Bericht

Diversität in außerschulischer Literaturvermittlung

01.11.2016

Eine empirische Studie zu Projekten der Leseförderung in Deutschland




Erwähnung der einzelnen Diversitätskategorien in den untersuchten Projektbeschreibungen
Erwähnung der einzelnen Diversitätskategorien in den untersuchten Projektbeschreibungen
© Teresa Streiß
In ihrer Masterarbeit „Diversität in der außerschulischen Literaturvermittlung. Eine empirische Studie zu Projekten der Leseförderung in Deutschland“, vorgelegt am Institut für Kulturpolitik der Universität Hildesheim im Juli 2016, untersucht Teresa Streiß, welche Rolle das Thema gesellschaftliche Diversität in der außerschulischen Literaturvermittlung spielt. Im ersten Teil der Arbeit beschreibt die Autorin die Herausforderungen, die gesellschaftliche Diversität an das Lesen, die Lesesozialisation und die Literaturvermittlung stellt, und gibt einen Überblick über den aktuellen Forschungsstand. Für den empirischen Teil der Arbeit wurden 400 Selbstdarstellungen von Projekten der außerschulischen Literaturvermittlung aus den Datenbanken von „Lesen in Deutschland“ daraufhin untersucht, ob Aspekte der gesellschaftlichen Diversität in ihnen eine Rolle spielen. Der quantitativen Analyse der Projektbeschreibungen folgte eine qualitative Untersuchung ausgewählter Projekte anhand von Dokumentenanalysen und Interviews mit Expertinnen und Experten, woraus Erkenntnisse über Möglichkeiten des Umgangs mit gesellschaftlicher Diversität abgeleitet wurden. Im folgenden Artikel gibt Teresa Streiß einen Überblick über die Ergebnisse ihrer Untersuchung.

Intention und Aufbau der Studie
„... und wie die Welt von morgen aussehen wird, hängt in großem Maß von der Einbildungskraft jener ab, die gerade jetzt lesen lernen: deshalb brauchen Kinder Bücher“, das forderte Astrid Lindgren in ihrer Rede zur Verleihung der Hans-Christian-Andersen-Medaille 1958. Bücher eröffnen neue Perspektiven, regen die Phantasie und das Nachdenken an, im Umgang mit Büchern können Kinder lernen Dinge zu hinterfragen und Verständnis und Einfühlungsvermögen entwickeln. Gesellschaftliche Strukturen führen allerdings dazu, dass aktuell nicht alle Kinder den gleichen Zugang zum Lesen, zu Büchern und zu literarisch-ästhetischen Erfahrungen haben. Projekte der Literaturvermittlung bzw. Leseförderung stehen deshalb vor der Aufgabe, die hohen Potenziale des Mediums Buch (auch und gerade in der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen) mit den Anforderungen der gegenwärtigen, von gesellschaftlicher Diversität geprägten Gesellschaft zu verbinden, um positive Entwicklungen, ob rein auf den Bereich des Lesens oder auf die Entwicklung der „Welt von morgen“ bezogen, zu erwirken. Besondere Potenziale liegen dabei im außerschulischen Bereich, da dieser nicht so stark von institutionellen Normen geprägt ist und ohne Konkurrenz- und Leistungsdruck einen lustvollen Umgang mit Lesen und Literatur anstoßen kann. Um einen ersten Schritt in einer theoretisch fundierten Auseinandersetzung mit der Verbindung der Themen „Diversität“ und „Außerschulische Literaturvermittlung“ zu ermöglichen, wurde in der Masterarbeit „Diversität in der außerschulischen Literaturvermittlung. Eine empirische Studie zu Projekten der Leseförderung in Deutschland“ die Praxis außerschulischer Literaturvermittlung beziehungsweise Leseförderung, wie sie sich im Deutschland des Jahres 2015/2016 zeigt, auf ihren Umgang mit Diversitätsaspekten hin befragt. Eine begriffliche Grundlage wurde dabei durch die Entwicklung einer Arbeitsdefinition außerschulischer Literaturvermittlung geschaffen. „Außerschulische Literaturvermittlung“ meint demnach solche Projekte, die sich hauptsächlich an Kinder und Jugendliche richten, außerhalb der Schulzeit und des Kerncurriculums stattfinden und sich zum vorrangigen Ziel setzen, die Lesemotivation bei den Teilnehmenden zu erhöhen und Zugang zu Büchern zu schaffen. Davon begrifflich abgrenzen lässt sich das Konzept der „Leseförderung“, das (vor allem in theoretischen Definitionen) hauptsächlich die Steigerung von (Lese-)Kompetenzen fokussiert.

Gesellschaftliche Einflüsse auf die Lesesozialisation
Zahlreiche empirische Studien, allen voran PISA, zeigen, dass der idealtypische Prozess, in dem Kinder zu Lesenden werden, keinesfalls ungestört und generalisierbar abläuft und dass Störungen im Verlauf einer erfolgreichen Lesesozialisation nicht ausschließlich individuell zu begründen sind, sondern dass bestimmte soziale Faktoren starken Einfluss auf alle das Lesen betreffenden Entwicklungen haben. Empirisch lässt sich hier vor allem der Einfluss des (sozialen) Geschlechts nachweisen: Verschiedene Studien zeigen, dass Mädchen dem (literarischen) Lesen positiver gegenüberstehen und in vielen Bereichen eine höhere Lesemotivation zeigen, auch die Gründe für das Lesen und die favorisierten Lesestoffe sind deutlich geschlechtlich markiert.
Ebenfalls empirisch vielfach nachgewiesen sind Auswirkungen der sozialen Herkunft beziehungsweise des familiären Hintergrunds auf das Lesen der Kinder. Kinder aus finanziell besser gestellten Familien mit höherem Bildungsgrad lesen tendenziell mehr und lieber als Kinder aus Familien mit niedrigerem sozioökonomischen Status. Begründungszusammenhänge hierfür finden sich in Unterschieden bezogen auf die Art und Häufigkeit der Anschlusskommunikation sowie auf das Vorhandensein von Lesevorbildern. Entsprechend lässt sich ein Zusammenhang zwischen der Anzahl und Nutzung von Büchern im Haushalt und der Lesemotivation der Kinder nachweisen.
Ob ein Migrationshintergrund beziehungsweise die kulturelle Herkunft große Auswirkungen auf die Lesemotivation von Kindern hat, ist empirisch nicht eindeutig nachgewiesen. Es existieren zwar Studien, die Unterschiede im Leseverhalten von Kindern mit Deutsch als Erst- beziehungsweise Zweitsprache aufzeigen, allerdings ist die gesamte Forschungslage uneindeutig. Es erscheint naheliegend, die empirisch gezeigten Unterschiede nicht auf den Migrationshintergrund zurückzuführen, sondern eher auf damit möglicherweise zusammenhängende sozioökonomische Unterschiede beziehungsweise das Leseklima in den Familien. Hier besteht Bedarf an weiterführenden empirischen Studien, vor allem an einer differenzierteren Betrachtung von unterschiedlichen Migrationshintergründen und den dabei für das Lesen relevanten Faktoren.

Der Umgang außerschulischer Literaturvermittlung mit gesellschaftlicher Diversität
In der Arbeit wurde eine quantitative Untersuchung der Selbstbeschreibungen von auf www.lesen-in-deutschland.de verzeichneten Literaturvermittlungsprojekten in Deutschland durchgeführt, um einen ersten Eindruck vom „Diversitätsbewusstsein“ in der Literaturvermittlungslandschaft zu bekommen. Dabei wurden die Selbstbeschreibungen auf das Vorkommen bestimmter mit Diversität in Verbindung stehender Wörter hin betrachtet. Diese Untersuchung offenbarte eine starke Differenz zwischen Theorie und Forschung einerseits und Umsetzung in konkreter Praxis andererseits. Zeigt die bestehende Forschung, dass vor allem Geschlechtsunterschiede einen großen Einfluss auf die Lesemotivation haben, so thematisieren nur 15 der knapp 400 untersuchten Projekte vorrangig die Diversitätskategorie „Geschlecht“. Diese Projekte widmen sich vor allem der speziellen Förderung von Jungen und arbeiten häufig zielgruppenspezifisch.
Ein weiterer Unterschied zwischen Theorie und Praxis offenbart sich bezogen auf die Kategorie „Migration/Ethnie“. Obwohl ein Zusammenhang zwischen Migrationshintergrund und Leseverhalten nur unzureichend theoretisch gesichert ist, wird die Kategorie „Migration/Ethnie“ in der untersuchten Praxis am stärksten thematisiert (in 17,8 % der betrachteten Projekte), zwischen verschiedenen Migrationshintergründen/Herkunftsländern wird, außer in mehrsprachigen Projekten, selten unterschieden. Zur genaueren Klärung dieses Theorie-Praxis-Unterschieds wäre eine detailliertere Untersuchung der Zielvorstellungen und Motivationen von Nöten.
Die Untersuchung zeigte weiterhin, dass circa ein Drittel der untersuchten Projekte berücksichtigen, dass die Auswirkungen unterschiedlicher „Diversitätskategorien“ sich gegenseitig beeinflussen können. Hier fällt auf, dass vor allem ein Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Migrationshintergründen thematisiert wird (24 aus 26 Projekten, die mehrere Kategorien benennen, greifen Migrationshintergrund sowie sozioökonomischen Status auf, weiterhin finden sich in ca. einem Drittel der Projekte, die Migrationshintergründe thematisieren, auch Verweise auf den sozioökonomischen Status). Dieses Ergebnis kann zum einen interpretiert werden als das Bewusstsein, dass eher der soziale Status als der Migrationshintergrund für die Lesesozialisation von Bedeutung sind, oder aber als Reaktion darauf gelesen werden, dass in der gesellschaftlichen Realität möglicherweise ein Zusammenhang zwischen Migrationshintergrund und (schlechterem) sozioökonomischen Status besteht. Hier ist jedoch auf die Gefahr der Stigmatisierung hinzuweisen: Zwischen Migrationshintergrund und sozioökonomischem Status besteht nicht gezwungenermaßen ein Kausalzusammenhang, den eine häufige Kombination der beiden Begriffe im Diskurs jedoch nahelegt. Der Diskurs, zu dem die untersuchten Selbstbeschreibungen beitragen, kann so ohnehin in der Gesellschaft verbreitete Vorstellungen davon, Kinder mit Migrationshintergrund seien meist/immer sozioökonomisch schlechter gestellt und – da mit diesem Konzept häufig operiert wird – stets „bildungsbenachteiligt“, reproduzieren und verfestigen.
Auffällig ist weiterhin, dass die Kategorien „sexuelle Orientierung“ beziehungsweise „Behinderung“ kaum bis gar nicht thematisiert werden. Im ersten Fall lässt sich das mit dem Untersuchungsgegenstand, den Selbstbeschreibungen, begründen, da diese sich auf die Auswahl und Ansprache der Zielgruppe beziehen und die Diversitätskategorie „sexuelle Orientierung“ sich wohl eher für eine inhaltliche Auseinandersetzung bei pädagogischen Motivationen eignet.

Der (mögliche) Einfluss von Diversität in der konkreten Projektarbeit
Die beiden Komponenten „Zielgruppenauswahl“ und „Inhaltliche Ausgestaltung“ zeigen sich auch in der an die quantitative Untersuchung anschließenden Analyse ausgewählter Beispielprojekte („Ich bin ein LeseHeld“ des Borromäusvereins, Mentor e.V. sowie die Arbeit der Bödecker-Kreise) als relevant. Die qualitative Betrachtung, insbesondere in Form von leitfragengestützten Interviews mit Expertinnen und Experten, offenbarte, auf welchen Ebenen gesellschaftliche Diversität Einfluss auf die konkrete Projektarbeit haben kann. Insbesondere wurde hier die Auswahl der Zielgruppe herausgearbeitet, da als Reaktion auf den empirisch nachgewiesenen Bedarf verschiedene Zielgruppen entweder exklusiv (bei zielgruppenspezifischen Projekten), oder aber als vor allem im Fokus stehend erreicht werden sollen.
Auf inhaltlicher Ebene finden Einflüsse von Diversität ebenfalls vor allem durch die Zielgruppe Eingang, da die inhaltliche Orientierung, also vor allem die Auswahl von Themen und Medien, sich stark an den (angenommenen oder im persönlichen Kontakt erfragten) Interessen der Zielgruppe orientiert, wenngleich organisatorische beziehungsweise konzeptionelle Strukturen hier dem Idealziel der ausschließlichen Zielgruppenorientierung möglicherweise entgegenstehen, wenn die Kinder und Jugendlichen z.B. nicht in die Planung involviert werden oder Inhalte von außerhalb in die Projekte eingebracht werden, etwa durch Lehrpersonen. Ein Fokus auf besonders diversitätsbewusste Inhalte wird in den der Arbeit zugrundeliegenden Daten nicht erkennbar, wenngleich gerade die Arbeit mit Identifikationsfiguren, wie sie Standard in der Literaturvermittlung zu sein scheint, Potenzial zum Umgang mit Diversität bietet. Es eröffnet sich hier die Möglichkeit zur Abstraktion: Auf die Auswahl von Medien in Maßnahmen der Leseförderung und Literaturvermittlung bezogen zeigen sich offenbar zwei verschiedene Ansätze. Entweder wird die Auswahl der Inhalte vorrangig an den Interessen der Teilnehmenden orientiert, auch wenn damit möglicherweise eine Reproduktion von Stereotypen einhergeht, oder sie folgt von den Vermittlerinnen und Vermittlern ausgehenden (pädagogischen) Ansprüchen. Außerschulische Literaturvermittlung, die bewusst mit dem Thema Diversität umgehen will, muss sich hier zwischen diesen beiden Polen positionieren.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass gesellschaftliche Diversität, vor allem durch ihren großen Einfluss auf den Prozess der Lesesozialisation, eine Herausforderung darstellt, der sich außerschulische Literaturvermittlung stellen muss, wenn sie ihrem Potenzial als freier Akteurin in der kulturellen Bildung gerecht werden will. Die Analyse benennt weiterhin die verschiedenen Ebenen, auf denen Diversität in die Arbeit von literaturvermittelnden Projekten einfließen kann, je nach Anspruch, der mit der Arbeit verbunden wird. Sie bietet somit Ansatzpunkte für sowohl tiefergehende Forschung, als auch für die Entwicklung neuer, diversitätsbewusster Methoden und Projekte. Weitere Ergebnisse der Arbeit können bei der Verfasserin eingesehen werden.

Über die Autorin:
Teresa Streiß studierte Kreatives Schreiben, Kulturwissenschaften und Kulturvermittlung in Hildesheim und Leipzig und promoviert zurzeit am Graduate Center for the Study of Culture (GCSC) der Universität Gießen zum Thema „Konstruktion von Identitäten in der außerschulischen Kulturellen Bildung“, mit Fokus auf Literaturvermittlung/Leseförderung, bei Universitätsprofessorin Dr. Christine Wiezorek, Institut für Erziehungswissenschaft.

Kontakt:
Teresa Streiß
E-Mail: teresa.streiss@gcsc.uni-giessen.de
Redaktionskontakt: schuster@dipf.de