Bericht

Lesungen gegen das Vergessen

09.05.2017

84. Jahrestag der Bücherverbrennung




© 2017 Alexander Ochs Private
© 2017 Alexander Ochs Private
Vor 84 Jahren, am 10. Mai 1933, gingen auf dem Opernplatz in Berlin und auf öffentlichen Plätzen in vielen weiteren deutschen Städten Bücher von Schriftstellerinnen und Schriftstellern, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern sowie Publizistinnen und Publizisten in Flammen auf. Die von den Nazis initiierten und von sogenannten „Feuersprüchen“ begleiteten Verbrennungen richteten sich gegen sogenanntes „undeutsches Schrifttum“. Verbrannt wurden u. a. Werke von Bertolt Brecht, Lion Feuchtwanger, Sigmund Freud, Irmgard Keun, Erich Kästner, Heinrich und Klaus Mann, Erich Mühsam, Erich Maria Remarque, Anna Seghers, Ernst Toller, Kurt Tucholsky, Arnold Zweig, Stefan Zweig, ... Die Bücherverbrennungen leiteten die systematische Verfolgung und Vertreibung der Autorinnen und Autoren der verbrannten Bücher ein und markieren den Beginn einer grauenvollen zwölfjährigen faschistischen Diktatur, die auch vor der Verbrennung von Millionen von Menschen nicht zurückschreckte. Am Jahrestag dieses Kulturfrevels werden deutschlandweit an Schulen und Universitäten, in Theatern, Rathäusern, Bibliotheken, Museen und Buchhandlungen sowie auf öffentlichen Plätzen Texte aus den damals verbrannten Büchern gelesen, um sie auf diese Weise symbolisch wieder „aus dem Feuer“ zu holen. Die Initiative „Bücher aus dem Feuer“ veröffentlicht unter www.buecherlesung.de Termine von Lesungen und Veranstaltungen. Stellvertretend für Aktivitäten anlässlich des 84. Jahrestages der Bücherverbrennung stellen wir zwei Lesungen und eine Ausstellung in Berlin vor.

Eine Hausgemeinschaft liest gegen das Totalitäre
Elf Stolpersteine vor dem Haus, die an ehemalige jüdische Bewohnerinnen und Bewohner des Gebäudes erinnern, und das Gedenken an die von den Nationalsozialisten 1933 initiierte und gefeierte öffentliche Bücherverbrennung inspirierte die engagierte Hausgemeinschaft Schillerstraße Nr. 12 bis 15 in Berlin-Charlottenburg zu einer besonderen Aktion: Ein Lesemarathon von über zwanzig Hausbewohnerinnen und -bewohnern und interessierten Teilnehmerinnen und Teilnehmern aus dem Freundes- und Bekanntenkreis wird am 10. Mai von früh morgens bis nach Sonnenuntergang Texte verfemter, verfolgter und ihrer Existenz beraubter Autorinnen und Autoren der damaligen Zeit in Erinnerung rufen.

Texte, ein musikalisches Konzertprogramm und szenische Akzente werden dabei an den Tag der Bücherverbrennung vom 10. Mai 1933 erinnern und gleichzeitig eine Botschaft der Wachsamkeit an die Despoten, Unterdrücker und Diktatoren der Gegenwart, ihre Opfer und an eine teilnehmende und nicht wegschauende Öffentlichkeit richten. Politisch neutral, übergreifend und verbindend soll das Programm Gemeinsamkeiten aller sittlich übereinstimmend fühlenden und handelnden Menschen hervorheben und beispielgebend sein.

Unter dem Motto „Nachbarn lesen für Nachbarn – Freunde lesen für Freunde“ möchte die Hausgemeinschaft bewusst der menschlich vielfach tragischen Geschichte ihrer Wohnstätte erinnern und gleichzeitig dem einst und heute wieder vielfach verfemten Wort Gehör verschaffen: mit Texten von Heinrich Heine, Bertolt Brecht, Dietrich Bonhoeffer, Anna Seghers, Mascha Kaléko, Nelly Sachs, Hrant Dink und vielen anderen Autorinnen und Autoren, Texten von bildenden Künstlern, Wissenschaftlern und Theologen und von Autoren aus der Türkei und anderen Ländern, wo das freie Wort aktuell in Gefahr ist.

Lesung vom Sonnenaufgang um 5.20 Uhr bis zum Sonnenuntergang 20.45 Uhr
Der Lesetag, maßgeblich initiiert von der im Haus lebenden Kunsthistorikerin und Kuratorin Shulamit Bruckstein Çoruh und dem Galeristen Alexander Ochs, hat bereits im Vorfeld viel öffentliches Interesse und Zustimmung gefunden. So haben sich auch prominente Vertreterinnen und Vertreter des Kulturlebens zur Teilnahme bereit erklärt. Alle, die zuhören möchten, sind herzlich eingeladen. Der Eintritt ist frei.

10. Mai 2017, 5.20 bis 20.45 Uhr, Berlin-Charlottenburg, Schillerstraße 15, 2. Etage bei Kathrin Barwinek und Alexander Ochs
Weitere Informationen

Verbrannt. Kabinett Malik – Eine Lesung
Beschlagnahmt, verboten, zensiert! Seit Bestehen des von Wieland Herzfelde gegründeten Malik Verlags (1916 bis 1947) spielte die staatliche Zensur eine bedeutende Rolle. Publikationen wurden verboten, beispielsweise die Zeitschriften „Der Gegner“, „Die Pleite“ und „Die Neue Jugend“ oder es musste die Cover-Gestaltung zensiert werden, etwa bei den Büchern „Alkohol“ von Upton Sinclair oder „Erotik und Spionage in der Etappe Gent“ von Heinrich Wandt. Wieland Herzfelde, John Heartfield und George Grosz fanden sich bis zum Ende der Weimarer Republik unzählige Male vor Gericht wieder. Mit der Machtübernahme der NSDAP nahm die staatliche Repression zu. Auch Malik-Bücher landeten auf der Schwarzen Liste der verbotenen Bücher und wurden am 10. Mai 1933 verbrannt. Das Münzenbergforum Berlin zeigt in Zusammenarbeit mit „neues deutschland“ bis zum 28. Mai 2017 in der Kunstkantine des FMP1 – Franz-Mehring-Platz 1 in Berlin-Kreuzberg, die Ausstellung „Kabinett Malik - 100 Jahre Malik Verlag“ mit mehr als 300 Büchern, Grafiken und Briefen aus der Zeit zwischen 1917 und 1938. Zu sehen ist neben den von der angegriffenen Reichswehr, Justiz oder Kirche wütend bekämpften und letztlich immer wieder verbotenen o.g. Zeitschriften auch die Mappe „Hintergrund“ – Arbeiten von George Grosz für Erwin Piscators Inszenierung „Der brave Soldat Schwejk“ im Jahr 1927. Sie löste den längsten Prozess zur Freiheit der Kunst in der Weimarer Republik aus.
Am 84. Jahrestag der Bücherverbrennung lesen Politikerinnen und Politiker, Radiomoderatorinnen und -moderatoren, Journalisten und Aktivisten aus dem Fundus des Malik Verlages.

10. Mai 2017, 17.30 Uhr, Münzenbergsaal, Franz -Mehring-Platz 1 D-10243 Berlin
Weitere Informationen: www.muenzenbergforum.de
Redaktionskontakt: schuster@dipf.de