Bericht

Bibliotheken sind Teil der digitalen Gesellschaft

28.11.2014

„Netzwerk Bibliothek“ macht digitale Angebote und Bildungsprojekte sichtbar




Plakat der Kampagne
Plakat der Kampagne
© Deutscher Bibliotheksverband (dbv)
Die fortschreitende Digitalisierung verändert unser Lesen, Lernen und Leben. Sie schafft neue Zugänge, eröffnet ungeahnte Chancen und birgt Herausforderungen. Bei vielem sind die Bibliotheken Wegbereiter oder Unterstützer. Im August 2014 hat die Bundesregierung eine „Digitale Agenda“ beschlossen. Ihr Ziele sind unter anderem, allen Bürgerinnen und Bürgern die Teilhabe an der Digitalisierung zu ermöglichen, den digitalen Wandel in der Wissenschaft zu forcieren und Zugang zu Wissen als Grundlage für Innovation zu sichern. Und dabei den Schutz der Daten zu gewährleisten. Tatsache ist: Zu all dem leisten die Bibliotheken bereits heute einen entscheidenden Beitrag.
E-Books, kostenloses Wi-Fi, E-Learning, digitale Datenbanken, internetfähige Computer, E-Reader und E-Journals können in Bibliotheken von allen Bürgerinnen und Bürgern – unabhängig von Einkommen, Status, Alter, Geschlecht oder Herkunft - genutzt werden. Diese Angebote öffentlichkeitswirksam zu bewerben, ist das Ziel der Kampagne „Netzwerk Bibliothek“. Unter www.netzwerk-bibliothek.de präsentieren Bibliotheken in ganz Deutschland ihre digitalen Angebote und Bildungsprojekte. Ob Kiezerkundung mit Tablet-PCs, Songwriting mit dem iPad, Web Based Tranings (WBTs), Social Reading und Scientific Reading oder Open-Access-Publikationen - Bibliotheken haben viel zu bieten, wie die folgenden Beispiele veranschaulichen.

Lesen macht stark
Der Kiez polarisiert. Die Großwohnsiedlung Neu-Hohenschönhausen an der Berliner Peripherie gilt manchen als Problembezirk. Anderen als Lebensraum mit Abenteuer- und Entdeckerpotenzial. Für ein Team von Mitarbeiterinnen der Anna-Seghers-Bibliothek in Lichtenberg war genau dieser Zwiespalt spannend. Und gab Anstoß für eine Reihe von Fragen: „Wie erleben die Kinder aus Hohenschönhausen ihre Lebenswelt? Gibt es für sie in einer Großwohnsiedlung genug Möglichkeiten zum Spielen und Toben? Was kennen die Kinder in ihrer Umgebung? Und wie sah es hier früher aus?“, beschreibt Bibliotheksleiterin Sigrid Tschepe. Aus diesen Überlegungen wurde das Projekt „Wir Kinder aus Hohenschönhausen – Meine Fotostory“ geboren. Die Idee: Die Kinder aus dem Kiez ziehen mit Tablet-PCs fotografierend durch die Nachbarschaft. Die Folie dafür lieferte Kirsten Boies Kinderbuch „Wir Kinder aus dem Möwenweg“.

Ermöglicht wurde diese ungewöhnliche Kiezerkundung durch das Förderprogramm „Lesen macht stark: Lesen und digitale Medien“, das der deutsche Bibliotheksverband e.V. zusammen mit der Stiftung Digitale Chancen angestoßen hat. Es richtet sich an Kinder und Jugendliche zwischen 3 und 18 Jahren, die von Hause aus nicht an das Lesen herangeführt werden. Und es stiftet eine Reihe produktiver Kooperationen. Seit Beginn im November 2013 sind bereits 87 Bündnisse in 14 Bundesländern entstanden.

Im Makerspace – Die Stadtbibliothek Köln
„Wir sehen die Bibliothek als Ort, der neue Technologien vorstellt“, sagt Frank Daniel, Leiter Digitale Dienste der Stadtbibliothek Köln, mehrfach als „Bibliothek des Jahres“ ausgezeichnet. Hier ist der Nutzer nicht bloß Konsument, sondern Kreativer. Als erste Bibliothek in Deutschland bietet Köln einen sogenannten Makerspace an. Einen Raum, in dem ausprobiert und produziert werden kann. Im Frühjahr 2013 wurde die ehemalige Musikbibliothek neu eröffnet. Mit iPad-Arbeitsplätzen mit Musik-Apps, Vinyl-Bar zum Digitalisieren von Schallplatten, Fotoscanner, Launchpad und Mischpult, E-Gitarre, Keyboard und Flügel. Was ebenfalls angeschafft wurde: 3D-Drucker und 3D-Scanner. „Eine Technik, die unsere Gesellschaft ähnlich revolutionieren dürfte wie das Internet“, so Daniel. Schon jetzt zu testen in der Bibliothek.

Eine weitere Besonderheit des Kölner Makerspace: Nutzer geben ihr erworbenes Wissen an andere interessierte Bibliotheksbesucher weiter. So wie die Schülerinnen und Schüler der Kaiserin-Augusta-Schule, die den Workshop „Komponieren oder Songwriting mit dem iPad“ angeboten haben. Offen für alle Altersklassen. „Wir wollen nicht die Volkshochschule ersetzen“, betont Frank Daniel. „Sondern wir stellen die Infrastruktur und ermöglichen es, dass Menschen zusammenfinden“. Und Bibliotheksdirektorin Hannelore Vogt sagt: „Auch Digital Natives suchen sich einen realen Ort.“
Im Fokus steht dabei der Gedanke der Teilhabe. „Mit neuen Technologien umgehen zu können, ist eine Schlüsselqualifikation“, ist Daniel überzeugt. „Wir wollen allen die Möglichkeit verschaffen, den Anschluss an den drastischen Wandel der Medienwelt zu finden“.

Keine Gruppe der Gesellschaft bleibt ausgenommen. So hat die Stadtbibliothek Köln auch Angebote, die sich explizit an Migranten richten. Eine iPad-Ralley zum Beispiel, bei der die Teilnehmer Fragen zur Bibliothek beantworten. Oder Fotos machen, die sie den anderen Kursteilnehmerinnen und -teilnehmern beschreiben. In Vorbereitung ist ein Projekt für Flüchtlinge und speziell Flüchtlingskinder. Schließlich ist die Bibliothek nicht zuletzt ein Ort, der auch jenen offen steht, die sich vieles nicht leisten können.

E-Learning
Bibliotheken sind immer mehr als Lernorte gefragt. Zugleich hat sich die Informationssuche massiv ins Internet verlagert. „Wie können wir als moderner Bildungsanbieter darauf reagieren und eine Lernumgebung online schaffen?“, lautete entsprechend die Frage, die sich Sven Instinske stellte. Als Leiter des Bereichs Portal und eService der Bücherhallen Hamburg forschten er und seine Kollegen nach einem Modell, „mit dem die Nutzer unabhängig von Raum und Zeit Kurse abrufen können“. Als Pionier gingen die Bücherhallen – die auch Pilotbibliothek bei der Einführung von E-Books waren – 2009 mit einer „E-Learning“-Plattform online.

Über 100 interaktive Online-Kurse, sogenannte Web Based Tranings (WBTs), haben die Bücherhallen heute im Programm. Die meisten Inhalte stammen aus den Gebieten EDV, Sprache, BWL sowie Microsoft-Office-Anwendungen. „Wir würden unser Portfolio gern noch breiter aufstellen“, so Instinske, „aber wir bekommen nur Lizenzen von Anbietern, die sich auf ein Leihmodell einlassen“. Ein ähnliches Problem des Urheberrechts, wie es auch in Verhandlungen mit Verlagen über die E-Book-Leihe in Öffentlichen Bibliotheken auftaucht.

Wer das Angebot wahrnehmen möchte, muss sich lediglich in der „eBuecherhalle“ auf der Webseite mit seiner Bibliothekskundenkarte anmelden. Buchbar sind bis zu zehn Kurse gleichzeitig, die binnen 90 Tagen mit beliebig häufiger Unterbrechung absolviert werden können. „Nach eigenem Tempo und von jedem beliebigen Ort aus“, wie Instinske betont.

Für die Zukunft kann er sich auch Konzepte des „Blended Learnings“ vorstellen: die Verbindung von „E-Learning“ und Kursen vor Ort. Die Teilnehmer/-innen arbeiten zum einen selbstständig am Computer. Darüber hinaus trifft sich die Gruppe regelmäßig mit einem Kursleiter in der Bibliothek und bespricht Fragen, arbeitet Kapitel noch einmal gemeinsam durch. Die Öffentliche Bibliothek sieht Instinske als idealen Ort für den Brückenschlag zwischen digitalem und physischem Lernen: „Wir haben den Raum für die Begegnung und können online Angebote machen – das Beste aus beiden Welten“.

Social Reading und Scientific Reading
Die Digitalisierung kann Gemeinsamkeiten schaffen. Auch, wenn es ums Lesen geht. Was früher die Lesezirkel waren, ist heute das „Social Reading“. Laut Buchwissenschaftler Dominique Pleiming der „online geführte, intensive und dauerhafte Austausch über Texte“. Was bedeutet: Nutzer schließen sich in Communities zusammen, geben Lektüreempfehlungen, teilen Kommentare und Zitate. Das sogenannte Social Reading 2.0 ermöglicht sogar den Dialog im Buch: das gleichzeitige Lesen und Kommentieren. „Why make a book digital and not make it shareable?“, lautet der Slogan des Berliner Start-up-Unternehmens Readmill. Es bietet eine App für E-Reader, mit der Markierungen von Textpassagen kommentiert und über soziale Netzwerke wie Facebook oder Twitter geteilt werden können.

Interessant wird diese Entwicklung vor allem für die Wissenschaftlichen Bibliotheken. Wo eher von „Scientific Reading“ als von „Social Reading“ gesprochen wird. Rafael Ball, Direktor der Universitätsbibliothek Regensburg und Chefredakteur des Fachmagazins b.i.t.-online, sieht eine „Ko-Evolution“ im Gange: „Nicht nur verändern die digitalen Medieninhalte das Leseverhalten. Sondern der Leser wünscht sich auch schneller und besser durchsuchbare Inhalte“. Hier gerate das analoge Buch ins Hintertreffen. Vor allem in den Naturwissenschaften würden mittlerweile fast ausschließlich elektronische Publikationen genutzt, die mit verschiedenen Tools „zielgenau, sprachgenau und methodengenau“ durchsuchbar seien, so Ball.

Bereits 2012 gaben die wissenschaftlichen Bibliotheken in Deutschland 41 Prozent ihres Budgets für digitale und elektronische Medien aus (Quelle: Deutsche Bibliotheksstatistik). Aber auch die Öffentlichen Bibliotheken rüsten entsprechend auf. „Mittlerweile bieten fast 1000 Öffentliche Bibliotheken in Deutschland E-Books zum befristeten elektronischen Download an“, meldete das Börsenblatt des Buchhandels schon im Oktober 2013.

Dem Trend zur elektronischen Lektüre kann Rafael Ball zumindest aus wissenschaftlicher Warte nur Positives abgewinnen: „Wenn E-Books mit Multimedia-Inhalten und Verlinkungen mehr bieten als die reine PDF-Version des gedruckten Werkes, sind sie echte Mehrwert-Bücher“.

Recherchieren in Bibliotheken
Bei allem Fortschritt haben die Bibliotheken noch immer mit Klischees zu kämpfen. Werden als Einrichtungen voll verstaubter Bücher abgetan, die im digitalen Zeitalter überflüssig geworden sind. Was bietet zum Beispiel eine Universitätsbibliothek, was nicht auch Google liefern könnte?

Frauke Engels hat dazu ein anschauliches Beispiel parat. Die Leiterin der Abteilung Benutzung im Jacob-und-Wilhelm-Grimm-Zentrum der Berliner Humboldt-Universität schlägt eine Suchanfrage zum Begriff „Der erste Weltkrieg“ vor. Was eine Studentin oder einen Studenten vielleicht in Vorbereitung auf eine Ringvorlesung in Geschichte interessieren könnte. „Google liefert Ihnen dazu 1.720.000 Treffer“, so Engels. „Unser universitätseigenes Suchportal ‚Primus’ dagegen 5614“. Sicher, das sei immer noch viel. Aber ein erster gravierender Unterschied: bei der freien Internetsuche stoße man auf eine fragwürdige Mischung. „Qualitativ Hochwertiges neben dubiosen Homepages von Militärfanatikern“. Das Suchportal „Primus“ dagegen verweise nur auf Material aus geprüften Quellen. Und biete zudem die Möglichkeit, die Suche weiter einzuschränken. Nach Erscheinungsjahr oder Zeitraum zum Beispiel. Zudem liefere der Katalog zu den einzelnen Treffern Schlagworte, die das Einordnen erleichterten. Wie etwa „Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts“. Dahinter, betont Engels, „steckt viel geistige Arbeit der Bibliotheken“. Eine solche Systematik sei schließlich aufwendig zu erstellen.

„Primus“ – ein Verbundportal, in dem Daten fast aller wissenschaftlicher Bibliotheken Deutschlands zu finden sind – führt zu den digitalisierten Beständen. Und natürlich auch zu den gedruckten Büchern. „Manchmal genügt Online eben nicht“, so Engels. „Es gibt ja nur wenige frei zugängliche Volltexte im Netz. Was einem bei der oberflächlichen Suche vielleicht nicht sofort bewusst wird“. Die Bibliothekarin und ihre Kolleginnen und Kollegen beraten die Studierenden an der Infotheke im Grimm-Zentrum und in Workshops. „Wir zeigen, wie man eine Suche sinnvoll einschränkt. Wie man Ergebnisse bewertet“. Und sie vermitteln, „dass eine 50-seitige Darstellung ohne Fußnoten und Angabe von Quellen zu hinterfragen ist“, so Engels. Was nicht nur für Studierende relevant ist. Sondern beispielsweise auch für Journalistinnen und Journalisten, die sich nicht auf Wikipedia verlassen wollen.

Open-Access-Strategien
Entscheidend ist der Zugang zum Wissen. Ob wissenschaftliche Publikationen online frei verfügbar sein sollten?
Für Klaus Tochtermann ist das keine Grundsatzfrage. Sondern Bedingung für die Zukunftsfähigkeit des Wissenschaftsstandorts Deutschland. Der Direktor der Zentralbibliothek für Wirtschaftswissenschaften (ZBW) mit Standorten in Kiel und Hamburg – gerade zur „Bibliothek des Jahres 2014“ gewählt – beschreibt zwei wesentliche Aufgaben seines Instituts: „Zum einen müssen wir unseren Nutzern wissenschaftliche Literatur zugänglich machen“. Was über den bibliothekseigenen Server „EconStor“ geschehe, der jährlich 2,5 Millionen Downloads von derzeit rund 80.000 Fachartikeln verzeichne. „Zum anderen müssen wir der deutschen Forschungsgemeinschaft auch international Sichtbarkeit verschaffen“, sagt Tochtermann. Indem die Informationen über die deutschen Publikationen in Datenbanken weltweit eingespeist würden. So dass sie beispielsweise auch in den USA problemlos auffindbar seien.

Das Schlagwort dazu lautet: Open Access. Nicht nur auf dem Feld der Veröffentlichungen ist dieser freie Zugang gefragt. Zunehmend geht es auch darum, Forschungsdaten international zu teilen („Open Data“). Oder neu entwickelte Software der Wissenschafts-Community zur Verfügung zu stellen („Open-Source-Software“). Die ZBW betreibt die deutschlandweit größte Datenbank mit Open-Access-Publikationen im Bereich Wirtschaftswissenschaften. Was Tochtermann dabei betont: „Die wissenschaftliche Exzellenz bleibt gewährleistet“. Jede eingestellte Veröffentlichung sei auf Qualität geprüft.

Bemerkenswert ist, dass der Direktor die Leistungen der ZBW dabei nicht gegen Google ausspielen möchte. Im Gegenteil. Die Publikationen in EconStor sind auch über Google und Google Scholar, die wissenschaftliche Suchmaschine, auffindbar. „Mit all unseren Datenbanken zusammen erreichen wir so über vier Millionen Downloads von Online-Dokumenten pro Jahr“. Demgegenüber stünden ungefähr 300.000 Ausleihen vor Ort. Für Tochtermann ist die Entwicklung klar: „In den Wissenschaften wollen Nutzer die Inhalte digital“.

Der Deutsche Bibliotheksverband e.V. (dbv)
Im Deutschen Bibliotheksverband e.V. (dbv) sind ca. 2.100 Bibliotheken aller Sparten und Größenklassen Deutschlands zusammengeschlossen. Der gemeinnützige Verein dient seit 65 Jahren der Förderung des Bibliothekswesens und der Kooperation aller Bibliotheken. Sein Anliegen ist es, die Wirkung der Bibliotheken in Kultur und Bildung sichtbar zu machen und ihre Rolle in der Gesellschaft zu stärken. Zu den Aufgaben des dbv gehören auch die Förderung des Buches und des Lesens als unentbehrliche Grundlage für Wissenschaft und Information sowie die Förderung des Einsatzes zeitgemäßer Informationstechnologien. Seit dem 24. Oktober 2014 präsentieren Bibliotheken ihre digitalen Angebote wie E-Books, E-Journals, kostenloses Wi-Fi, E-Learning, digitale Datenbanken, internetfähige Computer, E-Reader und vieles mehr im Rahmen der Imagekampagne „Netzwerk Bibliothek“ unter www.netzwerk-bibliothek.de.

Kontakt:
Julia Schabos
Projektkoordination „Netzwerk Bibliothek“
Deutscher Bibliotheksverband
Fritschestraße 27-28
10585 Berlin
Tel.: (030) 644989926
E-Mail: schabos@bibliotheksverband.de
Redaktionskontakt: schuster@dipf.de