der Grundschule an deren Vorlieben für Themen, die den Mädchen etwas mehr entgegenkommen (vgl. Richter, Plath 2005, 80 ff.). Grundsätzlich unterscheiden sich die Interessen der Mädchen und Jungen jedoch nicht wesentlich (vgl. Schilcher/ Hallitzky 2004, 119. ff., Bischof/ Heidtmann 28)). Beide Geschlechter bevorzugen Spannungs- und Unterhaltungsliteratur (Richter/ Plath 2005, 63 ff., Bertschi-Kaufmann 2002, 148 ff.) Die Interessen decken insgesamt jedoch ein breites Spektrum ab. Dabei orientieren sich die Präferenzen stark an Trends, entsprechenden Vorgaben der Peergroup und den Medien (vgl. Hauck-Thum 2011, 64). Auf kindliche Präferenzen und Interessendifferenzen beim Umgang mit Literatur kann demnach nur dann Rücksicht genommen werden, wenn neben den schulischen auch die außerschulischen Vorlieben und Vorerfahrungen Beachtung finden (vgl. Fölling-Albers/ Hartinger 1998, 181).

Konzept
Die Webplattform LES-O-MAT beinhaltet ein Angebot an Büchern, das nach relevanten Themenbereichen (Abenteuer, Spannung, Spaß, Chaos und Katastrophen, Grusel, Tiere, zum Nachdenken) geordnet ist. Durch Anklicken der Altersstufe (6 bis 8 Jahre und 8 bis 10 Jahre) und des bevorzugten Themas erhalten die Kinder eine multimediale Buchempfehlung zu einem oder mehreren Büchern. Auf eine Unterscheidung zwischen Mädchen- und Jungenbüchern wird bewusst verzichtet, um zu verhindern, dass Kinder vom Lesen eines Buches abgehalten werden, nur weil es gemäß der Leseempfehlung für ihr Geschlecht vermeintlich ungeeignet ist.

Die Bücher werden von der Dozentin Dr. Uta Hauck-Thum und der Bibliothekarin Barbara Eder ausgewählt. In der Altersstufe von 6 bis 8 Jahren richten sich die empfohlenen Bücher an Leseanfängerinnen und -anfänger und etwas fortgeschrittenere Leserinnen und Leser. Bis auf wenige Ausnahmen, die inhaltlich überzeugen können, werden keine typischen Erstlesebücher mit großer Schrift und wenig Text empfohlen, da diese den Ansprüchen von Kindern an eine gute Geschichte nicht entsprechen und vordergründig auf den Aspekt des Übens abzielen. In der Altersgruppe der 8- bis 10-Jährigen finden sich inhaltlich komplexere Bücher mit deutlich mehr Text. Sie eignen sich je nach Leseleistung der Kinder auch zum Vorlesen.

Sollen Mädchen und Jungen für Literatur begeistert werden, spielt die Auswahl der Texte eine ebenso wichtige Rolle wie die Art des Umgangs, die an individuelle mediale Nutzungserfahrungen und –vorlieben anknüpft und individuelle literarische Vorerfahrungen aufgreift. Literarische Bildung wird längst nicht mehr als Folge der Auseinandersetzung mit Printmedien gesehen. Kinder begegnen Literarischem und Ästhetischem auch im Rahmen ihrer medialen Alltagspraktiken, z.B. über Kino oder Fernsehfilme, Zeichentrickserien oder beim Spielen an Laptop und Tablet-PC. Entsprechende Vorerfahrungen werden bei der Produktion der Filme zu Büchern genutzt.

Die Kinder der Projektklasse erhalten vorab die Bücher von der Stadtbibliothek und dürfen diese in freien Lesezeiten lesen. Zur Umsetzung als Trickfilm werden Expertenteams aus zwei bis drei Kindern gebildet. Studierende erstellen in einem universitären Seminar in Zusammenarbeit mit der Dozentin parallel dazu kurze Drehbücher zum zentralen Buchinhalt, die dann als Basis der Trickfilme dienen. Diese entstehen im Seminar in Zusammenarbeit mit den Kindern. Als Technik kommt der Folienfilm zum Einsatz. Die Hauptfiguren und der Hintergrund werden dafür von den Kindern der Expertengruppen gezeichnet, die Figuren an Folienstreifen befestigt und von den Kindern über den Hintergrund bewegt. Den Text sprechen sie parallel zur Aufnahme mit dem Tablet-PC.

Die Umsetzung eines konzeptionell schriftlichen Textes in einen Film geht grundsätzlich mit einer erweiterten Ausgestaltung des Raumes einher. Die kreative Eigenproduktion des Folienfilms ermöglicht Kindern ästhetisch Erlebtes abzubilden und gleichzeitig persönliche Emotionen und Wertvorstellungen einzubringen. Über den Einsatz von Sprache, durch die Gestaltung und Anordnung von Bildfolgen und durch die Auswahl von Ton und Farbe haben Kinder zudem die Möglichkeit, Raumeindrücke gemäß individueller Vorstellungen ästhetisch ansprechend wiederzugeben (vgl. Hauck-Thum 2015). Professionelle Ergebnisse lassen sich auch mit der App PuppetPals HD am Tablet-PC erzielen. Dabei werden die Kinderzeichnungen in der App importiert und animiert. Die Aufnahme erfolgt direkt über die App. Die Filme dienen im Anschluss an die Aufnahme einer kritischen Selbstreflexion durch die Akteure. Kindern fallen Kritikpunkte wie leises oder undeutliches Sprechen meist selbst auf. Sprachförderliche Korrekturen werden somit nicht von der Lehrkraft verordnet, sondern ergeben sich aus den eigenen Anforderungen an das mediale Produkt, die Kindern aufgrund ihrer medialen Vorerfahrungen bewusst sind.

Potenzial
Das Angebot des LES-O-MAT wirkt sich auf unterschiedlichen Ebenen förderlich aus. Von den kindlichen Nutzern der Plattform wird vor allem schwächeren Lesern über die Rezeption eines Films der Zugang zur Literatur ermöglicht, da sie den Film als „leichter“ lesbar empfinden. Der Film macht Lust auf eine vertiefte Auseinandersetzung mit dem Buch. Zudem werden Kinder zur reflektierten und differenzierten Wertung literarischer Texte angeregt, wenn sie sich an der Umfrageaktion im Anschluss an jede Buchempfehlung beteiligen.
Die angehenden Lehrkräfte erhalten bei der Verfilmung Einblicke in eine Medienarbeit, die die Eigenaktivität von Kindern stärkt und anwendungsorientierte und kreative Zugänge zu Literatur über den Einsatz digitaler Medien eröffnet.
Die Kinder der Projektklassen setzen sich im Rahmen mediengestützter Lernszenarien mit Literatur auseinander. Wissenserwerb findet dabei an den Schnittstellen zwischen fachspezifischen Inhalten und Medien statt. Literatur wird nicht nur gelesen, sondern auch gesehen, erzählt, illustriert, animiert und verfilmt. Vielfältige Sinneserfahrungen führen zu einer intensiven Wahrnehmungsschulung, die sich auf Verstehens- und Verarbeitungsprozesse der Kinder im Umgang mit Literatur auswirkt (vgl. Hauck-Thum 2011, 184) Gleichzeitige wird bei Erstellung der medialen Eigenproduktionen das lese- und medienbezogene Selbstkonzept positiv beeinflusst, das sich unmittelbar auf den Erwerb medialer Kompetenz auswirkt, die den Bereich Lesekompetenz mit einschließt.
Der LES-O-MAT soll letztendlich Lehrkräfte dazu anregen, eigene mediale Buchempfehlungen in Ihrer Klasse zu erstellen, um Literatur konkret erfahrbar zu machen und Kinder in einem selbstbestimmten, reflektierten und gewinnbringenden Medienhandeln zu unterstützen.

Autorin:
Dr. Uta Hauck-Thum
Akademische Rätin
Lehrstuhl für die Didaktik der deutschen Sprache und Literatur
Ludwig-Maximilians-Universität München

Anmerkung:

1 Die Verfügbarkeit von Tablet-PC in Familien stieg laut der aktuellen KIM-Studie von 19 % im Jahr 2014 auf 28 % im Jahr 2016 an. Vgl. www.mpfs.de/fileadmin/files/Studien/KIM/2016/KIM_2016_Web-PDF.pdf (aufgerufen am 12.5.2017)

Verwendete Apps:
Puppet Pals HD, Polished Play LLC, 2017

Literatur:

Aufenanger, Stefan, Luca, Renate (2007): Geschlechtersensible Medienkompetenzförderung, Mediennutzung und Medienkompetenz von Mädchen und Jungen sowie medienpädagogische Handlungsmöglichkeiten, Berlin: vista

Bertschi-Kaufmann, Andrea, Wassilis, Kassis, Schneider, Hansjakob (2004): Literale und mediale Sozialisation – Übereinstimmung und Abweichung, in: Bertschi-Kaufmann, Andrea u.a. (Hrsg.): Mediennutzung und Schriftenlernen. Analyse und Ergebnisse zur literalen und medialen Sozialisation, Weinheim u. München: Juventa, 23-39

Bischof, Ulrike, Heidtmann, Horst: Lesen Jungen ander(e)s als Mädchen? Untersuchung zu Leseinteressen und Lektüregratifikationen (2002), in: Ewers, Hans-Heino (Hrsg.): Lesen zwischen Neuen Medien und Popkultur. Kinder- und Jugendliteratur im Zeitalter multimedialen Entertainments, Weinheim: Juventa, 241-250

Fölling-Albers, Maria, Hartinger, Andreas (1998): Interest of Boys and Girls in Elementary School, in: Hoffmann, L.A. u.a.: Interest and Learning, Kiel: IPN, 175-183

Hauck-Thum, Uta (2011): Geschlechtersensible Medienarbeit im Deutschunterricht der Grundschule, Baltmannsweiler: Schneider Hohengehren

Kümmerling-Maibauer, Bettina (2007): Überschreitung von Mediengrenzen: theoretische und historische Aspekte des Kindermedienverbunds, in: Josting, Petra/ Maiwald, Klaus (Hrsg.): Kinder- und Jugendliteratur im Medienverbund. Grundlagen, Beispiele und Ansätze für den Deutschunterricht. München: Kopaed

Richter, Karin/ Plath, Monika (2005): Lesemotivation in der Grundschule. Empirische Befunde und Modelle für den Unterricht. Weinheim / München: Juventa

Schilcher Anita/ Hallitzki, Maria (2004): Was wollen die Mädchen, was wollen die Jungs und was wollen wir? Zu Inhalt und Methodik eines geschlechterdifferenzierenden Literaturunterrichts, in: Neue Leser braucht das Land! Zum geschlechterdifferenzierenden Unterricht mit Kinder- und Jugendliteratur, in: Kliewer, Annette u. Anita Schilcher (Hrsg.), Baltmannsweiler: Schneider Hohengehren, 113-136


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